Narzissmus: Trump bis Musk – was Sie von Narzissten lernen können
Wie sollte ich Narzissten in Führungspositionen gegenübertreten?
Foto: Getty Images, Illustration: Marcel ReyleWirtschaftsWoche: Herr Fatfouta, derzeit scheint es vor Narzissten nur so zu wimmeln. Ist das nur ein Eindruck? Oder ist Narzissmus tatsächlich so verbreitet?
Ramzi Fatfouta: Der Begriff wird inflationär verwendet. Er ist ein Schlagwort für sämtliche schwierigen Persönlichkeiten. Junge Menschen sind heute nicht selbstbezogener als früher, eher im Gegenteil. Aber: Wir stolpern von einer Krise in die nächste und da wird historisch betrachtet der Ruf nach narzisstischen Persönlichkeiten stärker.
Warum?
Narzissten suggerieren durch Charisma, Unverfrorenheit und Risikobereitschaft: Ich sorge dafür, dass es euch wieder besser geht. Das sehen wir bei Politikern wie Donald Trump und Giorgia Meloni, aber auch bei CEOs wie Elon Musk – wobei das natürlich immer nur Ferndiagnosen sind.
Sind Narzissten immer auch Blender?
Narzissmus ist nicht per se gut oder schlecht. Es handelt sich um eine Persönlichkeitseigenschaft wie Intelligenz oder Geselligkeit. Das ist ein Kaleidoskop, das von gesunder realistischer Selbstwahrnehmung bis zu pathologischer Selbsterhöhung reicht.
Wir sind also alle etwas narzisstisch?
Genau, jeder von uns hat eine Ausprägung von Narzissmus. Bei rund 68 Prozent der Menschen liegt sie in einem normalen Bereich. Narzissten haben auch gute Eigenschaften. Sie sind visionär, können andere für sich gewinnen, sind charmant und bereit, Führung zu übernehmen. So jemanden brauchen Sie im Team, wenn Sie ein Start-up gründen oder auf Innovationen angewiesen sind.
Sind Narzissten tendenziell begabter, weil sie sich früh mehr zugetraut haben?
Ich habe dazu Studien gemacht – und festgestellt: Narzissten sind nicht intelligenter und auch bei anderen Eigenschaften eher durchschnittlich. Entscheidend ist die Art und Weise, wie sie sich darstellen. Sie können sich sehr gut verkaufen und befriedigen damit ihr Bedürfnis nach Anerkennung und Macht.
Wie macht man damit Karriere?
Narzissten springen häufiger in die Bresche. Sie sagen: Ich mache das, ich kriege das hin. Oder berichten nach einem mittelmäßigen Kundengespräch: Es lief toll, ich habe den Kunden am Haken. Ein Durchschnittsmensch würde sich das gar nicht trauen. Aber das macht natürlich Eindruck bei Vorgesetzten.
Kann aber auch richtig schiefgehen.
Auf lange Sicht kommen dann eher die negativen Seiten des Narzissmus zum Tragen. Konflikte brechen aus, die mangelnde Empathie wird ein Problem. Dann bröckelt das Ganze. Viele Narzissten verlassen dann das Unternehmen und machen woanders genauso weiter.
Auch weil sich die Probleme beim alten Arbeitgeber nicht immer rumsprechen.
Natürlich möchte ein Unternehmen ungern zugeben, dass es von einem pathologischen Narzissten geleitet wurde. Da werden dann andere Gründe für die Trennung vorgeschoben. Vorher wird außerdem oft viel getan, um eine narzisstische Führungskraft zu schützen, weil sie eben Gewinne einfährt. Da bekommen dann eher die Mitarbeiter ein Coaching, um mit ihnen umzugehen, anstatt dass der CEO ausgewechselt wird.
Und so bringen es Narzissten eben besonders weit.
