Börsenwoche 479: Editorial: Die ewigen Sorgen der Autoaktien

Man sie kaum noch zählen. Fast täglich kommen Negativschlagzeilen aus der Autobranche. Dass Volkswagen heftig umlenken muss, ist schon seit Wochen ein großes Thema. Aber auch die Premiumhersteller BMW und Mercedes-Benz müssen ihre Prognosen nach unten korrigieren. Mercedes-Benz gehen die Kunden für seine teuersten Autos aus und BMW kämpft mit Qualitätsproblemen, muss 1,5 Millionen Autos wegen Mängeln an den Bremsen zurückrufen. Aston Martin musste vergangene Woche auch schlechter laufende Geschäfte vermelden. Die Aktie der Briten ist im freien Fall. Die Fiat- und Opel-Mutter Stellantis hat die Börse ebenfalls schockiert: Ihre Marge soll sich dieses Jahr halbieren.
Die Baustellen der Branche sind vielfältig, und eine ist schlimmer als die andere. Zunächst einmal scheint der Automarkt gesättigter als gedacht. Während der Pandemie gab es Lieferschwierigkeiten und ein dementsprechend knappes Angebot. Das ist nun aber vorbei. Das verhaltene Kaufinteresse lässt sich auch durch die hohen Preise erklären. Neuwagen wurden in den vergangenen Jahren immer teurer, auch, weil die Produktionskosten in Europa und den USA steigen.
Und natürlich gilt es immer noch die Wende hin zum Elektroauto zu meistern. Hier sind Kunden plötzlich deutlich zögerlicher. In Deutschland wurden zwischen Januar und Juni 16 Prozent weniger Elektroautos verkauft als im Jahr zuvor. Einerseits scheinen weniger Autofahrer den Umstieg zu wollen, andererseits bringen die großen Autokonzerne kaum noch attraktive und bezahlbare E-Modelle auf den Markt.
Lassen Sie mich das an einem konkreten Beispiel veranschaulichen: Die Stellantis-Marke Alfa Romeo bringt dieses Jahr einen attraktiven Kleinwagen heraus. Der Junior kostet allerdings mindestens 29 500 Euro. Als Alfa Romeo 2008 das letzte Mal einen Kompaktwagen auf die Straße brachte (den Mito), kostete dieser gerade einmal die Hälfte. Und das, obwohl die Produktion für den neuen Wagen nach Polen verlagert wurde, um Kosten zu sparen. Der Mito wurde noch im Stammwerk in Turin produziert.
Ähnlich wie bei Volkswagen mischen auch hier nationale Interessen mit. Die Auslandsproduktion hat die Regierung in Rom so verärgert, dass der Name des neuen Autos kurzfristig von Milano zu Junior geändert werden musste. Das Modell gibt es elektrifiziert und als Verbrenner. Das macht Kompromisse nötig, scheint aktuell aber angebracht, um überhaupt genug Nachfrage zu bekommen. Doch ob es hilft? Vergangenes Jahr konnte Alfa Romeo insgesamt gerade einmal gut 68 000 Autos verkaufen.
Die großen Hersteller brauchen dringend genug Absatz, um ihre Werke auszulasten und ihre Kosten im Rahmen zu halten. Auch, weil riesige Investitionen notwendig sind und Konkurrenz aus China auf den Weltmarkt drängt. Solange die Weichen nicht auf Zukunft gestellt sind, werden die Aktienkurse weiter leiden.
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