Lufthansa: „Das hat es im deutschen Luftverkehr noch nie gegeben“
Zahlreiche Fluggäste stehen im Terminal 1 im Flughafen Frankfurt nach dem Systemausfall vor einem Informationsschalter der Lufthansa Schlange.
Foto: dpaWirtschaftsWoche: Wegen einer globalen IT-Panne haben Tausende Passagiere bei der Lufthansa mit Verspätungen und Flugausfällen zu kämpfen. Die Systeme, etwa für das Boarding, funktionieren seit dem Morgen nicht mehr. Der Grund: Bauarbeiten an einer Bahnstrecke. Dort soll ein Bagger mehrere Glasfaserkabel der Deutschen Telekom gekappt haben. Gab es so einen Vorfall schonmal oder ist es das erste Mal, dass es aufgrund von IT-Problemen zu solchen Ausfällen kommt?
Heinrich Großbongardt: Einen IT-Ausfall in diesem Umfang hat es im deutschen Luftverkehr noch nie gegeben. IT-Ausfälle kommen ja immer mal vor, aber wenn ein Produktionsbetrieb ausfällt und die Maschinen stillstehen, dann bekommt kein Mensch etwas davon mit. Jetzt sind sofort Zehntausende betroffen – das hat weitreichende Auswirkungen.
Dass simple Kabel so gravierende Auswirkungen auf den Flugverkehr haben können, überrascht. Sichern sich Airlines nicht mehrfach ab, damit so etwas nicht vorkommt?
Natürlich versucht man sich mehrfach abzusichern, aber irgendwo hat das Ganze dann doch Grenzen. Ich bin kein IT-Experte, aber man wird kaum dieselbe Kapazität bereitstellen können. Da wird zwar etwas zertrennt, die Übertragungskapazitäten werden geringer und manche Systeme funktionieren nicht mehr. Aber am Flughafen Frankfurt ist nicht alles schwarz, sondern dort sind einzelne kritische Systeme betroffen und andere nicht.
Von den IT-Ausfällen bei der Lufthansa ist vor allem das System fürs Boarding betroffen. Passagiere können auch nicht per Strichliste in die bereitstehenden Flugzeuge gelassen werden, weil wichtige Infos fehlen.
Als Reisender macht man sich kaum eine Vorstellung, wie komplex dieser ganze Prozess ist: vom Ticketkauf über die Sitzplatzzuweisung bis hin zur Ausstellung der Bordkarte. Damit kommen Reisende zum Flughafen, die Daten müssen aber auch dort vorliegen. Als Fluggesellschaft muss ich meine Passagiere – auch aus Sicherheitsgründen – identifizieren können und sicherstellen, dass nur die Passagiere an Bord kommen, die auch ein Ticket gelöst haben. Wenn das Flugzeug losfliegt, dann muss eine Passagierliste vorhanden sein, die ganz eindeutig und fehlerfrei sagt, wer sich an Bord befindet.
Die Flugsicherung hat den Flughafen Frankfurt auch für andere Airlines für die Landung gesperrt. Kam denn sowas schonmal vor?
Das kommt wetterbedingt mal vor, dass ein Flughafen dichtgemacht wird. Aber das jetzt ist ein seltener, außergewöhnlicher Vorfall. Die Flugsicherung versucht nun zu verhindern, dass Frankfurt überläuft: Wenn Flugzeuge reinkommen, aber keine abfliegen können, kann der ganze Flughafen, der nur begrenzte Abstellkapazitäten hat, überlastet werden.
Der Vorfall wirft auch die Frage auf, wie sicher der Flugverkehr eigentlich ist – wenn schon so ein kleines Rädchen im System zu solch einem Chaos führen kann.
Auf die Sicherheit des Fliegens selbst hat dieser Vorfall keinen Einfluss. Wohl aber auf die Sicherheit am Flughafen. Man muss sicherstellen, dass nur Passagiere mit einer gültigen Bordkarte und die eindeutig identifiziert sind zum Flugzeug kommen. Ansonsten ist die Sicherheit des Flugverkehrs davon nicht betroffen.
