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Manuel Hagel will Winfried Kretschmann als Ministerpräsident von Baden-Württemberg beerben. Foto: picture alliance/dpa

WahlkampfNett hier. Aber was macht CDU-Kandidat Hagel im Griechenländle?

Manuel Hagel will Ministerpräsident von Baden-Württemberg werden. Drei Monate vor der Wahl sucht er Inspiration in Griechenland. Ausgerechnet.Benedikt Becker 30.11.2025 - 10:20 Uhr

Krawatte oder keine Krawatte? Manuel Hagel zögert. Es soll ein lockerer Abend unter Freunden werden, hat man ihm gesagt. Aber jetzt steht Manfred Weber vor ihm. Sie haben dasselbe Ziel. Weber trägt Krawatte. Sicher ist sicher. Frage geklärt.

Und so steht Hagel, 37, Hoffnungsmann der Südwest-CDU, an einem verregneten Novemberabend in Athen neben EVP-Chef Weber vor einem Restaurant und wartet auf den Gastgeber. Einmal Rücken durchdrücken, da kommt er auch schon, dunkler Anzug, helles Hemd, keine Krawatte. „I dressed casually today“, sagt Kyriakos Mitsotakis. Der griechische Premier lacht.

Und Hagel hat wieder etwas gelernt auf dieser Studienreise für aufstrebende Landespolitiker: Auch Manfred Weber kann sich irren.

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Bei der „Sicher ist sicher“-Strategie aber wird Hagel bleiben. Anfang März will er die Wahl in Baden-Württemberg gewinnen und in die Villa Reitzenstein einziehen, den Amtssitz des Ministerpräsidenten, halbhoch über dem Stuttgarter Kessel, den die Südwest-CDU einst erbgepachtet hatte. Hatte. Denn seit knapp 15 Jahren besetzt ihn ein konservativer Grüner, Winfried Kretschmann.

Hagel wäre am Ziel seiner noch gar nicht so langen politischen Karriere. Landesvater. Auf Augenhöhe mit Daniel Günther, Hendrik Wüst, Markus Söder. Er betont gern, er sei Kretschmanns rechtmäßiger Erbe. Und es deutet sich an, dass viele Wähler das ähnlich sehen. In Umfragen liegt die CDU um die 30 Prozent, die Grünen mit Erb-Konkurrent Cem Özdemir bei 20 Prozent. Das ist kein Vorsprung, das ist fast eine andere Liga. Und trotzdem nur eine Momentaufnahme. In drei Monaten kann viel passieren. Also bloß keine Fehler, pardon, Fähler machen. Am Dialekt wird er im Ländle sicher nicht scheitern.

Für den Trip nach Athen hat Hagel extra ein Sprüchlein Griechisch gepaukt: „Es lebe die deutsch-griechische Freundschaft.“ Es klingt holprig, aber allzu schlecht kann er sich nicht angestellt haben. Mitsotakis ist jedenfalls begeistert, wünscht ihm einen erfolgreichen Wahlkampf.

Stimmt, Wahlkampf. Da war doch was. Warum zur Hölle verbringt Hagel kurz vor Beginn der heißen Phase zweieinhalb Tage in Griechenland?

Das Griechenland-Wunder

Der Abend zuvor, in einem Bürobau an der Hauptstraße nach Piräus. Der Raum hat keine Fenster, das kalte Neonlicht würde Pathologen glücklich machen. Eine Bühne, ein paar Reihen Konferenzstühle, hier empfängt die Nea Dimokratia (ND) zur Podiumsdiskussion. Offenbar geht Mitsotakis’ Regierungspartei in Sachen Sparsamkeit vorbildlich voran.

Hagel hat auf der Bühne Platz genommen, Kopfhörer auf, und lauscht dem Dolmetscher. Von seinen griechischen Volksparteifreunden lernt er, was das Land seit den harten Reformen der Eurokrise erreicht hat. Schulden abgebaut, Verwaltung digitalisiert, Wachstum aktiviert. „Ein Wunder“, sagt der ND-Generalsekretär.

Hagel weiß, dass das leicht übertrieben ist. Dass das Wachstum mit etwas mehr als zwei Prozent im europäischen Durchschnitt liegt. Und dass der neue Wohlstand noch längst nicht bei allen Griechen ankommt. Aber er ist gekommen, um Inspiration zu finden. Und neue Hoffnung für die Standortkrise daheim. Natürlich könne man Deutschland heute nicht mit Griechenland in der Finanzkrise vergleichen. Aber vielleicht sei es ja so: „Dass wir uns selber das als Reformen zumuten müssen, was wir Ihnen damals an Reformen zugemutet haben.“

Mehr Griechenländle wagen! Das ist mal eine Ansage. Aber schließlich sollen sie in Baden und Württemberg mitbekommen, dass ihr Minischterpräsidentenkandidat im Ausland maximale Entschlossenheit demonstriert. Sicher ist sicher.

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Hagel will im Wahlkampf über Wirtschaft reden. Über Wirtschaft. Und über Wirtschaft. Das ist derzeit kein schönes Thema, aber das entscheidende. Er kann jeden Tag in der Zeitung lesen, was im Stammland von Mittelstand und Maschinenbau wegbricht. Wo schaffst Du? Das war in Baden-Württemberg keine Frage nach dem Arbeitgeber. Sondern nach der Identität. Beim Daimler. Beim Bosch. Bei ZF. Heute steht hinter jedem dieser klangvollen Namen eine rote Zahl. Daimler Trucks? 5000. Bosch? 22.000. ZF? 14.000. Es sind Stellen, die verschwinden. Und mit ihnen: Sicherheit, Wohlstand, Heimat.

