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Thyssenkrupps Stahlsparte„Ob ein neuer CEO dort etwas verändern kann, ist fraglich“

Martina Merz ist bei Thyssenkrupp gescheitert, weil sie die Stahlsparte nicht verkaufen konnte. Und jetzt? Fondsmanager Ingo Speich sagt: Mit dem neuen Chef ist ein anderer Plan für den Stahl nicht wünschenswert, aber vorstellbar.Florian Güßgen 01.05.2023 - 15:54 Uhr

Thyssenkrupps Stahlwerk in Duisburg: Steht es nur für die Vergangenheit des Konzerns oder doch auch die Zukunft? Die scheidende Chefin Martina Merz ist jedenfalls daran gescheitert, dass sie keine Käufer für die Sparte finden konnte.

Foto: imago images

Anfang der Woche hat Thyssenkrupp-Chefin Martina Merz ihren Rückzug bekanntgegeben. Zum neuen Chef hat der Thyssenkrupp-Aufsichtsrat den Ex-Siemens-Manager Miguel López Borrego gekürt. Der Aktienkurs ist nach der Ad-Hoc-Meldung eingebrochen. Die Fondsgesellschaft Deka Investment hält Thyssenkrupp-Anteile in Höhe von etwa 0,3 Prozent. Ingo Speich, Leiter Nachhaltigkeit und Corporate Governance bei Deka Investment, spricht im Interview nun über die Gründe für den Abgang von Martina Merz, seine Erwartungen an den Neuen, eine mögliche Strategieänderung – aber auch über die Rolle und die Belastungen von Aufsichtsratschef Siegfried Russwurm.

WirtschaftsWoche: Herr Speich, Martina Merz verlässt – nicht ganz überraschend – Thyssenkrupp. Woran ist sie gescheitert?
Ingo Speich: Martina Merz konnte ihre Strategie nur zu langsam und zu schwach umsetzen, das hat das Vertrauen in ihre Ankündigungen schwinden lassen. Die Transformation ist schon zu oft versprochen worden, aber dann ist regelmäßig zu wenig passiert. Final hat es Frau Merz nicht geschafft, eine konsensfähige Lösung zu präsentieren. Im Ergebnis steht erneut ein CEO-Wechsel an. Thyssenkrupp verliert damit weitere wertvolle Zeit. Der Kapitalmarkt ist skeptisch und das Vertrauen in das Unternehmen geht verloren. Dieses verloren gegangene Vertrauen spiegelt der Aktienkurs deutlich, der Kurs ist entsprechend eingebrochen.

Also alles auf Start?
Wir können nur an alle beteiligten Parteien appellieren, über ihre Schatten zu springen und endlich eine konsensfähige Lösung zu finden und mitzutragen. Dass der Umbau so eines Konzerns mit Friktionen verbunden ist, liegt auf der Hand. Doch offenbar ist der Druck derzeit nicht ausreichend, anders als es zu der Zeit vor dem Verkauf der Aufzugsparte der Fall war. Zugute halten muss man Frau Merz, dass sich der Cashflow verbessert hat. Zumindest von der Seite steht Thyssenkrupp nicht mehr unter dem unmittelbaren Eindruck handeln zu müssen. Allerdings lähmen die Ereignisse im Konzern die gesamte Organisation und machen es natürlich auch für die Vorstandschefin – oder demnächst den kommenden Vorstandschef – schwieriger, konsensfähige Lösungen durchzusetzen.

Deka-Manager Ingo Speich ist Head of Sustainability & Corporate Governance bei Deka-Investments.

Foto: Deka Investments

Was erwarten Sie von Miguel López?
Herr López muss schnell Erfolge vorweisen und zeigen, dass er die Strukturen verändern kann. Er muss beweisen, dass die Neuausrichtung erfolgreich vorangehen kann.

Martina Merz hat in ihrem Abschiedsbrief an die Mitarbeiter geschrieben, dass jetzt, nach der „Rettungsaktion“, eine neue Phase anbreche. Ist Merz wirklich eine Retterin gewesen?
Die Rettung bestand darin sicherzustellen, dass das Unternehmen mittelfristig überlebensfähig ist. Das hat sie durch den Verkauf der Aufzugssparte und der damit erwirtschafteten Liquidität geschafft. Leider ist sie nicht konsequent weiter gegangen. Das führte zu dem Scherbenhaufen, vor dem wir nun stehen. Keiner weiß, wohin die Reise gehen soll. Frau Merz hat versäumt, den Elektrolyseur-Hersteller Nucera an die Börse zu bringen, als das Umfeld noch gut war. Zudem ist es nicht gelungen, das Stahlgeschäft in neue Hände, sprich zu einem anderen Eigentümer, zu überführen. Das alles geschah in einer Zeit, in der das Stahlgeschäft massiven Rückenwind hatte. Und dann konnte sie die Stahlsparte nicht so aufzustellen, dass sie eben nicht mehr das Schlusslicht in Europa ist.

