Die Höhle der Löwen: Wie es nach DHDL mit Bulletpoint und Investor Maschmeyer weiterging
Linda Büscher präsentiert die intelligente Textmarkierung „Bulletpoint“ bei der Höhle der Löwen.
Foto: WirtschaftsWocheMan lädt PDFs in die App, markiert beim Lesen wichtige Passagen – und erhält daraus direkt übersichtliche Zusammenfassungen in Stichpunkten: Mit diesem Prinzip will Bulletpoint aus Hannover Schülern und Studenten das Lernen erleichtern. Den Grundstein für das Unternehmen hat Linda Büscher während ihrer Schulzeit gelegt und Ersparnisse aus Nebenjobs in die Entwicklung gesteckt. In der Vox-Sendung „Die Höhle der Löwen“ gab es dafür viel Lob – sowie Investment-Angebote von Nils Glagau und Carsten Maschmeyer. Der Deal mit letztgenanntem: 225.000 Euro gegen 15 Prozent der Firmenanteile. Im Interview verrät die Gründerin, ob es dabei nach der TV-Aufzeichnung im April geblieben ist - und warum sie nun noch ein Studium in Ihren stressigen Start-up-Alltag quetscht.
WirtschaftsWoche: Frau Büscher, Ihre App wandelt während des Lesens gemachte Markierungen in stichpunktartige Zusammenfassungen um. Braucht es das noch, seit man mit ChatGPT und ähnlichen Diensten in Sekundenschnelle dasselbe erreichen kann?
Linda Büscher: Zusammenfassungen per künstlicher Intelligenz sind im Privat- oder Berufsleben oft hilfreich. Aber wer sich während der Schullaufbahn oder des Studiums die ganze Arbeit abnehmen lässt, lernt nichts. Ein großer Teil der Lernleistung liegt darin, selber herauszufiltern, was sinnvoll und relevant ist. Bulletpoint hilft dabei, sich voll auf das Textverständnis zu konzentrieren und erspart es einem, den markierten Text hinterher noch einmal zum Schreiben einer Zusammenfassung durchzugehen.
Von den TV-Investoren sind Sie mit Lob überschüttet worden – es gab sogar Standing Ovations. Wie haben Sie das wahrgenommen?
Die Erfahrung, dass Investoren meinen Werdegang spannend finden, habe ich vorher schon gemacht. Dass es dann aber so viel Lob gab, hat mich ziemlich geflasht. Eigentlich habe ich mit mehr kritischen Fragen gerechnet. Und bei den Standing Ovations war ich vor allem verwirrt – ich wusste gar nicht, was ich in der Situation machen soll. Im Rückblick war das ein sehr aufregender und gleichzeitig auch sehr anstrengender Tag.
Wie kam es zu Ihrem Pitch?
Ich habe die Sendung schon als Kind mit meinen Eltern geguckt. Natürlich nie mit der Intention, selbst einmal etwas zu gründen. Für mich war immer klar, dass ich Ärztin werden will. Aber als Bulletpoint so weit war, war es interessant, sich dort zu bewerben. Freunde von mir hatten bei DHDL schon mitgemacht und davon geschwärmt, dass es ihnen sehr viel gebracht hat.
Ihnen hat es ein Investment von Carsten Maschmeyer eingebracht, oder?
Der Deal ist hinterher doch nicht zustande gekommen. Wir wurden uns nicht über die zukünftige Ausrichtung des Unternehmens einig. Das ist gar nicht schlimm. Unsere Zahlen sehen gut aus und Bulletpoint kann im Moment aus eigener Kraft wachsen. Ich spreche zwar mit Wagniskapitalgebern und Business Angels. Aber im Moment strebe ich ein Investment frühestens für das kommende Jahr an – wenn überhaupt.
Ist Bulletpoint für Sie aktuell ein Vollzeitjob?
Ich habe Bulletpoint nach meinem Abitur im vergangenen Jahr Vollzeit gemacht. Das war eine intensive Zeit und es war vieles stressig, weil alles neu war. Seit Oktober studiere ich nun aber parallel in Berlin. Um mein Unternehmen kümmere ich mich weiterhin, aber der Ausgleich tut mir gut.
Ist das nicht vielmehr eine zusätzliche zeitliche Belastung?