Würde Hagel, studierter Betriebswirt, gelernter Filialdirektor einer Sparkasse, das Kretschmann-Erbe nur als Gewinn-Verlust-Rechnung bilanzieren – er müsste es wohl ablehnen.

Hagels steiler Aufstieg

Der CDU-Mann gehört zu jenem Typus Politiker, der nie aus der Rolle fällt. Der stets so auftritt, wie er glaubt, dass sich die Leut‘ einen Politiker aus dem Fernsehen vorstellen. Mehr Hendrik Wüst als Armin Laschet. Lieber ein bisschen zu seriös. Sicher ist sicher.

Bei Hagel zeigt sich das vor allem in der Sprache, auch in Griechenland. Er sagt bedächtig Sätze zum Vergessen wie:

„Keine Reform genügt sich selbst.“

„Wir müssen auf neue Fragen neue Antworten finden.“

Aber er sagt auch: „Entweder finden wir als politische Mitte die Kraft, die Probleme zu lösen. Oder die Probleme werden die Kraft finden, die politische Mitte in unserem Land aufzulösen.“ Das ist sprachlich allzu gewollt. Aber schon eher ein Ansatz, auf dem man in diesem Winter der Enttäuschungen eine Kampagne als junger Landesvater aufbauen kann.

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Hagel hat schon einmal erlebt, wie seine Partei den Kontakt zu den Menschen im Südwesten verloren hat. 2011 war das, als die Grünen zur Volkspartei aufstiegen, der erste Kretschmann-Triumph. Hagel, damals Gemeinderat in seiner Heimat Ehingen in Oberschwaben, kritisierte danach bei einer lokalen Parteiveranstaltung: „Wo waren wir, als die Gegner von Stuttgart 21 auf die Straße gingen?“ Es sei schade, wenn die CDU die Bürger nicht erreiche und ihre Konzepte nicht nachvollziehbar seien.

Er war einer der wenigen, die so offen sprachen. Der Anfang eines steilen Aufstiegs.

Fünf Jahre später kandidiert Hagel für den Landtag, Methode Ochsentour, 670 Termine im Wahlkreis. Er gewinnt mit 36,3 Prozent der Stimmen. Es ist das beste CDU-Ergebnis landesweit. Kaum im Parlament wird er Generalsekretär, muss zwischen den Lagern des zerstrittenen Landesverbands vermitteln, managt den erfolglosen Wahlkampf 2021. Geschadet hat es ihm nicht. Hagel sichert sich den Fraktionsvorsitz. Im November 2023 wählt ihn die Partei auch zum Landeschef, mit 91,5 Prozent der Stimmen. Die Spaltung isch over.

Die Grünen haben Hagel in all den Jahren unterschätzt. Noch so ein jungkonservativer Brummbrumm-Bewahrer, der den Verbrenner feiert und übers Gendern lästert. Wer kennt den schon?

Nun ja. Es werden langsam mehr. Und die vielen Wahlkampf-Termine kommen erst noch. Hagel wäre nicht der erste baden-württembergische Ministerpräsident, der mit der Kunst des Händeschüttelns ins Amt gelangt. Besoffen E-Roller fahren oder ähnliche Abenteuerlichkeiten, um die Bekanntheit zu steigern? Nicht geplant. Bloß keine Fähler.

1500 staatliche Leistungen – online

Zurück in Griechenland, ein anderer Konferenzraum, wieder keine Fenster. Bei der Firma GRNET laufen einige Stränge des griechischen Wunders zusammen. Seit 2019 haben sie hier für den Staat alle Datensätze zusammengeführt und die Digitalisierung der Verwaltung organisiert. Ein Portal für alles. Mehr als 1500 staatliche Leistungen können die Griechen inzwischen online nutzen.

Früher pilgerten deutsche Politiker nach Estland, um zu staunen, dass es so etwas anderswo tatsächlich gibt: Den Führerschein bequem von daheim beantragen. Mit wenigen Klicks eine Firma gründen. Oder mal eben die Schulnoten der Kinder checken. Die Generation Hagel fährt nach Griechenland. Beim Mittagessen hat der CDU-Politiker von Managern deutscher Firmenniederlassungen gehört, dass sie schon lange keine Behörde mehr von innen gesehen haben – trotz täglicher Kontakte.

Das wäre mal eine Vision für den bürokratiemüden deutschen Mittelstand. Nur leider unrealistisch. Hagel kann gerade gut bei seinem Parteichef und Bundeskanzler beobachten, was passiert, wenn man vor der Wahl den Mund zu voll nimmt.

Bei GRNET erfährt er, dass sie hier mit weniger Mitarbeitern und weniger Budget als in Baden-Württemberg mehr schaffen. Der Zentralstaat macht’s möglich. Aber schlanke Strukturen allein reichen nicht. „Es braucht den politischen Willen“, sagt eine GRNET-Mitarbeiterin. Und vielleicht reicht das ja schon als Inspiration und Hoffnung für einen Spitzenkandidaten, der in den kommenden Monaten gegen die schlechte Laune im Ländle wahlkämpfen muss.

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