
Tag 4 im Wirecard-Prozess: Jetzt sind die Fronten im Wirecard-Prozess klar
Die Fronten im Wirecard-Prozess stehen: Dubai-Statthalter Oliver Bellenhaus (hinten) gegen Markus Braun. (Archivbild 12.12.2022)
Foto: dpaDer vierte Verhandlungstag im Wirecard-Prozess beginnt mit einem Streit und einem Stromausfall. Für den Stromausfall ist ausgerechnet die WirtschaftsWoche verantwortlich. Plötzlich ist der Strom in den Steckdosen weg, die Protokollführerin kommt nicht mehr an ihr elektronisches Protokoll. Immerhin: Das Licht im Saal funktioniert noch. Die Sitzung wird unterbrochen. Nach fast halbstündiger Ermittlungsarbeit entdeckt ein Justizbeamter, dass das Verlängerungskabel des WiWo-Livebloggers für den Blackout gesorgt hat. Dann kann es losgehen. Und gleich gibt es Streit zwischen Alfred Dierlamm, dem Anwalt von Markus Braun, und seinem Gegenpart, Florian Eder, dem Anwalt von Oliver Bellenhaus. Ein Streit, der sich wohl durch das ganze Verfahren ziehen wird.
Am vergangenen Montag hatte Wirecards ehemaliger Dubai-Statthalter Bellenhaus vor Gericht zugegeben, Milliarden-Umsätze gefälscht zu haben, um Wirecard als stark wachsendes Unternehmen darstellen zu können. Die angeblichen Milliardengewinne aus dem Geschäft mit Partnern – 1,9 Milliarden Euro – waren nicht auffindbar, nach Ermittlungen der Staatsanwaltschaft hat es sie nie gegeben. Bellenhaus hatte Ex-Konzernchef Braun schwer belastet, ihn als Chef der Wirecard-Bande beschrieben. An diesem Tag soll er mit seinem Eröffnungsstatement fortfahren. Doch dazu kommt es zunächst nicht.
Dierlamm nutzt die Möglichkeit, ein bisschen Luft rauszunehmen. Er bemängelt die Zeugenliste, auf der seiner Meinung nach zu wenig direkte Tatzeugen stehen. Und kündigt einen Antrag an, dass zusätzliche Zeugen geladen werden sollen. Anwalt Florian Eder sieht in Dierlamms Einlassungen ein Manöver, Zeit zu schinden. Er will, dass Bellenhaus endlich loslegen kann. „Wir haben hier eine Einlassung – die ist zu hören“, sagt er aufgebracht. Der Vorsitzende Richter Markus Födisch beendet den Zwist, Fortsetzung folgt garantiert.
„Soll ich mal an Dr. Braun schreiben?“
Es geht schließlich um die Frage, wessen Wirecard-Story hier stimmt. Braun zufolge hat Bellenhaus zusammen mit dem flüchtigen Ex-Vorstand Jan Marsalek die Millionen abgezweigt – ohne Brauns Wissen.
Bellenhaus verteidigt sich zunächst gegen die Vorwürfe aus dem Team Braun: Er habe keine TPA-Gelder beiseitegeschafft. Gelder, die auf seiner Stiftung landeten, seien normale Sonderzahlungen gewesen.
Dann geht er zur Attacke über: Brauns Verteidigungsstrategie diene allein dessen egozentrischen Eigeninteressen, sagt er.
Das Geld, mit dem Braun die Existenz von TPA-Geldern belegen will, sei zum Großteil von Wirecard selbst gekommen. Die Transaktionen habe Braun persönlich freigegeben. Bellenhaus lässt einen Chat an die Wand projizieren, es ist ein Signal-Chat zwischen Jan Marsalek und einer Mitarbeiterin aus einer Zeit, in der Bellenhaus offenbar Probleme machte. „Soll ich mal an Dr. Braun schreiben“, fragt die Mitarbeiterin Marsalek. „Gute Idee“, antwortet Marsalek.
Bellenhaus will damit belegen, dass Braun auf ihn Einfluss genommen hat, dass er ihn gelenkt hat. Ob sich das mit dem Chat wirklich nachweisen lässt, bleibt offen. Braun sei die Kontroll- und Steuerungsinstanz gewesen, sagt Bellenhaus.
