Tipp-Kick: Das Wunder von Villingen
Bereit für den Anstoß: Die Tipp-Kick-Figuren verschiedener Nationalmannschaften.
Foto: dpaEs ist 1954. Rahn müsste schießen, Rahn schießt, Deutschland wird Fußball-Weltmeister. Ein Land jubelt, und Edwin Mieg aus Villingen im Schwarzwald jubelt noch ein bisschen mehr: 180.000 Versionen des Tipp-Kick-Spiels, das er mehr als 30 Jahre vorher auf den Markt gebracht hatte, werden in diesem Jahr verkauft, es ist der Durchbruch für das Miniatur-Tischfußballspiel. Heute ist es ein Klassiker, der geschafft hat, was nur wenige Spiele schaffen: Auch ein Jahrhundert nach seiner Erfindung wird es noch gekauft, gespielt, geliebt.
Geht es nach Mathias, Jochen und Leonard Mieg, bleibt das auch so. Seit 1990 leitet der Enkel des Spiele-Erfinders, Mathias Mieg, die Tipp-Kick GmbH gemeinsam mit seinem Cousin Jochen. Pünktlich zum Firmenjubiläum und dem EM-Start mischt mit Leonard Mieg nun auch die vierte Generation mit.
Zur Vorbereitung musste der auch viel Tipp-Kick üben. Der Ausgang des Spiels nämlich, bei dem die Farbe des Balles anzeigt, wer am Zug ist, hängt deutlich weniger vom Zufall ab, als es bei anderen Spielen üblich ist. Und so gewinnt Papa Mieg bislang noch 60 Prozent der Duelle gegen seinen Sohn. „Beherrscht man die Technik, beherrscht man auch zu 95 Prozent den Ball“, sagt Leonard Mieg, der den Trick der Profis inzwischen verinnerlicht hat: Die Profis rollen den Ball nicht, sondern rotieren ihn. Der erste, der das schaffte, gewann sechs Jahre in Folge die Deutsche Meisterschaft. Dann wurde die Regel geändert, sodass auch andere wieder eine Chance hatten.
Stefan Effenberg lässt Umsatz einbrechen
So viel Kontrolle die beiden über den kleinen Ball haben, so wenig Kontrolle haben sie manchmal über ihr Geschäft: Wenn es der Fußball-Nationalmannschaft gut geht, dann florieren auch die Verkäufe – und umgekehrt. „Es ist ein separates Spiel, aber ist Begeisterung für Fußball da, merken wir das hier auch“, sagt Mathias Mieg. Der Bundesligaskandal in den frühen Siebzigern ließ auch die Verkaufszahlen der Miegs einbrechen, nach der „Schmach von Cordoba“, dem frühen WM-Aus 1978, ging es noch weiter runter. Ebenso 1994, als Stefan Effenberg nach Pfiffen den deutschen Fans den Mittelfinger zeigte.
Aber es ging eben auch immer wieder aufwärts, wenn die Begeisterung zurückkam. Entsprechend fiebert die Familie nun auch bei der EM mit. „Wir sind eh Fans“, sagt Leonard Mieg. „Aber geht es zum Beispiel um die Qualifikation, bangen wir schon, dass Deutschland es schafft.“ Als die Deutschen endlich mal wieder zwei Spiele in Folge gewannen, was aufgrund der mauen Leistung der letzten Jahre viele Fans begeisterte, stieg auch die Nachfrage nach Tipp-Kick. In den vorangegangenen Jahren aber sah es anders aus, gesteht Mathias Mieg: „Uns ging es gar nicht gut.“ Ein großer Spielwarenhersteller wollte sie übernehmen. Es gab Gespräche. Dann fragte Mieg seinen Sohn, wie er das denn sehe, ob er das Familienunternehmen gerne weiterführen würde. „Er sagte ja, und damit war für mich ein Verkauf vom Tisch.“
Kurz danach kam der Befreiungsschlag: Ein Großauftrag von Kaufland zur WM 2018, bei dem es zu Einkäufen Tipp-Kick-Spieler dazu gab. „Das war ein Riesenerfolg“, sagt Mieg. „Es war schön, die Kinder zu beobachten, die auf dem Parkplatz die Packung aufrissen und sich über ihre Figur freuten, oder enttäuscht waren, weil sie Iran statt Deutschland erwischt haben“, sagt er und lacht.