Die Telekom hat angekündigt, die beschädigten Kabel bis zum Nachmittag zu reparieren. Ist es dann so einfach, die Systeme direkt wieder hochzufahren oder dauert es länger, auch wenn die Glasfaserkabel repariert sind?
Dieser Teil wird relativ schnell gehen, wenn die physische Verbindung wieder hergestellt ist. Aber bis alle Flugzeuge, die zu anderen Flughäfen umgeleitet worden sind, wieder an ihrem Platz sind, wird es dauern. Und auch bis der ganze Flugplan, die ganzen Umläufe der Flugzeuge wieder ordnungsgemäß eingetaktet sind. Von wetterbedingten Störungen weiß man, dass das durchaus schonmal zwei oder drei Tage dauern kann. Und das kostet einen Haufen Geld.
Also heißt es auch diesmal: warten.
Es wird nicht wieder sofort glattlaufen, das muss erst alles wieder eingetaktet werden. Der Flugbetrieb ist eine unendlich komplexe Geschichte. Wenn da so eine Störung reinspielt, dann kostet es viel Geld und viel Nerven der Passagiere und einige Zeit, bis wieder alles in Ordnung ist.
Über welche Summen sprechen wir dabei?
An einem Tag gehen für eine Airline wie Lufthansa zweistellige Millionenbeträge verloren. Denn: Die Lufthansa muss die Passagiere unterbringen oder an andere Zielorte befördern. Die Besatzungen müssen zu den Flugzeugen gebracht werden, einige überschreiten dadurch ihre Dienstzeiten und müssen woanders übernachten. Außerdem sind die Flugzeuge nicht in der notwendigen Kapazität da, wo sie gebraucht werden. Nach Störungen kommt es deshalb auch noch zu Flugstreichungen. Und das kostet richtig viel Geld. Die amerikanischen Fluggesellschaften sagen ein wenig überspitzt: Das Geld, was wir im Sommer verdienen, verlieren wir – wegen der wetterbedingten Ausfälle – im Winter. Das hinterlässt auch in der Lufthansa-Bilanz sichtbare Spuren, wenn es mehrere solcher Ereignisse gibt.
Auch wenn es ein Einzelereignis bleibt?
Die zehn, 15 oder 20 Millionen oder was auch immer das ist, sind weg, das ist klar. Da es der Lufthansa im Augenblick finanziell recht gut geht, ist das dann nur eine hintere Stelle in der Bilanz und keine vordere, die zwischen Gewinn und Verlust entscheidet.
Die Lufthansa-Aktie ist schon ins Minus gegangen. Hat so ein Vorfall Auswirkungen auf das Vertrauen der Investoren?
Das wird keine langfristigen Auswirkungen haben. Das ist anders als beispielsweise im letzten Winter in den USA, als Southwest Airlines wetterbedingt komplett zusammengebrochen ist. Das hatte einen Vertrauensverlust der Aktionäre zu Folge, weil das wirklich dramatisch war. Der Vorfall hat Kundenvertrauen zerstört und den Kurs beeinträchtigt. Aber bei der Lufthansa gibt es da keine Anzeichen, die werden das Problem innerhalb der nächsten Tage wieder in den Griff kriegen. Zum Problem würde es nur werden, wenn es länger dauert als erwartet. Das ist aber nicht abzusehen. Die Anleger werden den Vorfall eher als Naturereignis einordnen – nur dass es diesmal eben ein Baggerfahrer war.
Und was ist mit den Kunden?
Man kennt als Vielreisender wetterbedingte Störungen sowieso. Letztlich ist die Ursache zwar eine andere, aber das Ergebnis ist diesmal ähnlich. Und: Mit den Erfahrungen des vorherigen Sommers ist man durchaus gestählt.
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