Lesen Sie auch: Deshalb ist Martina Merz bei Thyssenkrupp gescheitert

Am Verkauf der Stahlsparte sind auch Merz Vorgänger gescheitert. Es gibt jetzt offenbar kaum ernsthafte Interessenten. Ist das eine Mission Impossible?
Ein Verkauf ist eine schwierige Mission. Und deshalb sollte man mit Vorschusslorbeeren für den neuen CEO sehr vorsichtig sein. Bei Thyssenkrupp haben es mehrere, sehr geeignete CEOs nicht geschafft, das Stahlthema zu lösen. Ob ein neuer CEO dort etwas verändern kann, ist fraglich. Alle beteiligten Personen müssen dafür einen gewissen Reformwillen zeigen. Die Frage steht im Raum, inwieweit die Stahlsparte nicht doch zum Kerngeschäft gehört und ob man sich nicht besser von anderen Einheiten trennt. 

Ich bin überrascht, dass Sie sagen, man müsste zumindest erwägen, den Stahl doch wieder zum Kern des Konzerns zu machen. Denn das ist ja genau das, was die bisherige Strategie ausschließt. Und bisher hat die Kapitalseite auch immer gesagt: Das wollen wir keinesfalls. Woher kommt der Sinneswandel?
Das ist kein Sinneswandel, sondern hängt vielmehr von der Gesamtstrategie ab, wie das Unternehmen strukturiert werden soll. Die jetzige Strategie, den Stahl zu verkaufen, ergibt Sinn. Wenn sich aber kein Käufer findet, muss eine andere Lösung gefunden werden – auch wenn diese aus Kapitalmarktsicht weniger favorisiert wäre. Der Stillstand muss ein Ende haben. Mit dem neuen Vorstandschef werden die Karten neu gemischt. Ein Strategiewechsel ist nicht auszuschließen.

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Es gibt innerhalb von Thyssenkrupp eine Außenseiterargumentation, die besagt: Macht doch das Stahlgeschäft mit der Direktreduktionsanlage in Duisburg zu einem grünen Kern und gruppiert weitere grüne Unternehmen – Nucera etwa – dazu, sodass eine Art Greentech-Unternehmen entsteht.
Strategiewechsel sind jetzt denkbar, die für Martina Merz nicht umsetzbar gewesen wären. Wenn Thyssenkrupp in ein grünes Unternehmen transformiert werden könnte, würde das am Kapitalmarkt mit positiven Bewertungsaufschlägen goutiert. Dafür müsste enorm viel Geld investiert werden. Geld, das die vorangegangene Führung nicht hatte, da es für andere Bereiche eingeplant wurde. Mal schauen, wie das neue Management das heute sieht. Sicherlich ist dies die gefährlichere Strategie, weil sie mit enormen Investitionen verbunden ist und sehr viel Zeit beanspruchen wird. Und im gesamten Kontext der vergangenen fünf Jahre, würde ich ein Fragezeichen dahinter machen, ob das sinnvoll ist.

Die Nominierung von Miguel López wird auch damit gerechtfertigt, dass er bei Siemens-Erfahrungen gesammelt habe, wie man mit einem – nun ja – unübersichtlichen Unternehmen umgeht. Sind das Qualifikationen, die ihn wirklich für Thyssenkrupp prädestinieren?
Miguel López hat einen Konzernhintergrund, der ihm helfen kann, die unterschiedlichen Interessenlagen schneller zu antizipieren und zu moderieren. Aber auch Heinrich Hiesinger hatte einen Konzernhintergrund, sogar aus dem Siemens-Vorstand. Das alleine reichte nicht. Warum soll Miguel López plötzlich umsetzen können, was seit einem Jahrzehnt nicht umgesetzt worden ist?

Die Lage bei Thyssenkrupp ist nicht allein die Schuld der Vorstandsvorsitzenden. Trägt der Aufsichtsrat eine Mitverantwortung für die Misere?
Ja. Der Aufsichtsrat hat bei Thyssenkrupp eine Bringschuld. Er muss den Vorstand nicht nur kontrollieren, sondern auch bei der Umsetzung unterstützen. Der Aufsichtsrat wirkt aus der externen Perspektive sehr passiv.

Angesichts der gegensätzlichen Haltungen gegenüber dem Stahl ist das nicht einfach...
Das ist der Punkt. Gerade deswegen sollte der Aufsichtsrat den Vorstand unterstützen. Aber Siegfried Russwurm ist ein vielbeschäftigter Mann. Er hat mehrere Mandate. Das zeigt wiederum, die Arbeitsintensität bei so einem Mandat sollte nicht unterschätzt werden.

Hätten Sie von Russwurm mehr erwartet?
Wir sind schon der Meinung, dass die Anzahl seiner Mandate hoch ist. Thyssenkrupp ist ein vielschichtiges und zeitintensives Mandat. Ein klarer Fokus auf Thyssenkrupp ist notwendig.

Lesen Sie hier, warum Martina Merz bei Thyssenkrupp genau gehen muss und wie die Anteilseigner des Konzerns auf die Nachricht reagiert haben 

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