Covestro-Übernahme: Es geht nur ums Geld. Zum Glück!

Der Ölriese Adnoc ist nach langem Werben um den Kunststoffkonzern Covestro am Ziel. Der Staatskonzern aus Abu Dhabi will das Leverkusener Unternehmen für bis zu 16 Milliarden Euro übernehmen.
Foto: imago imagesNein, überstürzt haben die Spitzenmanager von Adnoc wirklich nichts bei ihrem ersten großen Deal in Westeuropa. Gut 15 Monate ist es nun her, dass der Konzern aus dem Emirat Abu Dhabi seine Absicht bekannt machte, den deutschen Chemiekonzern Covestro zu übernehmen. Und trotz dieses Vorlaufs zögerte die dortige Herrscherfamilie, ihrerseits einziger Anteilseigner am Öl- und Gaskonzern Adnoc, zuletzt noch mehrere Wochen, die fertig ausgehandelte Vertragsvereinbarung tatsächlich zu unterschreiben.
Ein Zeichen der Unsicherheit oder des Wankelmuts sind diese Umstände wohl nicht. Eher bezeugen sie, von welch grundlegender Tragweite der Deal ist. Erstmals wird ein arabischer Staatskonzern bei einem westeuropäischen Großunternehmen nicht nur als Anteilseigner aktiv, sondern will gleich die komplette Macht. Zudem bezeugt Adnoc mit der Übernahme endgültig, was der Konzern seit langem für sich in Anspruch nimmt: der grüne Vorreiter zu sein in der fossilsten Branche des Planeten.
Während viele andere Ölkonzerne ihre nachhaltigen Ambitionen zuletzt begraben haben, halten Abu Dhabi und Adnoc daran fest: Bis 2045 soll der Konzern klimaneutral sein, das Emirat versorgt sich schon heute zu immerhin knapp 30 Prozent aus erneuerbaren Energien, ein absoluter Rekordwert in der Region. Mit seiner Tochterfirma Masdar und der Beteiligung Fertiglobe gehört Adnoc bereits heute zu den wichtigsten Akteuren im wachsenden Markt für grünen Wasserstoff.
Die 11,7 Milliarden Euro, die Adnoc nun für Covestro in die Hand will, sind deshalb auch als finale Selbstverpflichtung zu verstehen: Uns ist es ernst mit der grünen Transformation.
Transformation ist teuer
Kein Wunder, dass sich auch das Covestro-Management relativ früh zu der Übernahme bekannte. Auf den ersten Blick mag die wie ein weiterer Beleg des Ausverkaufs am Standort Deutschland aussehen, doch das entpuppt sich schnell als falsch verstandener Wirtschaftsnationalismus.
Der Kaufpreis werde nicht allein entscheidend sein, bekundete Covestro-Chef Markus Steilemann während des Kaufprozesses mehrmals. An der entscheidenden Stelle, bei den Investitionen in die Zukunft, hat er dann zum Glück doch nur aufs Geld geschaut.
Covestro nämlich ist in seiner Transformation in Richtung Nachhaltigkeit weiter als viele andere in der Branche. Das macht ihn so attraktiv für Adnoc – und das macht auch Adnoc so attraktiv für Covestro. Zum einen, weil die Konzernspitze bei Adnoc weniger als bei anderen Großmächten der Branche damit rechnen muss, dass sich beim nächsten Ölpreisschub schon wieder die Stimmung ändert. Zum zweiten, weil Transformation Geld kostet. Geld, das Adnoc anders als manch angeschlagene Chemiegröße im Westen noch hat. Und offenbar auch bereit ist, in die Hand zu nehmen: Im Zuge der Übernahme sollen über eine Kapitalerhöhung Covestro direkt knappe 1,2 Milliarden Euro zufließen. Mit dem expliziten Verwendungszweck: Investitionen in Nachhaltigkeit.
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