PR-Sieg, aber wirtschaftliche Niederlage
Solche Werbeaufträge machen in normalen Jahren 20 Prozent der Aufträge aus, in Turnierjahren wie diesem rund die Hälfte. Entsprechend stark schwankt der Umsatz, lag zuletzt stets irgendwo zwischen einer und zwei Millionen Euro. Um diese Unsicherheiten abzufedern und den steigenden Kosten standzuhalten, mussten die Miegs große Teile der Produktion nach Fernost auslagern. Dort kostet eine der mechanischen, handgemachten Figuren rund einen Euro. In Deutschland würde das fast alleine die Bemalung kosten.
Am Produkt selbst hat sich in den letzten 100 Jahren wenig verändert. 30 Millionen Mini-Fußballer hat die kleinste Spielwarenfabrik Deutschlands bis heute produziert – in insgesamt rund 60 verschiedenen Editionen, aber mit der immer gleichen Technik: Drückt man auf den Knopf, bewegt sich das Bein. Anfangs kniete der Tor-Toni noch. Seit dem Wunder von Bern steht er, kann nach rechts, links und vorne fallen. Das Bein ist für mehr Ballkontrolle aus präzisionsgelasertem Stahl. Die Netze sind aus Stoff, der Ball nicht mehr aus Kork. Um das Spiel herum sind Fans, Flutlichter, Banden und Halbzeituhren entstanden.
Seit der Frauen-Fußball-WM in Deutschland gibt es auch die Tipp-Kickerinnen. „Bei der Presse kam das unheimlich gut an. Wirtschaftlich war es kein Erfolg“, gesteht Mieg, lässt sich davon aber nicht entmutigen: „Damals kamen noch viele blöde Kommentare. Gesellschaftlich hat sich aber seitdem so viel getan, dass wir es zum nächsten Turnier wieder versuchen.“ Dafür haben sie schon das Design überarbeitet, das bei den ersten Varianten nicht so geglückt sei.
Solche Innovationen führten gerade bei Mathias Mieg und seinem Vater immer mal wieder zu Streitigkeiten. „Mein Vater hat sich gern auf dem ausgeruht, was funktioniert hat oder eher auf Reichweite statt Zielgruppe gesetzt“, sagt Matthias Mieg. „Damit war ich total unzufrieden. Gerade wenn es ums Marketing ging, hat es öfter zwischen uns gekracht.“ Tiefpunkt der Vater-Sohn-Beziehung: Mathias Mieg sollte auf den Wunsch seiner Eltern für den Tipp-Kick-Karton Modell stehen. „Ich hatte Schulterlange Haare, war 13 und wollte einfach nicht auf das Foto drauf.“ Die Verpackung war 17 Jahre lang im Handel.
Alle Konkurrenten floppten
Mit seinem Sohn Leonard gab es bislang noch keine Reibereien, „aber ich bin ja auch erst ein paar Wochen dabei“, lacht er. Zumindest offiziell. Denn wie es bei Familienunternehmen eben auch so ist, gibt es keine Trennung zwischen Familie und Unternehmen. Schon als Kind fuhr er mit auf Messen und spielte dort gegen Verwandte, Profis und Schaulustige, besiegte schon als Kinder die Erwachsenen, „das war immer ein Riesending“, erinnert Leonard Mieg sich, der fest an den weiteren Erfolg von Tipp-Kick glaubt, so viele Gegner, wie sein Unternehmen schon ausgestochen habe. Ein ähnliches Spiel von Lego konnte sich nicht durchsetzen. Als Playmobil ein vergleichbares Spiel auf den Markt brachte, ordneten viele Kunden diesen den Schwarzwäldern zu, fragen bei ihnen nach Ersatzteilen, erzählt Mathias Mieg: „Das ist, wovon wir leben: Unsere starke Marke.“ Er mag es nicht, wenn man sagt, das Spiel sei Kult. „Ich denke, Tipp-Kick ist einfach ein gutes Spiel und hat deshalb so lange überlebt.“
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