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Wirtschaft von oben #239 – Drogenkartelle in PeruHier verschwindet der Regenwald – für deutsche Kokain-Konsumenten

In Peru boomt die Kokainproduktion. Wichtigster Markt ist Europa. Satellitenbilder zeigen, wie die Drogenkartelle dafür jetzt massenhaft Regenwald opfern. Wirtschaft von oben ist eine Kooperation mit LiveEO.Thomas Stölzel, Jannik Deters 02.12.2023 - 14:43 Uhr
Foto: LiveEO/SPOT

In Europa wird nach der Pandemie mehr gekokst als zuvor. Das hat jüngst eine umfangreiche Abwasseranalyse der Europäischen Drogen-Beobachtungsstelle ergeben. Antwerpen und Amsterdam liegen vorn, in Deutschland ist es Berlin, wo Menschen besonders oft Kokain schnupfen. Wer das Rauschmittel nimmt, fühlt sich zwar kurzfristig geistig fitter, rutscht aber schnell in die Abhängigkeit, mit schweren psychischen Folgen.

Während in den USA konsumiertes Kokain fast komplett aus Kolumbien stammt, kommen einer Untersuchung des Centers for Strategic and International Studies (CSIS) zufolge in Europa inzwischen rund 27 Prozent der Mengen aus Peru. „Die Nachfrage übt Druck auf das Angebot aus“, sagt der peruanische Drogenexperte und Universitätsdozent Frank Casas. Das Land, das eigentlich für Inka-Schätze wie Machu Picchu bekannt ist, erlebt einen regelrechten Koka-Boom.

Eine Analyse von LiveEO-Satellitenbildern zeigt nun, wie Drogenkartelle vor allem im peruanischen Amazonas-Regenwald den Anbau vorantreiben. Sie lassen riesige Flächen abholzen, Felder für den Koka-Anbau anlegen. Sie bauen illegale Landepisten im Dschungel, ziehen die bisher hier weitgehend isoliert lebende indigene Bevölkerung in ihr schmutziges Geschäft hinein. Und sie morden.

Peru ist laut Vereinten Nationen heute nicht nur der weltweit zweitgrößte Koka-, sondern nach Informationen der US-Antidrogenbehörde DEA auch der zweitgrößte Kokain-Produzent. Die Ausgangspflanze zu züchten, ist zwar legal. In vielen Teilen Lateinamerikas wird sie als Tee getrunken. Doch die weit überwiegenden Mengen werden in Laboren und Kokainküchen zu illegalen Drogen weiterverarbeitet. In Peru entstehen so jährlich 700 bis 800 Tonnen Kokain, von denen Ermittler gerade einmal zehn Prozent abfangen. Ende Oktober konfiszierte die Polizei am Pazifik nahe der Grenze zu Ecuador drei Tonnen Kokain. Eine Antidrogeneinheit und die Marine nahmen fünf Ecuadorianer und einen Kolumbianer fest.

Perus Regierung versucht, den Anbau zu beseitigen – erfolglos. Die Stilllegung von Koka-Plantagen erfolge viel zu punktuell und sei nicht nachhaltig, kritisiert Casas. „Anstatt in allen Gebieten gleichzeitig Flächen zu vernichten“, gingen die Behörden sehr selektiv vor. Das Ergebnis: Die Zonen verschieben sich, aber das Problem taucht an anderer Stelle wieder auf.

Der größte Teil des peruanischen Kokains fließt Casas zufolge über die Pazifikhäfen Ilo, El Callao und Piura ab. Der am zweithäufigsten genutzte Transportweg ist demnach das Flugzeug, vor allem in Richtung Bolivien.

Aufschluss darüber, in welchen Regionen Anbau und Verarbeitung besonders rege sind, gibt unter anderem ein Bericht der Nationalen Antidrogenkommission Devida. Der Report entsteht in Kooperation mit der UN-Behörde für Drogen und Verbrechensbekämpfung UNODC und weist 20 Zonen aus, in denen nachweislich seit mindestens einem Jahr Koka angebaut wird. Verglichen mit 2020 beobachtete die Kommission zuletzt sechs neue Zonen.

