Weltweite Biodiversitätskonferenz: „Das wird langfristig keine Wirtschaft aushalten"
Biologe Christof Schenck fordert staatlich geförderte Fonds für den Naturschutz.
Foto: dpa Picture-AllianceNimmt man die vier flächenreichsten Bundesländer – Bayern, Niedersachsen, Baden-Württemberg und Nordrhein-Westfalen – und ein Drittel Brandenburgs zusammen, und stellt sich dort lauter Bäume vor, bekommt man eine ungefähre Vorstellung davon, wie viel Wald jedes Jahr verschwindet. Es sind 200.000 Quadratkilometer.
Der Flächenschwund ist der größter Treiber hinter dem Massensterben von Tieren und Pflanzen. Als würde man eine 4,6 Milliarden Jahre alte Festplatte löschen, beschreibt es Christof Schenk, Chef der Zoologischen Gesellschaft Frankfurt.
Die Festplatte zu retten und wiederherzustellen haben sich 196 Länder vorgenommen und das im Kunming-Montreal Global Biodiversity Framework vor zwei Jahren festgehalten. Am Montag begann das große Wiedersehen in Cali, Kolumbien. Drei Wochen lang werden die Delegierten nun auf der UN-Biodiversitätskonferenz, nicht zu verwechseln mit der UN-Klimakonferenz, über die richtigen Maßnahmen streiten. In den nächsten sechs Jahren planen die Länder 30 Prozent der Meere (bislang 8,6) und 30 Prozent der Böden (bislang 17,5) zu schützen. Vor allem werden sie darum streiten, wer dafür zahlt.
Wie viel Deutschland für weltweiten Naturschutz zahlt
700 Milliarden Dollar wären notwendig, um den Naturschutz voranzutreiben, schätzt die amerikanische Nichtregierungsorganisation The Nature Conservancy. Die höchsten Summen müssten demnach in eine nachhaltigere Landwirtschaft fließen. Das steht in einem starken Kontrast zu den Milliarden schweren Subventionen, die allein die Europäische Kommission an konventionell arbeitende Landwirtschaftsbetriebe vergibt. Deshalb fordert Schenck, diese Maßnahmen abzubauen: „Umweltschädliche Subventionen liegen allein in Deutschland bei mehr als 60 Milliarden Euro.“ Würde die Bundesregierung beispielsweise den reduzierten Mehrwertsteuersatz auf tierische Produkte anheben, könne das Geld in den Biodiversitätsschutz fließen, während gleichzeitig die Umwelt weniger Schaden nähme. „Ein doppelter Nutzen für eine lebenswerte Zukunft also.“
Bisher haben die Industriestaaten versprochen, ab 2025 jährlich 20 Milliarden Dollar für den Schutz zur Verfügung zu stellen. Bislang ist allerdings unklar, wie diese Summe zustande kommen soll. Die Bundesregierung zahlte im vergangenen Jahr 1,36 Milliarden Euro für den Erhalt von Biodiversität in Entwicklungs- und Schwellenländern. Bis nächstes Jahr soll die Summe auf 1,5 Milliarden Euro steigen, das sind 0,03 Prozent des Bruttoinlandsprodukts. Damit ist Deutschland, neben Schweden und Norwegen, eins der wenigen Länder, das seinen Beitrag zum 20-Milliarden Versprechen beiträgt. Zu dem Schluss kommt ein Bericht des Londoner Thinktank ODI.
Wie Regierungen Biodiversitätsschutz finanzieren könnten
Doch wie ließe sich mehr Geld mobilisieren? Schenck schlägt den Weg über internationale Stiftungen vor, wie den Legacy Landscapes Fund, mit dem die Zoologische Gesellschaft Frankfurt zusammenarbeitet. Das Bundesentwicklungsministerium hat die Stiftung 2020 gegründet, finanzielle Mittel stellen Entwicklungsbanken wie die KfW oder ihr französisches Pendant bereit. Jedes Projekt benötigt außerdem einen nicht-staatlichen Sponsor. In den Schutzprojekten in Sambia, Indonesien und der Mongolei übernehmen philantropische Stiftungen bisher diese Rolle. „Damit kann wie nie zuvor langfristig geplant werden und selbst in Krisenzeiten stehen die Mittel sicher zur Verfügung“, erklärt Schenck den Vorteil.
Ein anderes Finanzierungsinstrument, das in Zukunft eine wichtigere Rolle spielen könnte, sind sogenannte Debt-for-Nature Swaps. Diese verringern die Schuldenlast von Regierungen unter der Bedingung, dass diese ein Teil de frei gewordenen Gelder für Naturschutz einsetzt. Typischerweise übernehmen Entwicklungsbanken das Ausfallrisiko für die Gläubiger, sollte das Land zahlungsunfähig werden.
Die größte Transaktion dieser Art hat Ecuador 2023 abgeschlossen: Die damals gerade von der Schweizer Großbank UBS übernommene Credit Suisse kaufte der ecuadorianischen Regierung Staatsanleihen in Höhe von 1,6 Milliarden Dollar ab. Im Gegenzug verpflichtete sich diese, 18 Millionen Dollar jedes Jahr für die nächsten 20 Jahre in die Konservierung der Galapagos-Inseln zu stecken. Schenck beschreibt dieses Instrument als „Win-Win-Situation“: „Wirtschaftliche schwache Länder reduzieren ihre Auslandsschulden, Naturschutz-NGOs und Behörden setzen Projekte um und Banken profitieren vom Weiterverkauf der Schulden.“ Wichtig sei die Überprüfbarkeit der Projekte.
Die Finanzmärkte kommen insbesondere bei grünen Anleihen ins Spiel. Das sind Anleihen, bei denen sich der Emittent, in der Regel große Unternehmen, verpflichtet, das geliehene Geld in nachhaltige Investitionen zu stecken. Im Gegensatz zum Klimaschutz seien hier Investitionen in Biodiversität und Naturschutz aber noch zu wenig vertreten, bemängelt Schenck.
Eine weitere Idee ist der Handel mit Biodiversitätskrediten. Der soll ähnlich funktionieren, wie der Markt für freiwillige CO2-Zertifikate. Ein Projekt leistet messbaren Biodiversitätsschutz, stellt dafür Zertifikate aus, die Unternehmen kaufen können, die anderswo Biodiversität schädigen. „Das sind noch sehr junge Ansätze und das Marktgeschehen ist noch nicht ausgereift“, ordnet Schenck ein. „Allerdings haben die Carbon-Credits gezeigt, dass da viele Risiken drin stecken.“ Modernere Methoden wie automatische Gen-Analysen, KI-gestützte Aufnahmen von Tierstimmen oder Satellitenbilder könnten helfen, Biodiversitätsfortschritte messbar zu machen.
Und kann daraus Rendite entstehen? „Die Frage ist: Was wird als Rendite verstanden?“, meint Schenck. Dass Böden Wasser filtern hat keinen monetären Wert. „Damit ist ihr Schutz nicht marktfähig.“ Rendite entstehe eher in Form von Reputationsgewinnen: „Unternehmen können zeigen, dass sie verantwortungsvolle Arbeitgeber sind“, sagt der Chef der Zoologischen Gesellschaft. Er findet das Ausmaß der Krise sei noch nicht verstanden worden: „Weder Politik noch Wirtschaft oder Gesellschaft handeln entsprechend der Dreifachkrise aus Klimawandel, Biodiversitätsverlust und Pandemien. Die Covid-Pandemie hat Deutschland 400 Milliarden Euro gekostet. Das wird langfristig kein Staat und keine Wirtschaft aushalten.“
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