Eigentlich schon, aber trotzdem lenkt mich das Studium ab. Ich empfinde es als Riesenprivileg, in einem Hörsaal zu sitzen, zuzuhören und zu lernen. Durch das Studium gehöre ich selbst wieder zur Zielgruppe von Bulletpoint. Wenn ich mit Freundinnen von der Uni rede, kommen da oft Ideen für die App heraus. Und ich bin etwas gelassener gewordener. Bei einer schlechten Nutzerbewertung ist vorher meine ganze Welt zusammengebrochen. Jetzt denke ich: Okay, da gibt es ein Problem, das werden wir irgendwie lösen.
Und studieren Sie jetzt Medizin, um doch noch Ärztin zu werden?
Nein, ich studiere BWL. Ein Medizinstudium würde mich zwar sehr interessieren. Aber ich habe gemerkt, dass ich meine berufliche Zukunft doch in der Wirtschaftswelt und als Unternehmensgründerin sehe. Da passt BWL besser.
Mit der App losgelegt haben Sie schon als Schülerin. Wie kam es dazu?
Den Bedarf habe ich bei mir selbst gesehen – und dank des Informatikleistungskurses hatte ich eine Ahnung, wie man das programmiert. Ich habe mich bei Apple als Entwicklerin angemeldet und erste Versuche selbst unternommen. Dann habe ich aber schnell über eine Plattform Freelancer für die Programmierung gesucht. Weil ich noch nicht volljährig war, hatte ich keine eigene Kreditkarte. Meiner Mutter habe ich gesagt, dass ich ihre Kreditkarte fürs Onlineshopping brauche. Ich habe ihr das Geld dann sofort in bar wiedergegeben. Aber irgendwann musste ich mit der Sprache rausrücken.
Konnten Ihre Eltern Sie mit Know-how für die Unternehmensgründung unterstützen?
Meine Eltern arbeiten beide als Angestellte. Ich habe mir das meiste zusammengegoogelt. Zunächst musste ich ja auch gar nicht gründen: Die App war kostenlos und ich hatte keine Einnahmen. Dann habe ich alles erstmal als Einzelunternehmerin gemacht – und mich Schritt für Schritt vorgearbeitet. Sehr bestärkt hat mich ein Gründerwettbewerb in Hannover Anfang des vergangenen Jahres. Dort habe ich mich kurz vor knapp beworben und musste innerhalb von zwei Tagen einen Businessplan aufstellen, ein Pitchdeck bauen und eine Pressemitteilung schreiben. Damit habe ich dann 25.000 Euro gewonnen. Das hat mir viel Zuversicht gegeben.
Und inzwischen haben Sie bei Bulletpoint ein Team um sich herum?
Ich habe keine angestellten Mitarbeiter, sondern arbeite mit Freiberuflern zusammen. Mit einigen, wie dem Haupt-Softwareentwickler, auf fester Basis. Und ich bekomme viel Unterstützung von der Chefin einer App-Entwicklungsagentur. Sie habe ich bei einem Netzwerk-Event kennengelernt und sie ist zu meiner Mentorin geworden. Übergangsweise ist sie nun auch Chief Technology Officer bei Bulletpoint und hilft mir sehr bei allen technischen Fragen.
Ihre Vision ist eine „All-in-One-Lösung für aktives Lernen“. Was sind die nächsten Schritte auf dem Weg dahin?
Wir testen seit mehreren Wochen Funktionen einer künstlichen Intelligenz. Da geht es beispielsweise darum ,Zusammenfassungen oder Powerpoint-Folien direkt in Karteikarten zum Lernen umzuwandeln. Und wir werden vermutlich bald einen Editor für normale Notizen haben, mit dem das ebenfalls geht. Wir experimentieren zudem mit Quizzen.
Künstliche Intelligenz darf also doch beim Lernen helfen?
Wichtig ist, dass die KI nicht die Lerneffekte wegnimmt. Die App soll deswegen nicht einfach Texte schnell zusammenfassen. Aber mit KI lässt sich viel aus den durch die händischen Markierungen erstellen Stichpunkte machen. Das ist etwa zum Sprachenlernen nützlich: Angenommen Sie lesen einen spanischen Text und markieren alle Worte, die Sie noch nicht kannten. Wir können dann die Übersetzung mit Hilfe von KI liefern und erstellen daraus individuelle Karteikarten. Die KI alleine könnte das nicht – sie weiß ja nicht, welche Begriffe schon in Ihrem Wortschatz sind. Solche Prinzipien wollen wir für verschiedenste Anwendungszwecke nutzen.
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