Bilder: LiveEO/Landsat, LiveEO/Sentinel

In der Zone Callería, die an Brasilien grenzt, hat die Produktion am stärksten zugelegt – seit 2018 um 650 Prozent. Aktuelle Satellitenbilder machen am Fluss Utiquinia das ganze Ausmaß sichtbar. Wo bis vor wenigen Jahren noch unberührter Regelwald stand, ist die Landschaft nun großflächig vernarbt mit Koka-Feldern. Bewaffnete Drogengangs vertreiben südamerikanischen Medienberichten zufolge mit Todesdrohungen zunehmend das Volk der Shipibo-Conibo, welches in der Gegend heimisch ist, den Regenwald über Generationen beschützt hat. 

Seit 2021 machen sich die Narcos, wie die Drogenmafia auch genannt wird, genauso im Reservat Madre de Dios breit – 200 Kilometer nördlich der bei Touristen beliebten Stadt Cusco. Innerhalb eines Jahres nahm hier der Koka-Anbau um satte 274 Prozent zu. Und etwas weiter südöstlich, in der Gegend Inambari-Tambopata, die 200 Kilometer nördlich vom berühmten Titicaca-See liegt, wuchs die so genutzte Fläche laut der peruanischen Drogen-Kommission seit 2018 um 80 Prozent. Satellitenbilder zeigen auch hier, wie der Regenwald kontinuierlich den Drogenplantagen weicht.

Bilder: LiveEO/Sentinel

Auffällig ist dabei, dass sich die Felder mit den Koka-Pflanzen vor allem auf die peruanische Seite der Grenze zu Bolivien beschränken. Die Satellitenbilder zeigen, dass der Wald in Bolivien zumindest in dieser Gegend weitgehend unberührt bleibt.

Die insgesamt von Koka-Sträuchern bedeckte Fläche Perus ist so allein seit 2018 von 54.100 Hektar auf zuletzt 95.000 Hektar gewachsen. Ein Plus von 75 Prozent. Die Ermittler untersuchen für ihre jährliche Studie auch die Pflanzenreife, ob sie etwa kurz vor der Blüte steht, sowie das Ausmaß der Anbaufläche in Hektar anhand von Satellitenbildern sowie am Boden. Und sie prüfen, ob es sich wirklich um Koka handelt. Denn die Pflanzen ähneln Mais- und Yuca-Kulturen. 

Der detaillierte Blick auf eine im Norden des Landes im Amazonas-Becken gelegene boomende Koka-Gegend zeigt, wie die Drogengangs vorgehen. Das neue Anbaugebiet hier liegt am Dreiländereck von Brasilien, Kolumbien und Peru. Viele der Bauern stellen aus den gepflückten Koka-Blättern mithilfe von Chemikalien Koka-Paste her – ein Vorprodukt des Kokains. Anwohner fungieren zudem nicht selten als Kuriere.

Bilder: LiveEO/Spot, LiveEO/Google Earth/Maxar, LiveEO/GoogleEarth/Airbus

Straßen gibt es in dieser abgelegenen Gegend praktisch keine, das einzige Verkehrsmittel sind lange Holzboote mit Außenbordmotor. Mit denen lassen sich die Drogen über ein Labyrinth von Bächen, Flüssen und alten Flussarmen abtransportieren. Die Siedlungen hier bestehen oft aus nicht viel mehr als einer Handvoll Hütten.

Siedlung im Amazonas-Becken, Region Loreto, Peru 30.07.2023: Holzboote mit Außenborder liegen hier in einem alten Flussarm. Damit lassen sich die Drogen abtransportieren. Foto: WirtschaftsWoche

Hochauflösende Satellitenbilder der Gegend zeigen, wie die Kartelle überall den dichten Amazonas-Regenwald haben roden lassen. Auf den freigeräumten Flächen wachsen nun in akkurat gezogenen Reihen Koka-Büsche. 

Rund 120 Kilometer westlich von jenen neuen Koka-Feldern ist im Sommer 2019 mitten im Dschungel eine Landepiste für kleine Flugzeuge entstanden, zeigen Satellitenbilder. Vom nächsten größeren Wasserlauf ist sie etwa zwei Kilometer entfernt. Ob sich unter dem dichten Blätterdach des Waldes ein weiterer befahrbarer Bach befindet, lässt sich nicht erkennen. 2020 und 2021 wurde die Landebahn etwas verlängert, offenbar um Starts mit Ladung zu erleichtern. Inzwischen wächst wieder etwas Gras auf der Piste, wodurch sie schwerer im Regenwald zu erkennen ist.

