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E-Coli, Durchfall, tote FischeWas Europas Flüsse so dreckig macht

Nicht nur die Seine in Paris ist verschmutzt. In zahlreiche Flüsse in Europa fließt ungeklärtes Wasser. Das alarmiert die EU. Doch das Problem lässt sich nur schwer lösen. 17.08.2024 - 08:24 Uhr

Fast hätte das Wasser der Seine den Triathlon bei den Olympischen Spiele in Paris verhindert. Der Fluss, der durch das Zentrum der französischen Hauptstadt fließt, war einfach zu dreckig. Die Veranstalter mussten den Wettbewerb mehrfach verschieben, ließen sie dann aber schwimmen. Mehrere Sportler klagten in der Folge über Erbrechen und Durchfall. Das Organisationskomitee erklärte eilig, dass ihm „kein Zusammenhang“ zwischen den Erkrankungen der Sportler und der Wasserqualität der Seine bekannt sei.

Was wie eine ärgerliche Randnotiz des sportlichen Großereignisses klingt, zeigt allerdings wie groß das Abwasserproblem in den Flüssen Europas mittlerweile ist. Viele Städte haben eine jahrhundertealte Infrastruktur, die nicht auf den neuesten Stand gebracht wurde, um den enormen Anstieg der Abwässer aus Haushalten und Fabriken zu bewältigen. Starke Regenfälle, die durch den Klimawandel verursacht werden, verschärfen das Problem.

Die EU hatte darum diesem Jahr eine 30 Jahre alte Vorschrift für die Sammlung und Behandlung von Abwasser überarbeitet. Bis 2027 sollen die Länder der EU den Zustand ihrer Flüsse, Seen und Meere verbessern.

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Doch viele Länder halten noch nicht einmal die alten Vorschriften ein. Die Europäische Kommission ermittelt darum gegen Italien, Griechenland und Spanien – alle drei sollen gegen europäische Standards für sauberes Wasser verstoßen haben.

„Das Problem für viele Städte und Gemeinden an Flüssen wächst“, sagt Mina Guli. Die Geschäftsfrau hatte bei den Olympischen Spielen einen Lauf entlang der Seine unternommen, um gegen die Verschmutzung des Flusses zu protestieren. „Was wir jetzt an der Seine und im Vereinigten Königreich sehen, ist so etwas wie ein Kanarienvogel in der Kohlenmine.“

Australien und die USA machen es besser

Abwasser muss in mehreren Stufen behandelt werden, bevor es sicher in die Umwelt zurückgeführt werden kann. In der ersten Stufe werden Feststoffe herausgefiltert, in der zweiten werden schädliche Chemikalien entfernt und Nährstoffe wie Phosphor und Stickstoff, die zu schädlichem Algenwachstum führen, reduziert. In den darauf folgenden Stufen wird das Abwasser desinfiziert und weitere Nährstoffe entfernt.

Jeder fünfte Europäer lebt an ein einem Ort, an dem nur der erste Schritt erfolgt. Eine unbekannte Menge an Abwasser wird gar nicht oder nur sehr oberflächlich gereinigt, weil sie über die Kanalisation abgeleitet werden, bevor sie überhaupt eine Kläranlage erreichen.

Denn viele europäische Länder setzen weiterhin auf Kanalisationssysteme, die als Combined Sewer Overflows (CSO) bekannt sind. Bei starkem Regen leiten die Rohre überschüssiges Regenwasser, das mit Abwasser vermischt ist, in offene Gewässer, um Überschwemmungen oder sogar Wasserrückstau in Häusern zu verhindern.

