Vereinbarkeit: „Führungskräfte haben als Vorbilder eine unglaubliche Macht“
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Ein bisschen Selbstlob darf sein, findet Marie Langer. „Best mom ever“ steht auf einem kleinen Schild neben ihrem Schreibtisch. Als ihre Tochter vor drei Jahren zur Welt kam, war Langer bereits Geschäftsführerin von EOS. 2019 hatte sie das Unternehmen, weltweit führend im industriellen 3D-Druck von Metallen und Kunststoffen, von ihrem Vater übernommen. Das Schild erinnere sie darin, dass alles okay sei, sagt Langer: „Ich kann CEO und trotzdem eine tolle Mama sein, auch wenn das manchmal schwer ist.“
Im WirtschaftsWoche-Podcast „Chefgespräch“ erzählt sie, wie wichtig ihr die Vereinbarkeit von Familie und Beruf sei – nicht nur persönlich, sondern auch als Chefin. Dabei kommt es für sie weniger auf formale betriebliche Initiativen an. „Am Ende beginnt es aus meiner Sicht immer im Kleinen“, sagt Langer. Entscheidend sei dabei vor allem der direkte Kontakt mit der Führungskraft. Manchen ihrer Vorstandskollegen sei es beispielsweise anfangs unangenehm gewesen, Termine zu blocken, um ihre Kinder zur Kita oder zum Arzt zu bringen. „Aber mittlerweile ist es total etabliert und dadurch etablieren sie es natürlich auch mehr in ihren Teams.“
Dem kann Sarah Drücker nur zustimmen. Das von ihr gegründete Unternehmen Smart Worq bildet gemeinsam mit der Industrie- und Handelskammer Düsseldorf sogenannte Vereinbarkeitsmanagerinnen und -manager aus und berät Unternehmen zu dem Thema. „Führungskräfte haben als Vorbilder eine unglaubliche Macht“, bekräftigt Drücker. Festgeschriebene Unternehmenswerte, Programme der Personalabteilung, Auditierungen als familienfreundlicher Betrieb – all das spiele kaum eine Rolle, wenn es nicht vorgelebt werde.
Väter folgen ihren männlichen Chefs
Zu dieser Signalwirkung von Führungskräften hat das Institut der deutschen Wirtschaft vor einigen Jahren eine Studie veröffentlicht. Das Ergebnis: Wenn Männer in Führungspositionen Elternzeit nehmen, machen das auch viel mehr männliche Mitarbeiter – etwa fünfmal so viele wie in Firmen, in denen die Chefs nicht in Elternzeit gehen. Ähnlich ist es bei der Teilzeitbeschäftigung: Arbeiten männliche Führungskräfte mit reduzierter Stundenzahl, ist auch der Anteil der männlichen Mitarbeiter in Teilzeit wesentlich höher.
In ihrer Arbeit mit Unternehmen hat auch Vereinbarkeitsexpertin Drücker immer wieder erlebt, wie sehr einzelne Vorbilder die Kultur verändern können. Zum Beispiel bei einem großen Landmaschinenhersteller, bei dem sich eine der wenigen weiblichen Führungskräfte für das Thema stark gemacht habe: unter anderem durch flexiblere Arbeitszeiten und eine offenere Kommunikation über die Bedürfnisse der Angestellten. „In der Folge sind in ihrer Abteilung sowohl die Fehltage als auch die Kündigungen im Vergleich zu den anderen Unternehmensbereichen zurückgegangen“, so Drücker.
Eine Beschreibung, die sich mit einer Studie des Bundesfamilienministeriums deckt: Laut dem aktuellen „Unternehmensmonitor Familienfreundlichkeit“ ist die Fluktuation in Unternehmen mit einer ausgeprägt familienfreundlichen Kultur deutlich geringer. Aber wie lässt sich diese Kultur erreichen?
Nicht nur Chefs können Vorbilder sein
Laut Drücker ist ein sinnvoller erster Schritt eine Analyse des Status Quo: In welcher Lebensphase befinden sich die Mitarbeiter und welche Bedürfnisse haben sie in Bezug auf Vereinbarkeit? Welche Angebote zur Unterstützung bietet das Unternehmen bereits an und wie werden sie genutzt? Und falls sie nicht gut angenommen werden: warum nicht? „Oft lässt sich schon durch Gespräche darüber viel verbessern und dabei sogar Geld sparen“, meint Drücker. Zum Beispiel, wenn ein Unternehmen feststellt, dass die angebotene Betriebskita nicht zur Altersstruktur der Mitarbeiterkinder passt – und Betreuungsangebote während der Schulferien viel hilfreicher wären.
Außerdem sollten Unternehmen Ansprechpartner zum Thema Vereinbarkeit schulen. Die können einerseits betroffene Kolleginnen und Kollegen beraten – und andererseits selbst mit Vorschlägen und Initiativen vorangehen. Denn die Vorbildfunktion ist nicht auf Führungskräfte beschränkt, so Expertin Drücker. „Auch einzelne Beschäftigte können ein Unternehmen und die Belegschaft zum Umdenken bringen.“
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