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Künftig 1 EuroSanifair erhöht Preise für Autobahntoiletten

Selbst der Toilettengang wird teurer: 70 Cent kostete er bislang auf vielen Tank- und Raststätten, doch jetzt hebt Sanifair die Preise an. Kunden sollen zwar mehr Geld zurückbekommen, doch die Sache hat noch einen Haken. 19.10.2022 - 07:45 Uhr

Sanifair erhöht die Preise für den Toilettenbesuch von 70 Cent auf 1 Euro.

Foto: imago images

Der Toilettenbesuch wird an den meisten Autobahntankstellen und Raststätten in Deutschland künftig teurer. Ab dem 18. November will der Toilettenbetreiber Sanifair die Gebühr an den von ihm betriebenen rund 400 Toilettenanlagen entlang der Autobahnen von bislang 70 Cent auf 1 Euro erhöhen, wie die Deutsche Presse-Agentur aus Unternehmenskreisen erfuhr.

Gleichzeitig überarbeitet das Unternehmen sein bekanntes Wert-Bon-Modell. Künftig erhalten die Kundinnen und Kunden von Sanifair nach der Zahlung des Toilettenentgelts einen Wertbon in voller Höhe des gezahlten Betrages von einem Euro. Bislang gab es beim Preis von 70 Cent nur einen Wert-Bon in Höhe von 50 Cent. Der Gutschein kann beim Einkauf an den Autobahnraststätten eingelöst werden – allerdings künftig nur ein Bon pro Artikel.

Für Gäste der Raststätten werde die Nutzung der Sanifair-Anlagen damit praktisch kostenneutral, erklärte das Unternehmen. Angesichts der hohen Preise an den Autobahnraststätten nutzen allerdings längst nicht alle Sanifair-Kunden die Wert-Bons.

Die Aufenthaltsqualität an einer klassischen Tankstelle ist überschaubar. Selbst auf den gepflegtesten Anlagen riecht es nach Öl und Benzol, das ständige Kommen-und-Gehen sorgt für ein Gefühl der Hektik und das kulinarische Angebot lässt viele Wünsche offen. Wer nicht muss, bleibt daher kaum länger als ein paar Augenblicke. An E-Auto-Ladestationen sieht das notwendigerweise anders aus – denn selbst die schnellste Akkufüllung benötigt mehrere Minuten. Während dieser Zeit sollen sich Kunden möglichst wohlfühlen.

Wie die Ladeparks der Zukunft aussehen könnten, hat kürzlich ein kanadischer Design-Wettbewerb mit internationalem Teilnehmerfeld auszuloten versucht. Gewonnen hat der schottische Entwurf „More with less“, ein modularer, ovaler Holzbau mit leichtem Sixties-Flair, der Kaffees, Shops und Duschen beherbergt. Angegliedert sind Spielplätze, Kunstausstellungen, Grillecken und eine Art Zen-Garten zur Entspannung.

Foto: Electric Autonomy Canada

Aktuell ist die Ladesäulen-Landschaft in Deutschland noch stark durch Steckdosen-Stelen geprägt, etwa am Straßenrand oder auf Autobahn-Rasthöfen. Der Trend geht aber zu großen Ladeparks mit Dutzenden Anschlusspunkten. Viele haben ein Dach und eine Beleuchtung, die Wohlbefinden und Sicherheitsempfinden stärken sollen.

Rein äußerlich wirken die Ladeparks auf den ersten Blick wie klassische Tankstellen. Kein Zufall, wie Linda Boll vom niederländischen Ladesäulenbetreibers Fastned erklärt: „Das Design unserer Stationen orientiert sich an dem von konventionellen Tankstellen. Dort ist es für den Autofahrenden wichtig, die nächste Tankmöglichkeit schnell und einfach aufzufinden und den Tankvorgang unkompliziert durchführen zu können.“

Foto: Volkswagen

Fastned hat daher im vergangenen Jahr gemeinsam mit anderen E-Mobilitäts-Unternehmen die größte Schnellladestation des Vereinigten Königreichs im englischen Oxford eröffnet. Der „Energy Superhub“ hängt an einem 10-Megawatt-Kabel und bietet zum Start 26 Schnellladesäulen verschiedener Betreiber mit bis zu 300 kW Leistung, die im Extremfall das Nachladen von 400 Kilometern Reichweite in 20 Minuten erlauben sollen. In der Zwischenzeit könnte der Fahrer an der angegliederten Gastronomie einen Kaffee trinken, die Toilette benutzen oder im freien WLAN surfen.

