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GDL-Chef tritt abClaus Weselsky: Niemand bestreikte das Land so hart wie er

Mit markigen Worten, Anpackerimage und harten Streiks wurde Claus Weselsky zum bekanntesten Gewerkschaftler in Deutschland. Was also bleibt, wenn Weselsky nun geht?Artur Lebedew 04.09.2024 - 16:32 Uhr

Claus Weselsky, Vorsitzender der Gewerkschaft Deutscher Lokomotivführer, steht kurz vor der Rente.

Foto: dpa

Wer mit dem Noch-Chef der GDL-Lokführergewerkschaft öfter zu tun hatte, erlebte bisweilen zwei Claus Weselskys. Da war zum einen der joviale, selbstironische, fast schon sanfte Weselsky, der bei einem Glas Rotwein so gerne über seine Heimat sprach. Und dann gab es den anderen: den polternden, aggressiven, einen, der seine Gegner öffentlich „Lügner“ und „untätige Großmäuler“ schimpft, bei jeder Bemerkung, die ihm nicht passt, rot anläuft und anderen ins Wort fällt.

Es ist vor allem Weselsky Nummer zwei, der einem im Frühjahr 2024 gegenübersaß, in seinem letzten, dem längsten Streik der Geschichte mit der Deutschen Bahn und anderen Verkehrsunternehmen in den Tarifgesprächen. „Claus Weselsky war schon immer sehr widersprüchlich, aber jetzt ein bisschen mehr“, sagt einer zu jener Zeit, der ihn seit Jahren kennt und für die Arbeitgeberseite eines kleineren Verkehrsbetriebes mit der GDL verhandelt. Der Insider beschreibt einen Gewerkschaftsführer, der in den Gesprächen „strikt“ eine „Agenda“ abarbeite und „sofort“ auf die Umsetzung seiner Forderungen poche. Vermutlich würde auch Weselsky selbst dem nicht widersprechen.

So entschieden wie selten, wirkt Weselsky im Nachhinein. So schnell wie nie zuvor rief er zum Streik aus. Mehrmals. Und erntete den Wut einer streikgeplagten Republik. Er konnte es sich leisten: Für den 65-Jährigen war 2024 die letzte Tarifrunde überhaupt, am 4. September will Weselsky den Chefposten bei der GDL nach 16 Jahren Regentschaft für seinen Nachfolger Mario Reiß räumen.

Am Ende steht sein größter Erfolg: Die Absenkung der Wochenarbeitszeit auf 35 Stunden ohne Lohnausgleich. Dem gegenüber ist eine über Jahre aufgeheizte Konfliktspirale zweier Tarifpartner, die sich heute kaum ruhigen Gewissens in die Augen schauen können. Auch hier trägt der Mann eine Verantwortung, mit der sein Nachfolger umgehen muss.

Was also bleibt, wenn Weselsky nun geht? Und was war es, das ihn dabei angetrieben hat?

Aus Überzeugung: Claus Weselsky 2015 auf dem Bundesparteitag der Linken in Bielefeld.

Foto: imago images

Der Bahnexperte Christian Böttger von der Berliner Hochschule für Technik glaubt nicht, dass es dem GDL-Chef um „persönliche Trophäen“ gehe. „Weselsky ist ein Überzeugungstäter und vertritt mit aller Härte seine Mitglieder“, sagt Böttger. Seit über zehn Jahren verfolgt der Professor die Tarifauseinandersetzungen zwischen der kleinen Lokführergewerkschaft GDL und der Deutschen Bahn. Noch nie, so sagt er, sei die Situation für sie so schwierig gewesen wie zuletzt.

Jahrelang profitierten Weselsky und die GDL davon, dass die Deutsche Bahn ihre Personalpolitik vernachlässigte. Noch 2018 sagte der damalige und heutige Personalvorstand der Bahn, Martin Seiler, in der WirtschaftsWoche, dass „kein Zug wegen Personalmangel“ ausfallen würde. Ein vorschnelles Versprechen, wie sich heute zeigt. Allein 15 Züge sind laut Bahn im Frühjahr 2023 täglich von der Unterbesetzung der Stellwerke betroffen.

Hinzu kamen Böttger zufolge die eher schwachen Tarifabschlüsse des großen Gewerkschaftsrivalen, der EVG. In dieser Gemengelage sei es für die GDL einfach gewesen, neue Mitglieder zu gewinnen und das Profil einer Kümmerer-Gewerkschaft zu stärken. Weselskys Kompromisslosigkeit bei den Tarifverhandlungen tat ihr Übriges, er schmeichelte den in den Jahren der Bahn-Privatisierung in ihrem Stolz verletzten Eisenbahnern, verlieh dem Arbeitskampf ein ernstes und aufopferungswilliges Gesicht.

