Karriereleiter: Krisen-Rhetorik: Ersparen Sie uns Ihre Empörung
„Ich bin fassungslos.“
„Ich weiß echt nicht, was ich dazu noch sagen soll.“
„Ich könnte ausrasten.“
„Ich bin empört!“
Ach ja? Wenn ich so etwas höre oder lese (etwa als Kommentare unter Posts in sozialen Medien), denke ich: Diese ganzen Ichs interessieren mich nicht.
Es ist ja klar, dass viele mittlerweile stärker auf die Formulierungstube drücken, um im Wust der Statements und Meinungsäußerungen noch durchdringen zu können.
Doch was suggeriert ein solches „Ich bin empört!“-Statement?
- Da entgleiten jemandem die Emotionen.
- Jemand empfindet eine Entwürdigung und meint, sie kundtun zu müssen.
Mit anderen Worten: Jemand hält seine eigene Gefühlslage für von öffentlichem Interesse. Und dessen Gefühlslage ist geprägt von eigener Irritation. Es ist ein Kränkungsgefühl.
Beides ist per se weder ausgesprochen sympathisch noch überzeugend: Selbstbezug in der eigenen Verunsicherung. Aber das wollen wir doch: andere von unseren Anliegen überzeugen.
Ich komme drauf, weil es gerade einen aktuellen Fall gab: Der Realschullehrerverband hat sich über eine Werbekampagne des baden-württembergischen Kultusministeriums empört. Was war da?
Auf mehreren Plakaten wirbt das Land mit unterschiedlichen Sprüchen wie „Lust auf Veränderung? Dann werde Lehrer*in“ um Quereinsteiger. Eines der Plakate hängt am Stuttgarter Flughafen. Auf dem stand bislang: „Gelandet und gar keinen Bock auf Arbeit morgen? Mach, was dir Spaß macht, und werde Lehrer*in.“
Ob Absicht oder nicht: Natürlich kann man diesen Slogan nun so interpretieren, dass man als Lehrer längere Ferien gehabt hätte, was mehr Spaß macht. Eine Rückkehr mit dem Flugzeug wäre dann noch nicht nötig gewesen. Wenn Sie wollen, können Sie herauslesen: Die Lehrtätigkeit ist keine richtige Arbeit. Im Vergleich zum oben genannten Spruch „Lust auf Veränderung? Dann werde Lehrer*in“ steckt also mehr Zunder drin.
Vielleicht sollte der Slogan aber auch einfach nur ausdrücken: Als Lehrer hast du zukünftig kein Frustgefühl mehr, wenn der Urlaub zu Ende geht. Aus Sicht der Adressaten der Kampagne (junge Quereinsteiger) sind zumindest sämtliche mögliche Botschaften durchaus verlockend. Für den Erfolg einer Werbekampagne eine gute Voraussetzung.
Der Realschullehrerverband allerdings ist empört über dieses eine Plakat. Dessen Vorsitzende teilte vergangene Woche mit: „Man wusste vor dieser Kampagne nicht, wie viel Blödheit auf ein einziges Plakat passt.“ Es werde suggeriert, dass es Lehrkräften nur um die Ferien gehe. Diese Unterstellung rücke „den Berufsstand in ein unglaubliches Licht.“
Heißt: Die Vorsitzende kann nach eigenem Bekunden gar nicht glauben, in welche Art von Licht besagter Berufsstand angeblich gerückt werde. Es fehlt ihr dazu also ausreichend Vorstellungskraft.
Und weiter: „Deutlicher und niveauloser kann man die Geringschätzung des Lehrerberufs in Baden-Württemberg nicht ausdrücken. Die Verantwortlichen sollten sich in Grund und Boden schämen.“
Hier sucht das Ministerium eines Bundeslandes, das sich selbst ironisch als „The Länd“ bewirbt, also händeringend nach neuen Lehrerinnen und Lehrern aller Identitäten, um die Schulen kurzfristig personell besser auszustatten und damit zu stärken, und das Sprachrohr des Realschullehrerverbandes ist empört über das eine Plakat aus einer Reihe von Plakaten.
Fühlen wir einmal in uns hinein. Ohne die Verbandschefin zu kennen – wie empfinden Sie sie? Was ist das wohl für eine Frau? Fällen Sie einmal nach Herzenslust Vorurteile auf Basis des Wenigen, was Sie über diese Person wissen.
Entscheiden Sie:
- in sich gekehrt oder extrovertiert?
- humorvoll oder verbiestert?
- in sich ruhend oder hibbelig?
- flexibel oder strikt nach Schema?
- innovationsstark oder traditionsbewusst?
- robust oder dünnhäutig?
- versöhnlich oder aufwieglerisch?
- motivierend oder einschüchternd?
- selbstbewusst oder an sich selbst zweifelnd?