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Die meisten dieser Systeme wurden im 19. und 20. Jahrhundert gebaut. In Regionen mit neueren Kanalisationssystemen, wie in Australien und im Westen der USA, werden Regenwasser und Abwasser meist getrennt gesammelt, vor allem außerhalb der Städte. „Es war einfach billiger, ein einziges Rohr zu bauen, als komplett getrennte Rohrsysteme zu errichten“, sagt Alastair Chisholm, Direktor für Politik bei der britischen Chartered Institution of Water and Environmental Management, einem Branchenverband. „Wenn man sie jetzt verlegen würde, würde man sie getrennt verlegen.“

Risiko für Krankheitserreger steigt

Wie viel Abfall aus CSOs in offene Gewässer gelangt, hängt von der Größe der Sammel- und Lagertanks ab und davon, wie schnell das Regenwasser die Kanäle füllt. Heutzutage werden die Abwasserkanäle in Europa oft viel stärker genutzt als ursprünglich vorgesehen, was zum Teil daran liegt, dass Grünflächen, die das Regenwasser hätten aufnehmen können, im Zuge der Stadtentwicklung zugepflastert wurden.

Schlechte Wartung kann auch dazu führen, dass sich Fette und Öle ansammeln, so dass das Abwasser abgeleitet wird, bevor der Regen es ausreichend verdünnen kann. In den schlimmsten Fällen wird unverdünntes Abwasser freigesetzt, wenn es nicht regnet, was als „Trockenwettereinleitung“ bekannt ist. Da es in ganz Europa an Überwachungsmaßnahmen mangelt, ist es schwer zu sagen, wie oft diese Trockenabwässer auftreten. Daten aus dem Vereinigten Königreich, zeigen jedoch, dass dies häufiger vorkommt als bisher angenommen.

Die Folgen sind sowohl für die Menschen als auch für die Umwelt schädlich. Ungeklärte Abwässer begünstigen das Wachstum von Algen, die andere Pflanzen ersticken, Tieren die nötige Nahrung entziehen und Weichtiere abtöten, die als natürliche Wasserfilter fungieren. Abwässer können Chemikalien und Mikroplastik enthalten. Außerdem besteht das Risiko von Bakterien wie E. coli und Enterokokken, die Menschen krank machen können.

Sogar die Qualität des behandelten Abwassers kann variieren. Daten aus Dänemark, Finnland, Deutschland, Polen und Schweden zeigen, dass in der Ostsee nur sechs Prozent des Stickstoffs und 16 Prozent des Phosphors auf unbehandeltes Abwasser zurückzuführen sind; der Rest stammt aus Kläranlagen, die diese Nährstoffe nicht gut genug reinigen.

Das Problem der veralteten Kanalisations- und Wasseraufbereitungssysteme wurden lange Zeit übersehen. „Einige Länder wissen nicht einmal, wo ihre CSOs sind“, sagt David Butler, Professor für Wassertechnik an der Universität Exeter im Vereinigten Königreich. Die neuen EU-Vorschriften sollen das ändern, indem sie die Unternehmen verpflichten, die Häufigkeit der Überläufe in ihren Systemen zu überwachen.

Der polnische Premierminister Donald Tusk ist einer der wenigen Politiker, der die Wasserverschmutzung offen anspricht. In seiner ersten offiziellen Rede im Dezember versprach Tusk, die Oder zu säubern, die zweitlängste Wasserstraße des Landes, die durch schädliche Salze aus Kohleminen, ungefiltertes Abwasser und landwirtschaftliche Abfälle verschmutzt ist. Bis zu 90 Prozent der Abwasserkanäle in Polen sind CSOs – einer der höchsten Werte in Europa.

Im Jahr 2022 zu habe man täglich mehrere hundert Kilogramm toter Fische aus dem Kanal fischen müssen, erinnert sich Ewa Sternal, Besitzerin eines Jachthafens am Gleiwitzer Kanal, der mit der Oder verbunden ist. „Sie sahen aus, als hätte man ihnen einen Stromschlag verpasst.“ Die Schlagzeilen seien schlecht für das Geschäft gewesen, sagt Sternal, die mehr als ein Jahrzehnt damit verbracht hat, das ehemalige Industriegelände in eine Touristenattraktion zu verwandeln.