Foto: Fastned

Auch in Deutschland gibt es bereits vergleichbare Anlagen, etwa seit 2020 den Schnellladepark Seed & Greet am Hildener Kreuz der Autobahn 3. Initiator ist der regional bekannte Bäcker Roland Schüren, der bei seiner Firmenflotte schon früh auf E-Autos gesetzt hatte und mit Ladesäulen seinen eigenen Verkaufsbetrieb schnell zu einem Anlaufpunkt für die zunächst kleine, aber schnell wachsende E-Fahrer-Szene gemacht hat. Am Rande der großen Nord-Süd-Autobahn führt er das Konzept nun auf die nächste Stufe: Perspektivisch soll die Anlage 40 Tesla-Supercharger, 22 Fastned-Säulen und 52 AC-Ladepunkte bieten.

Foto: Tesvolt

Für die kulinarische Versorgung sorgt ein von dem Bäcker betriebener Imbiss, der neben Getränken und Brötchen auch frisch gebackene Pizza offeriert. Später sollen auf dem Gelände auch noch ein Bürogebäude sowie ein vertikales Gewächshaus entstehen. Dort werden auf 1000 Quadratmetern über vier Stockwerke Salat, Erdbeeren und Blaubeeren für den Bedarf der Bäckerei angebaut.

Foto: Tesvolt

Das Tankstellen-Konzept für Ladesäulenparks ist aber nicht nur in Europa beliebt. Die VW-Tochter Electrify America baut in den USA als Buße für den Diesel-Betrug aktuell ein Netz an Anlagen, die sich ebenfalls am klassischen Tankstellen-Layout und -Design orientieren, aber mehr Aufenthaltsqualität bieten sollen. Ein Dach aus Solarzellen schützt vor dem Wetter, Licht und Kameras vor Kriminellen und die Wartezeit lässt sich mit einem Kaffee überbrücken. Anders als vielerorts in Deutschland finden sich die Parks in den Städten, häufig in der Nachbarschaft von Shopping-Malls. Wer vor dem Einkauf sein Auto nicht selbst einstöpseln will, kann das einem der in den USA beliebten „Valet Services“ überlassen. Um möglichst unabhängig vom lokalen Stromnetz zu sein, nutzt VW Batteriespeicher als Puffer, die hohe Ladeleistungen ermöglichen.

Der Business-Lounge-statt-Tankstellen-Ansatz könnte Schule machen. Gerade Hersteller exklusiverer E-Autos wie Porsche und Tesla setzen bereits auf eigene Ladesäulennetze, die sich prinzipiell auch zu Marken-Leuchttürmen mit exklusivem Lounge-Zutritt ausbauen ließen.

Foto: Volkswagen

Es ist die erste Preiserhöhung bei Sanifair seit 2011. Der Schritt erlaube es, die Standards bei Sauberkeit, Service und Komfort trotz der stark gestiegenen Betriebskosten für Energie, Personal und Verbrauchsmaterialien dauerhaft aufrecht zu erhalten, betonte das Unternehmen. Sanifair ist eine Tochter der Tank & Rast-Gruppe, die den Großteil der Tankstellen und Raststätten an den deutschen Autobahnen kontrolliert.

Bons sammeln lohnt nicht mehr

Bei ADAC stieß der Schritt auf Verständnis: „Diese Maßnahme ist für Reisende und insbesondere Familien bedauerlich, ist aber aus Sicht des ADAC angesichts allgemeiner Preissteigerungen nachvollziehbar”, sagte ein Verbandssprecher. Wichtig sei, dass mit der Verteuerung auch eine weitere Verbesserung in punkto Sauberkeit und Hygiene der Raststättentoiletten einhergehe.

Positiv bewertete der ADAC, dass Kunden nach der Zahlung für den Toilettenbesuch einen Wertbon in voller Höhe des gezahlten Betrages von einem Euro erhalten. Kritisch sah der Verband dagegen, dass künftig nur noch ein Bon pro Artikel eingelöst werden kann. „Diese Maßnahme soll vermutlich den Umsatz an den Autobahnraststätten ankurbeln, verbraucherfreundlich ist sie aber nicht.”

