Jahresbilanz von Siemens: „Dass wir eine Wachstumsaktie sind, ist noch nicht angekommen“
Gedämpft statt großspurig: Siemens-Chef Roland Busch.
Foto: imago imagesMorgens im Palais Ludwig Ferdinand am Wittelsbacher Platz, Siemens-Chef Roland Busch sitzt auf einer hell erleuchteten Bühne in einem Saal voller Journalisten. Er spricht bedächtig und immer wieder stockend, scheint sich fast Mühe geben zu müssen, laut und deutlich zu sein. Dabei präsentiert er starke Ergebnisse: Im letzten Quartal des bis Ende September dauernden Geschäftsjahres 2022/2023 hat Siemens bei fast allen Schlüsselkennzahlen die Analystenerwartungen übertroffen. Eigentlich standesgemäß, nachdem das Vorquartal in einer Enttäuschung geendet war.
Dennoch herrscht gedämpfte Stimmung statt wie sonst oft demonstrative Großspurigkeit. Der wochenlange, öffentlich ausgetragene Streit um Staatsbürgschaften für die Ex-Tochter Siemens Energy scheint Spuren hinterlassen zu haben.
Zunächst wollte Busch laut Insidern gar nichts davon wissen, sich an der Stützungsaktion zu beteiligen. Erst am Dienstagabend und Mittwochmorgen wurde der Durchbruch verkündet. Letztlich nahm Siemens mit einem Bündel von Aktionen an der Absicherung der von Siemens Energy benötigten Garantien durch die Bundesregierung teil. Dies wird Siemens weitere Anteile an der stark wachsenden, börsennotierten Landesgesellschaft in Indien verschaffen – zum Discountpreis. Geradezu erleichtert wirkt Busch, als er darüber spricht. „Letztlich streben wir an, innerhalb von vier bis fünf Jahren wieder einen Anteil von 75 Prozent an der Siemens Limited Indien zu halten.“
Die Börse hat die Lösung goutiert, am Mittwoch stieg der Siemens-Aktienkurs um 1,7 Prozent. Am Donnerstag macht das Papier bis zum Nachmittag einen weiteren Satz um über fünf Prozent auf gut 146 Euro, nachdem Siemens auch eine kräftige Erhöhung der Dividende von 4,25 auf 4,70 Euro je Aktie sowie ein neues Aktienrückkaufprogramm ankündigte. Der Konzern schüttet damit etwa die Hälfte seines Nettogewinns an die Aktionäre aus.
Bei den Anlegern unter Druck
Die Börsenreaktion dürfte die nächste Erleichterung sein. Auch bei den Anlegern nämlich ist Busch unter Druck wie lange nicht. Die Siemens-Aktie werde mit einem Abschlag von 17 Prozent gegenüber ihrer langfristigen Bewertung gehandelt, attestierten Analysten von Oddo Anfang November. Dabei ist das Papier historisch schon schlechter bewertet als große Wettbewerber. Im bisherigen Jahresverlauf schneidet die Siemens-Aktie mit einer Aktionärsrendite (Total Shareholder Return) von 10 Prozent wesentlich schlechter ab als die Papiere des Schweizer Rivalen ABB (26 Prozent) sowie von Schneider Electric (28 Prozent) aus Frankreich.
Siemens-Finanzchef Ralf Thomas bestätigt am Rande der Pressekonferenz: „Dass wir ein Growth Stock sind“, also eine Wachstumsaktie, „ist bei den Investoren noch nicht angekommen.“
Seitenhieb auf Digitalvorstand Cedrik Neike
Der Konzern hatte vor drei Monaten viele Anleger verärgert, als er die im Mai erst angehobene Prognose für seine wichtigste Sparte „Digital Industries“ wegen eines Auftragseinbruchs in China wieder senken musste. „Für das dritte Quartal hat sich Digital Industries mehr zugetraut, als dann möglich war“, sagt Finanzchef Thomas am Rande. Das kann man als Seitenhieb auf den zuständigen Vorstand Cedrik Neike verstehen, von dem die zu optimistischen Vorhersagen kamen. In Unternehmenskreisen heißt es, Neikes Verhältnis mit Thomas sei getrübt. Auch innerhalb der Vorzeigesparte ist die Stimmung schlecht, Führungskräfte kreiden Neike strategische und personellen Fehlentscheidungen an.
Die Nachfrage im Automatisierungsgeschäft in China war auch im Schlussquartal schwach, da die Konjunktur im Reich der Mitte lahmt. Nach wie vor werden Lagerbestände aus der Boomphase, in der zu viel bestellt wurde, abgebaut. Dies werde sich „bis in die erste Hälfte des Geschäftsjahres 2024 fortsetzen“, sagt Siemens-Chef Busch. Man sehe nun aber „erste Anzeichen der Stabilisierung“.
