Stahl bei Thyssenkrupp: Was soll dieser Friedensschluss?

Wie, das soll’s jetzt gewesen sein? Das Ende eines, dieses Streits?
Zur Erinnerung. Seit über zwei Jahren ringen Miguel López, der Thyssenkrupp-Chef, und die Gewerkschaft IG Metall ums Geld für die Stahlsparte. Mal erbittert, mal wütend, mal polternd. Im Zentrum stand dabei immer die Frage: Wie viel Geld ist nötig, wenn Thyssenkrupp Steel Europe, „der Stahl“ in Duisburg, eigenständig werden soll, inklusive einer realistischen Überlebenschance? Sind es 2,5 Milliarden Euro? Oder doch 3,5 Milliarden Euro? Oder sogar über 4 Milliarden Euro?
Heerscharen von Beratern haben sich wund verdient, um hier Antworten zu finden. Gutachten nach IDW-Standards, mal nach Standard 11, mal nach Standard 6, wurden in Auftrag gegeben, erwartet, diskutiert – und haben doch nie das Licht der Öffentlichkeit erblickt. López legte sich in der Angelegenheit sogar unheilbar mit dem Vorstand der eigenen Tochter an. Das Ergebnis war eine Tabula-Rasa-Aktion historischen Ausmaßes, bei der López fast alle Spitzenmanager herauswarf.
Kein Knall, kein Karumms
Und jetzt also das: Kein Knall, kein Karumms, sondern ein: Pffffff. „Thyssenkrupp schließt mit der IG Metall Sanierungstarifvertrag ab“, lautete die Pressemitteilung der Stahlsparte am Montagnachmittag. Darin wurde vermeldet, dass sich Gewerkschaft und Thyssenkrupp auf die „noch ausstehenden Details“ des Sanierungstarifvertrags geeinigt hätten.
Diesen Tarifvertrag hatte die heutige Stahlchefin Marie Jaroni noch als Transformationsvorständin mit der IG Metall im Sommer im Grundsatz ausgehandelt. Das Ziel: Runter mit der Produktionskapazität von heute 11,5 Millionen Tonnen Rohstahl im Jahr auf knapp 9 Millionen Tonnen, und weg mit 11.000 von derzeit noch rund 26.000 Jobs. Das sieht der Sanierungsplan vor. Nur die Finanzierung war noch offen. Es war das Faustpfand der Gewerkschaften, um möglichst viel Mitgift zu erwirken.
Und jetzt heißt es plötzlich also: Alles geregelt. Hier gibt es nichts zu sehen. Gehen Sie bitte zügig weiter. Für den „Restrukturierungszeitraum“ bis Ende September 2030 sei die „notwendige Finanzierung“ gesichert, heißt es in der Erklärung. Was das im Detail heißt? Nebel. „Über die Konditionen haben die Parteien Vertraulichkeit vereinbart“, heißt es.
Erst einmal wird Zeit gewonnen
Die Absicht hinter dem so neuartigen Duisburger Friedensschluss lässt sich unschwer erkennen. Alle, wirklich alle Beteiligten, haben ein Interesse daran, dass ein Deal mit der indischen Stahlfamilie Jindal zustande kommt. Die hat im September über ihr Vehikel Jindal Steel International ein nicht bindendes Kaufangebot für Thyssenkrupp abgegeben und Investitionen in Milliardenhöhe versprochen.
Seither umwerben die Jindals Politik und Gewerkschaften gekonnt. Und die lassen sich gerne locken. Miguel López will den Stahl auf diesem Weg loswerden, endlich, weil er ihn dann nicht langsam und grausam eingehen lassen muss. Die Gewerkschaften wollen den Deal, weil sie hoffen, dass sie so jene Investitionen sichern können, die López verweigert. Und die Politik in Berlin und Düsseldorf will den Deal, weil damit vorerst Ruhe ist im Pott. Es stehen wichtige Wahlen an. Da stören demonstrierende Stahlarbeiter vor Staatskanzlei oder Kanzleramt.
Der Friedensschluss setzt nun darauf, dass mit einer für alle gesichtswahrenden Zwischenlösung Zeit gewonnen wird, die Jindals in dieser Zeit mit Milliarden alle Probleme lösen – und dass man sich dann wieder verhaken kann, wenn der Deal doch platzen sollte.
Was die Einigung beinhaltet, darüber kann man nur mutmaßen. Mutmaßlich bleibt Thyssenkrupp Steel nun länger im sogenannten Cash Pool, dem gemeinsamen Finanzsystem der Thyssenkrupp AG, als das bisher geplant war. Das wäre ein Punktsieg der Gewerkschaften. Dass es dazu eine finanzielle Zusage von Thyssenkrupp gibt, erscheint wahrscheinlich. Mit warmen Worten allein dürften sich nach all dem ganzen Getöse kein Gewerkschafter zufriedengeben – selbst im kollektiv erzeugten, bunten Friedensnebel nicht. Aber dass öffentlich keine Summe genannt worden ist, kommt beiden entgegen: López und der IG Metall. So weiß niemand, wer wie viel Geld konzediert hat – und welche Sicherheiten hinterlegt wurden.
Adventliche Unruhe bei der HKM
Dass damit wirklich adventliche Ruhe einkehrt in Duisburg, ist dennoch unwahrscheinlich. Heute veröffentlichte Marco Gasse, der Vorsitzende des Betriebsrats des Stahlkonzerns HKM, einen Brief, in dem er Thyssenkrupp frontal angreift. Bei der HKM im Süden Duisburgs arbeiten etwa 3000 Menschen. Das Unternehmen ist ein Joint Venture von Thyssenkrupp (50 Prozent), der Salzgitter AG (30 Prozent) und dem französischen Röhrenhersteller Vallourec (20 Prozent).
Thyssenkrupp hat erklärt, dass es bis spätestens 2032 keine Stahlvorprodukte mehr von der HKM erhalten will. Nachdem ein Verkauf des Unternehmens gescheitert ist, steht nun die Schließung im Raum. Vor allem die Salzgitter AG um ihren Chef Gunnar Groebler muss eigentlich seit Wochen Farbe bekennen, wie sie mit der HKM umgehen will. Offenbar erwägt Groebler jedoch ernsthaft, die HKM in kleinerer Form und mit anderer technischer Ausstattung – etwa einem Elektrolichtbogenofen anstatt von den jetzigen zwei Hochöfen – weiter zu betreiben. Dafür bräuchte er aber ebenfalls eine Art Mitgift von Thyssenkrupp. Der Betriebsratschef wirft Thyssenkrupp vor, „mit dem Gedanken der Schließung oder der vertraglichen Konfrontation zulasten der HKM“ zu spielen. „Dieser Gedanke wirkt wie Gift.“
Dieser Brief zeigt: Auch bei der HKM stehen nach langem Vorgeplänkel Tage der Entscheidung an. Völlig unabhängig von den Verhandlungen mit den Jindals ist dieser Streit nicht. Denn wenn Thyssenkrupp Steel Europe der HKM eine Mitgift zahlen soll, macht es das für den Mutterkonzern in jedem Fall teurer – einerlei, ob er das zusätzliche Geld dann direkt an Salzgitter zahlt oder an die Jindals. Noch sind also, trotz des heutigen bemerkenswerten Friedensschlusses, längst nicht alle Finanzfragen geklärt.
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