Trotz seiner Versprechen wird  Tusk dafür kritisiert, nicht getan zu haben. Immer noch tauchen tote Fische in der Oder auf, und die Salzkonzentration ist oft hoch. Die Regierung hat eine Taskforce zur Sanierung und Überwachung des Flusses eingerichtet, die sich aus mehreren Ministern zusammensetzt, so das Klimaministerium in seiner Antwort auf Fragen. Das Infrastrukturministerium bemüht sich außerdem um eine strengere Kontrolle der Genehmigungen, die Bergwerke für die Einleitung von Abwässern in Flüsse benötigen.

Milliardeninvestitionen wären nötig

Viele Städte setzen zunehmend auf Stadtplanung, damit weniger Regenwasser unmittelbar in die Kanalisation fließt. In Kopenhagen haben die Behörden „Regengärten“ angelegt, um Niederschläge aufzufangen und Sturzfluten einzudämmen. Dieser Ansatz ist viel billiger als die Abtrennung der bestehenden CSOs. Alleine im Vereinigten Königreich wären dafür Investitionen von 350 bis 600 Milliarden Pfund nötig, schätzen Experten.

Um den öffentlichen Raum hochwassersicherer zu machen, ist jedoch die Zustimmung zahlreicher Behörden erforderlich, von den Wohnungsämtern bis hin zu den Straßen- und Eisenbahnbehörden.

Das Bewusstsein zu schärfen, ist eine große Herausforderung, sagt Pieter Elsen, Gründer der Umweltgruppe City to Ocean in Brüssel. Laut Moody's hat Belgiens Abwassernetz den höchsten Anteil an CSOs in Europa, doch Elsen tut sich schwer, die Menschen für das Risiko zu sensibilisieren, das für die Kanäle seiner Stadt besteht: „Ich möchte stolz auf meine Stadt sein“, sagt Elsen, der sich dafür einsetzt, dass Brüssel mehr Grünflächen einrichtet und mehr Becken zur Speicherung von Regenwasser baut.

Seine Gruppe organisiert Kajaktouren, damit die Menschen die Verschmutzung aus der Nähe sehen können, und setzt sich für Maßnahmen wie Müllsperren ein, die es leichter machen, Plastikmüll aus dem Wasser zu entfernen. „Wenn du siehst, dass dein Kanal und dein Fluss jeden Monat mehrmals durch deine eigenen Abwässer verschmutzt werden, ist das nichts, worauf du stolz sein kannst.“

Abwasser geht direkt in den Kanal

In belgischen Stadt Gent ist das noch besonders sichtbar. Dort leiten viele Häuser ihre Abwässer einst direkt in die Grachten; man kann die Rohre noch immer an den Wänden sehen. Bei einigen Haushalte, vor allem außerhalb der Stadt, werden Abwässer noch heute so entsorgt. In der Region Flandern, die Gent umgibt, gibt es 8000 CSOs. Im vergangenen Jahr wurden weniger als zehn Prozent davon überwacht.

Für die Anwohner, die an diesen Wasserläufen leben, ist das ein Problem. Freya Peeters, 43, betreibt eine Bar am Kanal in Gent. Sie ist vorsichtig beim Schwimmen und Kajakfahren im Fluss in der Nähe ihres Hauses, nachdem sie sich in einem Fluss in Spanien einmal mit E. coli Bakterien infiziert hat. Und sie hat gesehen, wie schmutziges Wasser aus den Häusern ihrer Nachbarn direkt in den Fluss fließt, an dem sie lebt.

Sauberes Wasser würde ihr helfen, mehr Kunden zu gewinnen. „Wo man schwimmen kann, ist ein Treffpunkt“, sagt sie. Aber was noch wichtiger ist: Die derzeitige Situation ist einfach nicht tragbar, sagt sie. „Es ist nicht sicher.“

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bbg
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