All das können wir nicht sicher wissen. Aber dennoch trauen wir uns ein erstes Urteil zu. Und das müssen wir umgekehrt auch wissen, wenn wir uns mit wenigen Worten in der Öffentlichkeit exponieren: Die Leute fällen sofort Vorurteile über uns. Und wir können steuern, wie diese aussehen sollen.
Finden Sie die Vorsitzende des Realschullehrerverbandes sympathisch? Finden Sie sie überzeugend?
Kränken Sie nicht, nur weil Sie gekränkt sind
Ohne die Vorsitzende Karin Broszat persönlich zu kennen, kommt sie mir unsicher, dünnhäutig und aufwieglerisch vor. Weil sie sich so empört. Und weil Empörung Ausdruck eines Abwehrkampfes gekränkter Persönlichkeiten ist. Ich weiß, dass ich mich womöglich irre. Doch auf Basis ihrer Äußerungen kommen mir gegenteilige Annahmen unwahrscheinlicher vor.
Ich unterstelle folgendes Kommunikationsproblem: Unsicheren Menschen, die Situationen zur Selbstbehauptung gerne eskalieren lassen, hören wir nicht so gerne zu. Wir sträuben uns innerlich davor, ihnen zuzustimmen. Ich persönlich spüre in mir regelrecht den Drang, Argumente zu finden, um ihr widersprechen zu können. Wenn Sie nicht gerade selbst Lehrerin oder Lehrer sind: Geht es Ihnen nicht ähnlich? Und fühlen Sie sich als betroffene Berufsgruppe souverän vertreten?
Es liegt einem doch regelrecht auf den Lippen: „Meine Güte: Regen Sie sich doch nicht so auf!“
Und diese Effekte sind aus Sicht des Realschullehrerverbandes Baden-Württemberg ja nicht wünschenswert. Ja, zum einen möchte er natürlich nach innen von seinen Klienten als schlagkräftige Vertretung wahrgenommen werden. So wie Gewerkschaften gerne zurecht für Krawall sorgen, um als schlagkräftige Fürsprecher neue Mitglieder zu generieren. Das mag der Vorsitzenden des Schulverbandes in Teilen gelungen sein.
Aber die stark zur Schau getragene (vielleicht aber eben auch den eigenen Mitgliedern zuliebe gespielte) Empörung nach außen wirkt nach meiner Einschätzung unsouverän. Wer in sich ruht, weil er selbstbewusst ist, verspürt ja gar nicht den Drang, die Aufmerksamkeit auf seine eigene Unterbewertung zu lenken.
Deshalb mein Rat: Spielen Sie sich nicht so auf. Beklagen Sie sich nicht bei jeder sich bietenden Gelegenheit über Ihre eigene Kränkung. Das bedeutet nicht, dass Sie klein beigeben müssen. Im Gegenteil: Sie wirken dann erhabener. Größer.
Anstatt bei einer Kritik an einer Werbekampagne mit Worten wie Blödheit, Unterstellung, unglaublich, niveaulos, Geringschätzung und in Grund und Boden schämen zu arbeiten (was soll da noch an Tiraden kommen, wenn den Realschulen wirklich mal etwas Schlimmes passiert?), wäre eine Reaktion denkbar gewesen, die vom Bewusstsein des eigenen Standings für den Bildungsstandort Baden-Württemberg zeugt.
Vielleicht eine, die elegant auf die eigenen Verdienste hinweist. Eine, die den unterhaltenden, humorvollen Charakter der Kampagne aufgreift: „Werden Sie Lehrer*in. Dann haben Sie sich die Sommerferien auch wirklich verdient.“ Irgendwie so. Etwas, das zeigt, dass wir (oder zumindest die Werbeagentur) von den Lehrern etwas lernen können. So klang es eher wie spontane Klassenkeile aus Rache.
Kränken Sie nicht, nur weil Sie gekränkt sind. Empören Sie sich nicht. Wichtig sind weniger wir, als unsere Argumente. Zeigen Sie, dass Sie es besser können. Zeigen Sie Größe. Sie dürfen Ihre Verletzung deutlich machen. Lassen Sie sich aber nicht von ihr leiten. Nicht zum Schutz der Empfänger. Sondern für Ihre eigene Überzeugungskraft.
Das Stuttgarter Plakat wurde jetzt übrigens abgeändert. Von „Gar keinen Bock auf Arbeit morgen?“ hin zu „Gar keinen Bock auf deine jetzige Arbeit?“ Kann man machen. Gute Idee. Ich habe allerdings zu viel Respekt vor der Arbeit der Lehrenden, als dass ich annehmen würde, dass sie diese Korrektur wirklich nötig gehabt haben. Eher geschadet hat ihrem Image die Reaktion des Verbandes.
So etwas haben Sie nicht nötig. Haben Sie besser Spaß an der Erhabenheit.
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