Der Hype um Indien: „Ich halte das Gerede von Chinas Abstieg für übertrieben“
WirtschaftsWoche: Professor Mody, Sie stellen Ihrem Heimatland Indien in Ihrem Buch „India is broken“ ein überaus kritisches Zeugnis aus. Warum sind Sie so pessimistisch?
Ashoka Mody: Wir haben in Indien den Faktor Humankapital vernachlässigt und zwar von Anfang an. Der Staat hat sich nicht um Bildung gekümmert, nicht um die Gesundheitsversorgung, nicht um lebenswerte Städte, nicht um ein faires Justizsystem, nicht um den Umweltschutz.
Gleichzeitig hat jedoch die Armut abgenommen. Ist das kein Fortschritt?
Ja, Indien hat die schlimmsten Formen der Armut beseitigt. Es gibt aber eine große Gruppe an Bedürftigen, die ein Problem haben, wenn sie ihre Arbeit verlieren oder jemand in ihrer Familie krank wird. Diese Menschen können nicht auf eigenen Füßen stehen. Sie haben keine Hoffnung, dass es ihren Kindern einmal besser gehen wird. Wenn die Regierung diese Gruppe Geld zukommen lässt, dann in der Hoffnung, dass sich damit Wählerstimmen kaufen lassen.
Das klingt nicht nach einer gefestigten Demokratie. Für wie groß halten Sie das Problem der Korruption?
Es gibt Grund dafür anzunehmen, dass sich die Korruption verschlimmert hat. Die Effekte sind sichtbar, vor allem bei Wahlkämpfen. In Indien fließt da mehr Geld an Parteien als in den USA. 2019 waren es in Indien knapp knapp neun Milliarden Dollar. Bei der Wahl in den USA 2016 erhielten Parteien dagegen sechs Milliarden Euro. Die aktuelle Regierung hat 2017 ein System geschaffen, wonach jeder bei einer Geschäftsbank Wahlanleihen kaufen kann und sie dann einer Partei übergibt. Im Prinzip bleiben alle anonym, niemand weiß, woher das Geld kommt. Aber wir wissen, dass die regierende Partei rund 90 Prozent aller Wahlanleihen erhält.
Ist das ein Einfallstor für politische Einflussnahme?
Ja. Oligarchen können auf diesem Weg Einfluss auf politische Entscheidungen nehmen. Das allgemeine Wohlergehen der Bevölkerung spielt dabei keine Rolle.
Indien hat es jüngst geschafft, eine Raumsonde auf den Mond zu schicken. Wie passt dieser Erfolg mit Ihrer pessimistischen Sicht auf das Land zusammen?
Die Mondlandung geht direkt auf die Politik von Indiens erstem Premier Jawaharlal Nehru zurück. Er sah sich als Modernisierer, setzte auf Sektoren wie Maschinenbau und Raumfahrt. Indien produziert heute Raumfahrttechnologie und verfügt über Atomwaffen. Alles richtig. Aber es gibt eben auch die andere Seite. Zum Beispiel hat das Land ein Problem mit Kleinwüchsigkeit, weil Kinder unterernährt sind.
Können Indiens Industriekonglomerate das Land nicht nach vorne bringen?
Trotz des Hypes ist die indische Industrie wenig konkurrenzfähig. Indische Konzerne agieren kaum international. Sie bedienen den heimischen Markt, bauen Straßen, Stromleitungen und Chemiewerke. In Südkorea und Japan waren Konzerne von Anfang an in die internationalen Märkte eingebunden. Indische Konzerne rufen lieber nach dem Schutz des Staates. Die Struktur ähnelt der in Ländern wie Mexiko und Brasilien: große Ungleichheit, gepaart mit Protektionismus.
Sehen Sie deswegen auch schwarz für die Entwicklung des Arbeitsmarktes?
Indien müsste in den kommenden zehn Jahren nach meinen Schätzungen insgesamt 200 Millionen Jobs schaffen, damit Menschen ein würdiges Leben führen könnten. Ich habe keine Anzeichen dafür, dass das passiert - oder dass jemand einen Plan hätte, wie das passieren könnte. In den vergangenen zehn Jahren ist nicht ein zusätzlicher Arbeitsplatz entstanden.
Wird die Unzufriedenheit die Menschen irgendwann auf die Straße treiben?
Regierungen haben Protest in Indien noch immer im Keim erstickt und mit offensiven Machtdemonstrationen auf Protest reagiert. Wir sehen aber gleichzeitig, dass der Hindu-Nationalismus junge Arbeitslose anzieht. Der entschärft das Protestpotenzial ¬ und schafft zugleich ein neues Gewaltpotenzial. Wir sehen auch, dass die Kriminalität zunimmt, Drogen- und Waffenhandel etwa.
Woher kommt das Boom-Narrativ über Indien?
Es begann, als der US-Konzern Texas Instruments Mitte der 80er-Jahre in Bangalore eine Forschungsstätte baute. Seitdem gilt die Stadt als indisches Silicon Valley. Journalisten haben das Narrativ oft genug übernommen. Investmentbanken haben es genauso bedient, zur Freude der Regierenden.
Das Narrativ erlebt gerade neuen Auftrieb, weil sich in China die Probleme häufen. In vielen Bereichen erscheint der Standort Indien mittlerweile attraktiver.
Natürlich hat China Probleme, bei den Menschenrechten, bei der Zerstörung der Natur. Aber China ist führend bei Künstlicher Intelligenz, bei grünen Technologien, bei der E-Mobilität. Die USA haben Angst, dass China sie technologisch überholen wird. Im Gegensatz zu Indien setzt China auf Bildung. Die Universität von Tianjin ist weltweit führend in Informatik, keine europäische Universität schafft es in den Rankings unter die ersten zehn. Kurzum: Ich halte das Gerede von Chinas Abstieg für übertrieben.
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