Dieselskandal: Bayerische Mogelwerke

Bei der Motorqualität schaute BMW immer genau hin, bei der Abgasreinigung eher nicht.
Foto: imago imagesWer noch an das Gute in der Autowelt geglaubt hat, der muss heute neu nachdenken.
Es haben eigentlich fast alle großen Hersteller bei den Stickoxidemissionen manipuliert. Das hat in den Jahren, die seit der Aufdeckung des Dieselskandals vergangen sind, wirklich jedes Kind verstanden. Aber BMW? War da nicht alles gut? Oder zumindest weniger schlimm?
Jahrelang behaupteten die Bayern steif und fest, bei der Abgasreinigung nie manipuliert, nie Gesetze gebrochen zu haben. Es wäre wirklich schön gewesen, das glauben zu können: Wir ebenso grünen wie gründlichen Deutschen können eben auch anders als Volkswagen.
Exorbitante Messwerte der DUH
Können wir? Ich fürchte, der letzte Heldennotausgang der Autonation hat sich gerade geschlossen. Die Deutsche Umwelthilfe hat exorbitante Abgaswerte bei BMW-Fahrzeugen gemessen und kann nun offenbar auch auf Softwareebene nachweisen, dass diese Werte keine Zufälle und keine Unfälle sind: Sie seien, so die DUH, bewusst in die Software geschrieben worden.
Das Gutachten des Softwareexperten Felix Domke, der auch als Sachverständiger für das Kraftfahrtbundesamt tätig war, ist glaubwürdig. Demnach wird die Abgasreinigung in völlig alltäglichen Fahrsituationen heruntergefahren – weil die Klimaanlage läuft, weil es kälter als 14 Grad ist, weil langsamer als 50 km/h oder schneller als 140 km/h gefahren wird.
Von diesen sogenannten Abschalteinrichtungen haben Gerichte und das Kraftfahrtbundesamt schon viele als illegal identifiziert. Die bekannteste ist das „Thermofenster“: Wenn es draußen kälter als etwa 10 Grad ist oder heißer als 39 Grad, dann wird die Abgasreinigung teilweise abgeschaltet. Das ist ein Klassiker in der Branche – aber illegal, wie der Europäische Gerichtshof entschieden hat. Zwar sind ausnahmsweise Abschaltungen erlaubt, aber weil es in Deutschland das halbe Jahr unter 14 Grad warm ist, wurde die Ausnahme hier zur Regel.
Warum macht ein Hersteller solche illegalen Abschaltungen? Um sich eine leistungsfähigere Abgasreinigung zu sparen und den Gewinn pro Auto um ein paar Hundert Euro zu erhöhen.
Schon öfter hat die Deutsche Umwelthilfe bei BMW-Modellen Stickoxidwerte gemessen, die bei einer normal funktionierenden Abgasreinigung eigentlich nicht auftreten dürften. Reaktion von BMW: Falsch gemessen! Diesen Vorwurf wollte die DUH nicht auf sich sitzen lassen. Was die Organisation aber fast noch mehr angespornt haben dürfte, emsig weiterzumessen und am Ende eine Datenbasis von über 300 Messungen zu haben: das stolze Gebaren der Münchner nach dem Auffliegen des branchenweiten Skandals.
Süffisante Kritik an der Konkurrenz
Der Konzern schaltete Zeitungsanzeigen, in denen er etwas machte, das es in der Branche zuvor noch nie gab – er zeigte mit dem Finger auf die anderen. Unter der Überschrift „Unsere Diesel halten, was wir versprochen haben“, war zu lesen: „Seit vielen Jahren für Ihre Effizienz gelobt, stehen Dieselmotoren momentan wegen ihrer Stickoxidemissionen in der Kritik. Nun, wir können nicht für andere Hersteller sprechen, aber unsere Diesel haben stets gehalten, was wir versprochen haben.“
Nun, ich kann nicht für die anderen Hersteller sprechen. Aber als Automanager bei VW, Mercedes, Audi oder Opel hätte mich diese Selbstgewissheit doch ziemlich aufgeregt. Zumal ich als Automanager womöglich Kenntnis darüber gehabt hätte, dass bei BMW auch nicht alles im grünen Bereich war. Denn im Zuge der Konkurrenzbeobachtung ist es üblich, auch bei den anderen Herstellern ganz genau hinzusehen. Aus diesem Grund war auch der frühere BMW-Vorstand Herbert Diess nach seinem Wechsel zu VW nicht sehr überrascht über deren Abgasskandal. Schon bevor der Skandal öffentlich war, wusste man in München, was in Wolfsburg läuft.
Die Diesel von BMW haben stets gehalten, was BMW versprochen hat? Da muss sich BMW die Frage stellen lassen: Was hat BMW versprochen? Dass ihre Autos sauber sind, man aber halt nicht eine vierzehnprozentige Steigung hochfahren sollte (Überschreitung des Grenzwerts laut DUH um rund 3200 Prozent), man besser nicht mit 143 km/h auf der Autobahn unterwegs sein sollte (Überschreitung rund 1400 Prozent) oder gar bei 1 Grad Celsius Außentemperatur verreisen sollte (Überschreitung rund 1300 Prozent)?
Reaktion heute von BMW: Es sei „nicht nachvollziehbar, dass immer wieder versucht wird, mit unrealistischen Fahrsituationen vorsätzlich extreme Messwerte zu provozieren“.
Dem ist nichts hinzuzufügen.
Transparenzhinweis: In einer früheren Fassung war von einer fünfprozentigen Steigung die Rede. Es handelte sich um eine vierzehnprozentige Steigung. Wir haben dies korrigiert und bitten, den Fehler zu entschuldigen.
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