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  4. Verteidigung: Lambrechts Ministerium soll 150 Millionen Euro zweckentfremdet haben

Nach der Rechnungshofs-Rüge„Wir benötigen die Einsparungen dringend für die Ausrüstung“

Der Rechnungshof wirft dem Verteidigungsministerium Zweckentfremdung von mehr als 150 Millionen Euro vor. Ein Bericht entfacht jetzt Kritik in und außerhalb der Ampel-Koalition.Max Biederbeck 09.12.2022 - 11:33 Uhr

Das Verteidigungsministerium soll laut Bundesrechnungshof Coronamittel für Mieten und Pachten zweckentfremdet haben.

Foto: imago images

Es war eine Rüge zur Unzeit. Gerade erst hatte ein Streit um den Munitionsmangel für heftige Kritik an Verteidigungsministerin Christine Lambrecht (SPD) gesorgt. Dann kamen Ungereimtheiten beim Kauf des neuen F-35-Tarnkappenbombers hinzu, die belastende Schlagzeilen produzierten. Und am Ende löste Anfang der Woche auch noch ein Prüfbericht des Bundesrechnungshofs neuen Ärger aus. Die Prüfer warfen dem Ministerium vor, Corona-Mittel von rund 154 Millionen Euro für Mieten und Pachten der Bundeswehr ausgegeben zu haben, anstatt sie wie ausgemacht für Investitionen in Rüstung und Digitalisierung zu verwenden. 

Das BMVg habe damit „einen dreistelligen Millionenbetrag aus dem Corona-Konjunkturpaket zweckwidrig eingesetzt“, kritisierte der Präsident des Bundesrechnungshofs, Kay Scheller, gegenüber der WirtschaftsWoche. 154 Millionen Euro seien im täglichen Betrieb der Bundeswehr versickert. „Das können wir uns nicht leisten“, sagte Scheller.
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Es ist ein Vorwurf, dem sich jetzt weitere Kritiker aus den Reihen der Ampel Fraktion und der Opposition anschließen. Mittel müssten „besser vorgeplant und umgesetzt werden, anstatt damit den teuren Unterhalt von Liegenschaften zu betreiben“, sagte der Obmann der Grünen im Haushaltsausschuss, Sebastian Schäfer, der WirtschaftsWoche. Er kritisiert vor allem, dass das Geld ursprünglich der energetischen Sanierung zugute habe kommen sollen – was aber nicht passierte. Gerade in diesem Bereich werde aber „jeder Cent Einsparung auf Jahre Mittel freigeben, die wir für die Ausrüstung der Bundeswehr so dringend benötigen“, sagt Schäfer.

Schneller schlau: Bundeswehr
Die Streitkräfte der Bundeswehr bestehen aus den drei Teilstreitkräften Heer, Luftwaffe und Marine sowie den drei militärischen Organisationsbereichen Streitkräftebasis, Zentraler Sanitätsdienst der Bundeswehr und Cyber- und Informationsraum.
Im Frieden hat der Bundesminister der Verteidigung als Mitglied der Bundesregierung die Befehls- und Kommandogewalt (IBuK) über die Streitkräfte. Sie geht im Verteidigungsfall auf den Bundeskanzler über. Dies regeln die Artikel 65a und 115b des Grundgesetzes.
Die Bundeswehr ist eine Parlamentsarmee und benötigt daher für Einsätze die Zustimmung des Deutschen Bundestags. Auslandseinsätze der Bundeswehr finden grundsätzlich im Rahmen von Mandaten der Nato, EU oder UN statt.
„Hinter der Bundeswehr steckt mehr als Waffen und Gerät, mehr als Befehl und Gehorsam. Werte, Normen und das Grundgesetz geben ihren Soldaten und Soldatinnen, ihren Mitarbeitern und Mitarbeiterinnen, Orientierung für ihr Handeln und bestimmen so das Selbstverständnis“, heißt es bei der Bundeswehr. Neben Pflichtbewusstsein, Kameradschaft, Disziplin und Loyalität gehören laut der deutschen Armee auch Toleranz, Gerechtigkeit und Vielfalt dazu. Das Selbstverständnis der Bundeswehr formuliere einen hohen Anspruch an ihre Angehörigen und bringe diesen in drei Worten auf den Punkt: „Wir. Dienen. Deutschland.“
Stand: August 2023

Kritik kommt auch von der Union, die zum Zeitpunkt der mutmaßlichen Zweckentfremdung selbst die Verteidigungsministerin stellte, Annegret Kramp-Karrenbauer (CDU). Die Umschichtung des Gelds zur Miete zeige exemplarisch, „dass der Grundbetrieb der Bundeswehr unterfinanziert ist“, mahnt Reinhard Brandl (CSU). Der Haushaltspolitiker gibt sich überzeugt davon, dass sich die Situation in den kommenden Jahren noch verschärfen wird. „Der Kernhaushalt des BMVg stagniert, trotz Inflation und Zeitenwende“, sagt Brandl. Auch andere geben sich hinter den Kulissen der Ampel aktuell höchst irritiert darüber, wie kreativ man im Ministerium Gelder umschichte.

Bundesrechnungshof

Verteidigungsministerium soll Millionen zweckentfremdet haben

von Max Biederbeck

Laut Rechnungshof hatte das Ministerium 2020 einen Bedarf für 15 Vorhaben angegeben, die es aus dem damals verabschiedeten Konjunkturpaket finanzieren wollte. Gesamtwert: 3,2 Milliarden Euro. Der Rechnungshof hatte nur zwei dieser Vorhaben geprüft und stieß allein dabei auf Widersprüche. 

Offenbar hatten die Beamten 2021 rund 200 Millionen aus den Vorhaben dem ministerialen Haushalt zugerechnet (dem Einzelplan 14). Dort nahm man allerdings keinen Bezug mehr auf den Ursprung des Geldes: So ging auch der eigentliche Verwendungszweck des Konjunkturpakets verloren, wie der Rechnungshof kritisiert. Mit der Folge, dass die Mittel plötzlich auch für andere Ziele zum Einsatz kommen konnten. So kam es, dass von den 100 Millionen im Topf für die energetische Sanierung offenbar nur 19,3 Millionen auch für dieses Ziel ausgegeben wurden. Aus dem Topf für digitale Liegenschaften gab das Ministerium laut Rechnungshof nur 26,6 von 100 Millionen Euro aus. 

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Es war die zweite Mahnung der Prüfer in kurzer Zeit. Bereits im Oktober hatte der Rechnungshof den Anschaffungsplänen für das 100-Milliarden-Euro-Sondervermögen für die Bundeswehr „erhebliche Mängel“ attestiert. Zu viel, zu ungenau, zu liederlich: Lambrecht müsse ihre Pläne „grundlegend“ überarbeiten, kritisierten die Prüfer. Die Ministerin habe 60 Ausrüstungsvorhaben identifiziert, dabei sprengten bereits die 40 geplanten Anschaffungen das Budget.

Lesen Sie auch: Die Bundeswehr beschafft im Eiltempo neue Hubschrauber, Tarnkappenbomber, U-Boot-Jäger. Doch interne Dokumente zeigen: Es fehlt die Infrastruktur für das neue Material.

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