Kritischer fiel die Einschätzung des Bundesverbandes der Verbraucherzentrale (vzbv) aus. „Die Erhöhung der Toilettenpreise um mehr als 40 Prozent, von 70 Cent auf einen Euro, wird die Bereitschaft der Autofahrer, die Sanifair-Angebote zu nutzen, weiter senken”, urteilte Mobilitätsexperte Gregor Kolbe. Dass die Kundinnen und Kunden künftig eine höheren Wertgutschein erhielten, bringe ihnen wenig. Denn die meisten Produkte kosteten an den Autobahnraststätten trotzdem ein Vielfaches dessen, was man abseits der Autobahn zahle. Und der Trick, mehrere Gutscheine zu sammeln und dann zusammen einzulösen, werde nach der Preisanpassung nicht mehr möglich seien.

Schneller schlau: Inflation
Wenn die Preise für Dienstleistungen und Waren allgemein steigen – und nicht nur einzelne Produktpreise – so bezeichnet man dies als Inflation. Es bedeutet, dass Verbraucher sich heute für zehn Euro weniger kaufen können. Kurz gesagt: Der Wert des Geldes sinkt mit der Zeit.
Die Inflationsrate, auch Teuerungsrate genannt, gibt Auskunft darüber, wie hoch oder niedrig die Inflation derzeit ist. Um die Inflationsrate zu bestimmen, werden sämtliche Waren und Dienstleistungen herangezogen, die von privaten Haushalten konsumiert bzw. genutzt werden. Die Europäische Zentralbank (EZB) beschreibt das wie folgt: „Zur Berechnung der Inflation wird ein fiktiver Warenkorb zusammengestellt. Dieser Warenkorb enthält alle Waren und Dienstleistungen, die private Haushalte während eines Jahres konsumieren bzw. in Anspruch nehmen. Jedes Produkt in diesem Warenkorb hat einen Preis. Dieser kann sich mit der Zeit ändern. Die jährliche Inflationsrate ist der Preis des gesamten Warenkorbs in einem bestimmten Monat im Vergleich zum Preis des Warenkorbs im selben Monat des Vorjahrs.“
Eine Inflationsrate von unter zwei Prozent gilt vielen Experten als „schlecht“, da sie ein Zeichen für schwaches Wirtschaftswachstum sein kann. Auch für Sparer sind diese niedrigen Zinsen ein Problem. Die EZB strebt mittelfristig eine Inflation von zwei Prozent an.
Deutlich gestiegene Preise belasten Verbraucherinnen und Verbraucher. Sie können sich für ihr Geld weniger leisten. Der Privatkonsum ist jedoch eine wichtige Stütze der Konjunktur. Sinken die Konsumausgaben, schwächelt auch die Konjunkturentwicklung.
Von Disinflation spricht man, wenn die Geschwindigkeit der Preissteigerungen abnimmt – gemeint ist also eine Verminderung der Inflation, nicht aber ein sinkendes Preis-Niveau.

Kritik am Geschäft mit der Notdurft

Beim Automobilclub für Deutschland (AvD) stieß der Schritt von Sanifair ebenfalls auf Ablehnung. Die Sanifair-Mutter Tank & Rast habe eine privilegierte Position an den Autobahnen, und lasse sich dies beim Tanken oder beim Essen in der Raststätte auch gut bezahlen, sagte AvD-Sprecher Malte Dringenberg. Egal ob Kraftstoff, Schokoriegel oder Schnitzel: Alles sei dort deutlich teurer als abseits der Autobahn. „Dass das Unternehmen mit der Notdurft noch einen zusätzlichen Euro macht und dadurch auch viele Leute vergrault und zu Wildpinklern werden lässt, sehen wir als AvD kritisch.”

Zwar können Autofahrerinnen und Autofahrer bei einem dringenden Bedürfnis auch auf eine der 1500 unbewirtschafteten Rastanlagen an den deutschen Autobahnen ausweichen. Doch ein aktueller Test des ADAC zeigt, dass ein Toilettengang dort zwar kostenlos, aber oft genug eine eher unangenehme Erfahrung ist. „Oftmals wirkten die Rastplätze ungepflegt, gerade die Toilettenanlagen waren verschmutzt oder schlecht ausgestattet”, fasste der Verband jüngst das Ergebnis von Stichproben an 50 unbewirtschafteten Rastplätzen zusammen. Mehr als jede fünfte Anlage erhielt im Test die Note „mangelhaft” oder „sehr mangelhaft”.

In 72 Prozent der Anlagen fand sich laut ADAC gar kein Seifenspender oder es war mindestens einer defekt. 26 Prozent verfügten über kein Toilettenpapier. In mehr als der Hälfte gab es zudem gar keinen oder mindestens einen kaputten Handtrockner. Besonders unerfreulich: verstopfte Toiletten und Kabinentüren, die sich nicht abschließen ließen.

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dpa
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