Es gibt auch Signal-Chats zwischen Braun und Bellenhaus. Einen davon lässt Bellenhaus an die Wand projizieren. Bellenhaus vermeldete an Braun, dass die Protokolle raus sind. „Der Task ist erledigt.“ – „Sehr gut!!!“, antwortet Braun. Und: „Danke dir und bleibt jetzt voll dran“. Bellenhaus meldet: Abrechnungen sind fertig. „Sehr gut“, antwortet Braun. Bellenhaus will dadurch belegen, dass es Kontakt zu Braun gab, dass Braun mit dem Fake-Geschäft in Berührung war. Am Montag hat er vor Gericht erklärt, wie er die Protokolle zu den TPA-Geschäften gefälscht hat. Auch hier gilt: Es ist offen, ob sich damit eine unmittelbare Tatbeteiligung Brauns belegen lässt.
200 Millionen Transaktionsdaten seien für die KPMG-Sonderuntersuchung gefälscht worden, sagt Bellenhaus. In der Sonderuntersuchung flog der Schwindel schließlich auf, Wirecard meldete im Juni 2020 Insolvenz an. Mehr als mit Braun befasst sich Bellenhaus mit seinem ehemaligen Vorgesetzten Stephan von Erffa, der ebenfalls mitangeklagt ist und schräg rechts von ihm mit seinen Anwälten sitzt.
Von Erffa wäre gerne Finanzvorstand geworden, sagt Bellenhaus. Auf seinen Titel als „Deputy CFO“ habe er großen Wert gelegt und ihn zur Durchsetzung seiner Interessen genutzt. Er sei mitnichten ein kleiner Buchhalter am Ende der Nahrungskette gewesen. Tatsächlich sei von Erffa „der heimliche CFO“ von Wirecard gewesen.
Die Fälschungen im Bereich von Erffas seien weder durch Inkompetenz noch durch „Geisteskrankheit“ zu erklären, sagt Bellenhaus. Immer wieder habe von Erffa die Wirtschaftsprüfer getäuscht, Schecks rückdatiert. Als ein Mitarbeiter korrekte Angaben gegenüber den Wirtschaftsprüfern gemacht habe, soll dieser laut Bellenhaus von von Erffa entlassen worden sein. „Wir wussten ganz genau, was wir getan haben“, sagt Bellenhaus.
Was Bellenhaus über seine und von Erffas Arbeit berichtet, wirft ein katastrophales Bild auf die Wirtschaftsprüfer von EY, die die Jahresabschlüsse bis 2018 mit uneingeschränktem Testat versahen. Die Fälschungen hätte man leicht enttarnen können, sagt Bellenhaus. Dieselbe Geschäftsadresse eines angeblichen Händlers tauchte in mehreren Ländern auf. Teilweise verbuchte ein Händler identische Rechnungsbeträge für alle Kunden.
EY habe eine unabhängige Bestätigung für die Transaktionen gefordert und sich nicht nur auf seine Zahlen verlassen wollen. Also habe er seine gefälschten Zahlen zusätzlich noch in ein Datenbanksystem eingespeist – sie waren natürlich identisch zu den ohnehin schon gefälschten Zahlen. Das habe den Prüfern gereicht. „Es klang halt gut.“, sagt Bellenhaus.
Wenn Prüfer einen Vertrag sehen wollten, hätten er und von Erffa halt einen Vertrag im Nachhinein „zusammengefrickelt“ und zurückdatiert, dazu hätten sie sich Fake-Verträge hin- und hergeschickt.
Die Fronten im Wirecard-Prozess stehen also: Bellenhaus gegen Braun. Bellenhaus gegen von Erffa. Eine Konfrontation zwischen Braun und von Erffa ist bislang nicht zu erkennen. Am 11. Januar geht es weiter mit der Vernehmung von Bellenhaus.
Und Braun? Der will Angaben machen, sagt dessen Anwalt Dierlamm, „sobald die Vernehmung von Herrn Bellenhaus abgeschlossen ist.“ Das wird wohl im Verlaufe des Januar der Fall sein. Braun werde Fragen von allen Prozessbeteiligten beantworten, kündigt der Strafverteidiger an. Vorher will Dierlamm aber noch seine Fragen an Bellenhaus ans Gericht weiterleiten, damit sie Bellenhaus gestellt werden, denn dieser hat es abgelehnt, Fragen von verfahrensbeteiligten Anwälten zu beantworten. Richter Markus Födisch gibt zu erkennen, dass er die Fragen aus dem Braun-Lager gerne stellen wird. Aber: „Herr Bellenhaus hat ein Schweigerecht.“
Lesen Sie nachfolgend das WirtschaftsWoche-Live-Blog vom vierten Prozesstag:

























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