Vom Rangierlokführer zum Gewerkschaftschef

In der DDR war Weselsky Rangierlokführer, fuhr später auch Güterzüge und Schnellzüge für Personen. 1990, als die GDL in Sachsen Fuß fasste, wurde er Vorsitzender einer Ortsgruppe. Kurz darauf wechselte er ganz vom Führerhaus ins Gewerkschaftsbüro. Seine Erfahrung als Eisenbahner kommen ihm gelegen. Selbst seine Gegner loben Weselskys Fachwissen und seine Fähigkeit, Kompliziertes zu vereinfachen. 2008 wurde er GDL-Vorstand. 2014 wegen einer ungekannten Streikwelle zur meistkritisierten Person des Landes.

Bahnstreik

„Ausgeschlossen, den Zerfall der Bahn mit dem aktuellen Vorstand zu stoppen“

Wieder streiken die Lokführer der GDL. Und es herrscht Uneinigkeit darüber, wer nun die Schuld trägt. Bahnkritiker Arno Luik sieht die Politik in der Verantwortung – und die Probleme tieferliegend.

von Anabel Schröter

Wie kaum einem anderen Gewerkschaftler in Deutschland ist es Weselsky seither gelungen, mit markigen Worten und Anpackerimage aus der öffentlichen Kritik eine Marke zu formen. Jemand zu werden, der bei Auftritten Autogrammkarten signiert und mit Fans und Anhängern für Selfies posiert.

Und was wurde nicht alles über diesen „Bahnsinnigen“, den „Einzelkämpfer“ geschrieben? Zuweilen gingen die Anschuldigungen ins Persönliche. 2014 veröffentlichte die Bild-Zeitung seine Telefonnummer. Dass Weselsky sich wehren kann, ist seither verbrieft: Sein Telefon ließ er seinerzeit auf die Nummer des damaligen Bahnchefs Rüdiger Grube umleiten. Weselsky muss noch heute lachen, wenn er von den aufgebrachten Fahrgästen erzählt, die wegen des Streiks ihre Reisen nicht antreten konnten. Auch das ist Weselsky. Sich selbst bezeichnet er übrigens als „Lokomotivführer, der eine Gewerkschaft führt“.

Lesen Sie auch: GDL streikt ab Donnerstag im Personenverkehr

Existenziell bedrohlich sind seit Jahren die Folgen des sogenannten Tarifeinheitsgesetzes (TEG). Mit seiner Einführung im Jahr 2021 wollte die Politik die Bahnstreiks eindämmen. Dem Gesetz zufolge dürfen die Bahn und andere in ihren Unternehmenseinheiten jeweils den Tarifvertrag anwenden, der mit derjenigen Gewerkschaft geschlossen wurde, der in dem Unternehmensteil die meisten Beschäftigten angehören. Die GDL versucht zu verheimlichen, wo sie die Mehrheit und wo die Minderheit stellt. Sie streitet gegen eine Transparenzmachung vor Gericht. Die Bahn selbst darf ihre Arbeitnehmer nicht fragen, welcher Gewerkschaft sie angehören.

Umfragen zufolge stellt die GDL in lediglich 18 von 300 DB-Betrieben die Mehrheit, nur knapp 10.000 von 200.000 Mitarbeitern profitieren von den GDL-Verträgen. Weselsky war also besonders auf einen erfolgreichen Abschluss angewiesen, damit möglichst viele Bahn-Mitarbeiter zur GDL wechseln. „Durch den Druck des TEG geht es für die GDL um das eigene Überleben“, glaubt Experte Böttger. Und selbst Arbeitgeber, mit denen Weselsky verhandelt, sehen seine „jetzige Härte“ auch als Folge der „politischen Gesetzeslage“.

Inwiefern der erkämpfte Tarifabschluss mit der Absenkung der Wochenarbeitszeit auf 35 Stunden der GDL nun helfen wird, sich als die bessere Alternative zur großen EVG zu positionieren, ist bislang nicht absehbar. In der Regel übernehmen die Bahn-Gewerkschaften die Erfolge des anderen. Viele Lokführer werden auch schauen, wie die Gewerkschaft mit Weselskys Vermächtnis umgeht. 

Dem „Spiegel“ erzählte der Noch-GDL-Chef zuletzt, wie er sich auf jenen letzten, so hart umkämpften Tarifstreit vorbereitete: „Ich habe mich damit beschäftigt, wie dieses Land tickt, mit den Diskussionen über Work-Life-Balance, Viertagewoche und Homeoffice“, sagte er. Manches daran habe ihn gestört, trotzdem wollte er „den Zeitgeist“ für diejenigen übersetzen, die nicht im Homeoffice, sondern im Schichtsystem arbeiteten. 

Ob die GDL mit einer Viertage-Woche wirklich den Zeitgeist getroffen hat, wird sich zeigen müssen. In der Wirtschaftskrise ist die These aus den öffentlichen Debatten nahezu verschwunden. Die Gewerkschaftler werden Weselsky trotzdem noch lange danken, am 4. September werden sie ihn feiern und ihn in den Ruhestand schicken.

Lesen Sie auch: Wenn Weselsky so weitermacht, verliert er die eigenen Leute

Hinweis: Dieser Artikel ist zuerst am 15. November 2023 erschienen. Wir haben ihn aktualisiert und zeigen ihn aufgrund des Leserinteresses erneut.

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