Bilder: LiveEO/Sentinel

Die Zahl solcher Pisten hat zugenommen. Laut dem peruanischen Verteidigungsminister sind allein in den ersten sieben Monaten des Jahres mehr als 720 Flugzeuge in peruanisches Territorium eingedrungen, um Drogen zu schmuggeln. Perus Regierung will daher einen alten Vertrag wiederbeleben, nach dem die USA das Land mit Radarüberwachung unterstützen sollen. 

Wie massiv am Dreiländereck die Narcos zuletzt das Geschäft vorangetrieben haben, zeigen auch hier großflächige Satellitenbilder. Die Felder erstrecken sich inzwischen über ein 20 mal 60 Kilometer langes Gebiet. Das Yaguas und Bajo Amazonas genannte Areal umfasst inzwischen mehr als 8700 Hektar Koka-Plantagen. Allein 2021 wuchs die Anbaufläche dem peruanischen Kommissionsbericht zufolge um 35 Prozent.

Bilder: LiveEO/Landsat

Dass die Drogenkartelle so massiv in den Amazonas-Regenwald drängen, ist ein relativ neues Phänomen. Zuvor konzentrierten sie sich vor allem auf eine Gegend im Zentrum Perus, die VRAEM genannt wird. VRAEM steht für die Täler der Flüsse Apurímac, Ene und Mantaro. Sie gelten als eines der am dichtesten mit Koka-Feldern durchzogenen Gebiete der Welt. Je Quadratkilometer gibt es hier mehr als acht Hektar Koka-Plantage. Reichlich ein Drittel aller peruanischen Pflanzen wachsen heute in dieser Gegend und haben sich zu deren Haupteinnahmequelle entwickelt. 

Selbst in den VRAEM, wo der Koka-Anbau schon auf sehr hohem Niveau stattfindet, zeigen aktuelle Satellitenbilder, dass neue Felder dazu gekommen sind. Vor allem in jenen wenigen Ecken, wo bisher noch keine waren. Auch hier musste der Wald dran glauben. Und Gewalt ist keine Seltenheit. Erst im Februar wurden hier sieben Polizisten in einen Hinterhalt gelockt und ermordet. Die Drogenkuriere in dieser Gegend, die ursprünglich nur aus Dschungel und Hügeln bestand, arbeiten laut Polizei mit den Rebellen des Scheinenden Pfades zusammen. 

Bilder: LiveEO/Sentinel

Die Grenzen sind an vielen Stellen schlecht bewacht und durchlässig. Den Grenzbeamten fehle es an einfachster Ausrüstung, sagt Experte Frank Casas, etwa Technik, um Grenzübertritte per Fingerabdruck oder Augenscanner zu registrieren. Zudem sei die Zusammenarbeit mit den bolivianischen Behörden nachlässig. Es finde kaum Daten- und Informationsaustausch statt, sagt Casas. „Das limitiert die Möglichkeiten, einen Akteur, der ein verbotenes Gut auf dem Landweg transportiert, zu entdecken.“

Während die Drogenbekämpfer begrenzte Möglichkeiten haben, professionalisieren sich die Narcos. Und sie drängen aus den Nachbarstaaten ins Land: Gut organisierte Banden aus Bolivien und Brasilien, wie das Comando Vermelho, mischten sich in den Export über die Amazonas-Route ein, sagt Casas. Die aufwendige Logistik der Drogenschmuggler werde gestützt von einer Bevölkerung, die in prekären Verhältnissen lebt und die sich vom Staat kaum mehr Hilfe oder Jobs verspreche. Und so setzten viele ihre Arbeitskraft eben in „einem Bindeglied des Drogenhandels oder anderer illegaler Aktivitäten ein“.

Nach Europa kommen die Drogen unter anderem versteckt in doppelwandigen Schiffscontainern. Vor allem die Hafenstädte Rotterdam, Antwerpen und Le Havre sind wichtige Einfallstore. So hat sich laut CSIS etwa die Menge des in den Niederlanden beschlagnahmten Kokains seit 2017 verfünffacht. 

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Die Rubrik entsteht in Kooperation mit dem Erdobservations-Start-up LiveEO – dieses ist eine Beteiligung der DvH Ventures, einer Schwestergesellschaft der Holding DvH Medien, ihrerseits alleiniger Anteilseigner der Handelsblatt Media Group, zu der auch die WirtschaftsWoche gehört.

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