Editorial: Die Deutschen suchen die Mitte, aber die ist leider nicht besetzt
Erholt und voller Tatendrang kommen wir aus dem Sommerurlaub zurück. Und zu Hause ist die Stimmung mies. Der Schaffner im ICE motzt am Montagmorgen in seiner Durchsage, er habe schlechte Laune und wolle deshalb keine langen Gesichter sehen. Und in Berlin versuchen die Ampelkoalitionäre nicht mal mehr zu kaschieren, dass sie rettungslos verloren sind. Kanzler Olaf Scholz findet alles nur noch „mühselig“. Da stimmen wir ausnahmsweise mal zu. Das Land braucht dringend einen Gute-Laune-Boost. Mit der Ampel wird das aber nichts.
Dabei sind die Voraussetzungen für eine bessere Stimmung gar nicht mal so schlecht. Im Ernst! Die meisten Deutschen haben nämlich keine Lust auf Streit. Sie wollen sich nicht ständig aufregen, sie interessieren sich nicht für parteipolitische Scharmützel. Sie können Widersprüche aushalten, finden etwa Klimaschutz eine gute Sache – und wollen trotzdem Verbrennerautos fahren. Vor allem möchten die meisten keine extremen Parteien in die Parlamente wählen. Sie fühlen sich in der Mitte wohl. Nur was sollen sie tun, wenn in der Mitte kein Angebot besteht?
Dann geben sie irgendwann doch den wachsenden Fliehkräften hin zu den politischen Rändern nach.
Zu diesem Ergebnis kam Steffen Mau, Deutschlands wohl einflussreichster Soziologe, als er in einer Untersuchung unsere Gesellschaft neu vermaß. Mau vergleicht sie mit einem Dromedar: großer Höcker in der Mitte, flach auslaufend nach links und rechts. Als Gegenbeispiel nennt er die USA, ein Kamel: zwei große Gruppen, die sich unversöhnlich gegenüberstehen. Da haben wir es noch gut! Wir müssen mit einem Höcke klarkommen, aber nicht mit zwei Höckern. Immerhin.
Wenn die Menschen aber immer wieder vor den Kopf gestoßen werden, wird das nicht so bleiben. Dann wird auch dem Tapfersten die Laune vergehen. Mau spricht von „Allmählichkeitsschäden“, in Anlehnung an die Assekuranz. Konstant träufelt jemand Wasser in das Fundament unserer Demokratie. Der Schaden bleibt erst unbemerkt – und wird dann umso deutlicher offenbar. Der Keller ist nass. Das wird teuer. Noch mehr Träufeln vertragen wir nicht. Hat der Kanzler dem US-Präsidenten Joe Biden nicht gerade dafür Respekt gezollt, dass er seine eigenen Ambitionen zurückstellt? Dafür, dass er im richtigen Moment von der politischen Bühne abtritt? Herr Scholz, jetzt sind Sie am Zug. Dann kehrt vielleicht auch die gute Laune zurück.
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