Narzisstische Manager sind nicht nur narzisstisch, das ist nicht ihre komplette Persönlichkeit. Sie besitzen beispielsweise auch Verhandlungsgeschick, können unternehmerisch denken. Es gibt durchaus sehr funktionale Narzissten, die gut in einem Unternehmen bestehen können. Solche erfolgreichen Narzissten haben noch einen moralischen Kompass und passen ihr Verhalten den Regeln an.
Und wenn der Narzissmus stärker wird, steigt auch die kriminelle Energie?
Das kann passieren. Die Persönlichkeit veranlasst mich dazu, betrügerisch zu agieren. Normalerweise würde man sagen: Das gehört sich nicht, das fliegt auf. Ein Narzisst rechtfertigt sein Verhalten und sagt: Das ist erforderlich, damit ich weiterkomme oder auch das Unternehmen.
Es kann also gefährlich werden, wenn ein Narzisst in einer Firma das Sagen hat?
Das kommt vor. Untersuchungen zeigen außerdem, dass narzisstische CEOs eher Narzissten befördern. Denn man ist sich ähnlich und weiß, welche Strategien zum Erfolg führen. Und zur Wahrheit gehört: In den wenigsten Unternehmen agieren alle auf Augenhöhe, sondern der Stärkste gewinnt. Im schlimmsten Fall habe ich am Ende ein Konglomerat aus Narzissten, die nach Macht streben und kritische Meinungen ausgrenzen.
Kann ein Narzisst überhaupt ein guter Chef sein?
Wenn das sehr stark ausgeprägt ist, fehlen die weichen Führungsfacetten: Andere motivieren, empathisch kommunizieren, Lorbeeren nicht immer für sich selbst reklamieren.
Und wie gehe ich am besten mit einem narzisstischen Chef um?
Zunächst muss man verstehen, was einen Narzissten anspornt – also zum Beispiel Status, Grandiosität. Dieses Ego muss strategisch gefüttert werden. Das heißt nicht, dass ich Bewunderung vorgaukeln soll. Aber ich muss schon darauf achten, dass so jemand ganz viel Anerkennung braucht. Das ist manchen zu mühselig. Aber wer mit Narzissten zusammenarbeitet, muss einfach viel positives Feedback geben, um eine konstruktive Basis zu schaffen.
Gilt das nur im Umgang mit dem Chef – oder auch am unteren Ende der Hierarchie? Wie also mache ich’s beim narzisstischen Azubi?
Grenzen aufzeigen: Bis hierhin und nicht weiter. Allerdings nicht offensiv, sondern möglichst mit gewaltfreier Kommunikation. Sie sagen also, was Sie wahrgenommen haben, was das bei Ihnen ausgelöst hat und was Sie sich wünschen – anstatt anklagend zu sagen „Du bist so aggressiv“.
Kann man narzisstische Tendenzen bei jungen Menschen noch stoppen?
Narzissmus entsteht zur Hälfte durch Veranlagung und durch äußere Einflüsse, zum Beispiel die Eltern oder Erfahrungen mit Freunden und im Berufsleben. Bei Azubis hilft es neben strategischem Lob auch, die Vorteile von Teamarbeit aufzuzeigen und das Einzelkämpfertum nicht zu stützen. So kann der junge Mensch erkennen: Ich habe zwar eigene Ziele, muss aber auch das gemeinsame Ziel erreichen.
Leiden Betroffene eigentlich unter ihrem Narzissmus?
Erst ganz am Schluss, wenn die Beziehung scheitert oder sie im Beruf aufgeflogen sind. Narzissten kommen aber meist in die Therapie oder Beratung, weil sie denken: Irgendwie versteht mich keiner. Erst später erkennen sie, dass in Wahrheit sie das Problem waren.
Kann man Narzissmus also ein Stück weit heilen?
Narzissmus geht sehr tief. Hier ist das ureigene Selbst gestört. Da reicht es nicht, sich besser zu ernähren und Sport zu machen. Aber in der Therapie kann es gelingen, die Empathie zu stärken und zu erkennen, wie man sich und andere Menschen wahrnimmt.
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