Andrea Orcel: Der Unicredit-Chef hält sich bei der Commerzbank alle Optionen offen
Unicredit-CEO Andrea Orcel in Rom.
Foto: REUTERSDie Verwirrung war groß am Montagmittag. Die Unicredit halte nun schon 21 Prozent an der Commerzbank, hieß es da etwas vorschnell. Hoppla, wie konnten sich die Italiener so zügig fast ein Viertel an Deutschlands zweitgrößter börsennotierter Bank besorgen? Haben so viele Aktionäre ihre Anteile an Unicredit-Chef Andrea Orcel und seine Mannschaft verkauft?
Nun, ganz so ist es eben nicht. Die Mailänder Großbank hat sich die Option auf einen Anteil von insgesamt rund 21 Prozent gesichert. Nachdem die Bank das Aktienpaket des Bundes über 4,5 Prozent gekauft und am Markt nochmals über vier Prozent der Commerzbankanteile erworben hat, hält die Unicredit nun Derivate, die es ihr ermöglichen, ihren Anteil um 11,5 auf rund 21 Prozent zu vergrößern. Wie genau funktionieren solche Derivate? Und wann könnte die Unicredit tatsächlich auf die Commerzbank-Aktien zugreifen?
Wir beantworten die wichtigsten Fragen.
Welche Derivate nutzt die Unicredit?
Schon seit dem Sommer hat die Unicredit am Markt Finanzinstrumente aufgekauft und sich damit den Zugriff auf Commerzbank-Aktien gesichert. Die hat sie gezogen, als sie den Zuschlag für das Aktienpaket des Bundes bekommen hat. Der Anteilserwerb über Derivate hatte den Vorteil, dass die Unicredit mehr im Verborgenen agieren konnte, weil sie mögliche aktienrechtliche Meldeschwellen nicht sofort überschritten hat.
Laut Paragraf 38 des Wertpapierhandelsgesetzes muss die Unicredit aber bei Schwellen jenseits der drei Prozent auch bei Finanzinstrumenten mitteilen, dass sie diese hält – und genau das haben die Mailänder am Montag getan. Die Meldepflicht gilt für alle gängigen Derivate wie Optionen, Terminkontrakte oder Swaps.
Welche genau die Unicredit davon genutzt hat, ist nicht bekannt. Berichten zufolge hat die Investmentbank Barclays Orcel beim Aufkauf der Derivate unterstützt. Die Unicredit äußert sich nicht dazu. Naheliegend wäre, sich den Zugriff über Optionen zu sichern. Diese geben dem Käufer (in diesem Fall die Unicredit) das Recht, einen bestimmten Wert (in diesem Fall die Aktien der Commerzbank) zu einem festgelegten Preis zu kaufen. Während der Verkäufer verpflichtet ist, zu verkaufen, wenn der Käufer das verlangt, hat der Käufer zwar das Recht zu kaufen, er muss es aber nicht ausüben.
Kann die Unicredit die Option auf die Aktien jederzeit ziehen?
Nein, das geht nicht. Wie die Bank auch in ihrer Mitteilung schreibt, hängt der Zugriff auf die Commerzbank-Aktien an der Finanzaufsicht, konkreter an den Bankenaufsehern der Europäischen Zentralbank (EZB). Dort hat die Unicredit eine Genehmigung beantragt, ihren Anteil an der Commerzbank auf bis zu 29,9 Prozent erhöhen zu dürfen. Erst wenn diese erteilt ist, könnten die Italiener ihren tatsächlichen Anteil an der Commerzbank auf 21 Prozent aufstocken. Die neuen Finanzinstrumente könnten erst geliefert werden, „wenn die nötigen Genehmigungen erwirkt wurden“, schreibt die Unicredit in ihrer Mitteilung vom Montag. Die Grenze von 29,9 Prozent markiert dabei nicht den Anteil, den die Unicredit auf jeden Fall übernehmen will – darauf weist die Bank explizit hin. Vielmehr müssten die Italiener ab einem Anteil von 30 Prozent ein Pflichtangebot abgeben.
Die Erlaubnis der EZB gilt zunächst als Formsache – auch, weil die Unicredit mit der HypoVereinsbank ja schon einmal eine deutsche Bank übernommen und integriert hat. Allerdings kann es durchaus Wochen oder Monate dauern, bis die Frankfurter Aufseher zustimmen. So lange bleibt es in jedem Fall „nur“ bei einem rechnerischen Anteil von 21 Prozent, den die Unicredit an der Commerzbank hält. Der Bund bleibt mit seinen zwölf Prozent also bis dahin größter Investor.
Muss die Unicredit ihre Option ziehen?
Nein, das muss die Bank nicht. In ihrer Mitteilung schreibt die Bank, dass sie einen maßgeblichen Teil ihres Engagements abgesichert, also gehedgt hat. Sie hat also ihre potenziellen Verluste begrenzt und kann ihre Finanzinstrumente daher mit geringen Verlusten wieder verkaufen. Das ist vor allem wichtig, falls der Kurs der Commerzbank-Aktie wieder sinkt, etwa, weil die EZB ihre Genehmigung für eine Übernahme nicht erteilt. Aktuell notiert das Papier bei 15,20 Euro und enthält einen ordentlichen Fusionsaufschlag: Vor dem Einstieg der Unicredit kostete die Aktie 12,60 Euro.
Man wolle sich die „volle Flexibilität“ erhalten, teilt die Unicredit in ihrer Mitteilung mit. Man könne den Anteil entweder behalten, wieder verkaufen, oder „den Anteil weiter ausbauen“, heißt es seitens der Unicredit. Welchen Weg die Italiener am Ende wählen, hänge demnach im wesentlichen davon ab, wie die angestrebten Gespräche mit dem Management der Commerzbank und deren Anteilseignern verlaufen. Ob diese bereits terminiert sind, dazu will die Bank auf Anfrage nichts sagen.
Lesen Sie auch: Sollte die Commerzbank übernommen werden? WiWo-Redakteurin Saskia Littmann sagt unbedingt – WiWo-Redakteur Lukas Zdralek hält dagegen