„Übergangsjahr“ für Digital Industries
Für die Digitale-Industrien-Sparte (Umsatz 21,9 Milliarden Euro), die Automatisierung und Industriesoftware umfasst und drei Jahre lang zweistellige Wachstumsraten erzielte, sei das soeben begonnene Geschäftsjahr ein „Übergangsjahr“, so Thomas. Siemens rechnet für die Sparte nur mit null bis drei Prozent Zuwachs, wobei das erste Quartal nur auf Vorjahresniveau liegen werde. Darüber hinaus erwarte Siemens aber für das gesamte Geschäftsjahr eine „deutliche Beschleunigung im Softwaregeschäft“. Die Ergebnismarge soll abermals 20 bis 23 Prozent erreichen, nach 22,6 Prozent 2022/23.
Der Gesamtkonzern wird deshalb voraussichtlich 2023/24 nur noch um vier bis acht Prozent wachsen. Vergangenes Geschäftsjahr legte der Umsatz noch um elf Prozent auf 77,8 Milliarden Euro zu, wobei die Umsätze mit Software und digitalen Diensten um zwölf Prozent auf 7,3 Milliarden Euro stiegen. Der Nettogewinn verdoppelte sich fast auf 8,5 (Vorjahr 4,4) Milliarden Euro und war damit so hoch wie nie. Der bereinigte Gewinn je Aktie lag mit 9,93 Euro über den eigenen Erwartungen. Er soll 2023/24 auf 10,40 bis 11,00 Euro steigen. Der operative Mittelzufluss (Free Cash-flow) erreichte erstmals zehn Milliarden Euro – „herausragend“, urteilte die Deutsche Bank.
Die Zahlen seien stark, findet auch Vera Diehl, Fondsmanagerin von Union Investment. Sie schränkt aber ein: „Eine Schwalbe macht keinen Sommer. Wir wünschen uns nachhaltig gute Zahlen.“ Die zweite Kernsparte „Smart Infrastructure“ wuchs vergangenes Jahr um 15 Prozent auf 19,9 Milliarden Euro und damit ebenso schnell wie die Digitale-Industrien-Sparte, bei einer Rekordmarge von 15 Prozent. Die Zugtochter Siemens Mobility legte ebenfalls 15 Prozent Wachstum auf 10,5 Milliarden Euro hin. Mit gut acht Prozent Marge blieb sie aber abermals deutlich unter der langfristigen Zielbandbreite von 10 bis 13 Prozent.
Busch bekennt sich zu Mobility
Mobility hänge durch den Wegfall des margenstarken Servicegeschäfts in Russland sowie den Rückstand bei der Digitalisierung des Bahnnetzes in Deutschland zurück, so Busch, der im Vorstand für die Sparte zuständig ist. Sie habe aber das Potenzial, die Zielbandbreite wieder zu erreichen.
Dies kann allerdings dauern. Die Expansion in den USA mit einem neuen Werk beispielsweise wird zunächst eher niedrigmargige Umsätze aus dem Verkauf von Zügen bringen. Erst im Anschluss daran folgt das mit hohen Margen verbundene Servicegeschäft. Entgegen diverser Analystenspekulationen gehört Mobility für Busch weiterhin zum Kerngeschäft.
Die Beteiligung von 25,1 Prozent am hoch defizitären Siemens-Energy-Konzern brachte Siemens paradoxerweise einen positiven Ergebniseffekt von 670 Millionen Euro. Siemens muss zwar entsprechend seines Anteils Verluste in die Ergebnisrechnung aufnehmen; doch hatte der Konzern im zweiten Quartal eine Wertberichtigung aus dem Vorjahr wieder zurückgenommen und den Anteil um 1,7 Milliarden Euro hochgeschrieben. Auch der Verkauf von knapp sieben Prozentpunkten an den eigenen Pensionsfonds brachte Siemens einen Buchgewinn. In der Bilanz steht das Paket nun nur noch mit 1,8 Milliarden Euro, an der Börse ist es 2,2 Milliarden Euro wert. „Wir bleiben dabei, dass wir uns sukzessive weiter von unseren Siemens-Energy-Anteilen trennen werden“, so Busch.
Abwanderungsgedanken von Joe Kaeser
Deshalb will Busch auch am Energy-Aufsichtsratsvorsitzenden Joe Kaeser nicht rütteln, der durch die schwere Krise des Konzerns in den vergangenen Wochen ebenfalls unter Druck geraten war. Derlei Besetzungen würden im Aufsichtsrat von Siemens Energy diskutiert. „Das ist nicht unser Thema.“
Kaeser hatte im Interview mit dem „Manager Magazin“ erstmals öffentlich über seinen möglichen Abgang philosophiert. „Mein persönliches Wohlergehen hängt nicht von diesem Amt ab“, so Kaeser. Es gebe viele Möglichkeiten, die Zeit anderweitig zu nutzen, „auch in ähnlichen artverwandten Aufgaben. Am Ende entscheiden das die Aktionäre und ich bei der nächsten Wahl.“ Die aktuelle Wahlperiode des einstigen Siemens-Chefs, der einst die fatale Übernahme der spanischen Windfirma Gamesa einfädelte, endet Anfang 2025. Schon seit Kaeser Anfang 2021 an der Siemens-Spitze ausschied, soll er insbesondere mit Sitz im Board eines amerikanischen Großkonzerns liebäugeln. Diese Jobs sind in der Regel hervorragend vergütet.
Lesen Sie auch: Siemens Energy verhandelt mit Bund über Staatshilfe in Milliardenhöhe
