Die Letzten ihrer Art: „Menschen wollen sehen, wie etwas gemacht wird“
Man braucht schon ein dickes Fell, um das zu tun, worauf sich Heinz-Jürgen Gerdes und seine Frau Monika vor drei Jahren eingelassen haben. Den Maschinenpark einer insolventen Weberei aufkaufen. Die Mitarbeiter übernehmen. Einen neuen Firmensitz finden. Ein neues Geschäftsmodell erarbeiten. Und das alles ohne eigene Erfahrung in der Wollproduktion.
2021 erfährt das Ehepaar aus einer Lokalzeitung, dass die Tuch- und Wolldeckenfabrik Küper aus dem friesischen Bockhorn Insolvenz anmelden musste und die Maschinen bei einer Auktion versteigert werden. Eine kleine Tragödie. „Innerhalb einer Woche mussten wir entscheiden, ob wir in das Geschäft einsteigen“, erinnert sich der 62-Jährige, der bis dahin als Unternehmensberater tätig war und mit Wolle „überhaupt nichts zu tun hatte“.
Dann die Entscheidung, wir probieren es! Obwohl für die alten Maschinen auch Interessenten aus Pakistan, Frankreich und der Türkei mitbieten, kann Gerdes den kompletten Maschinenpark „relativ günstig“ bekommen. Auch sechs ehemalige Mitarbeiter der Vorgängerfirma erklären sich unter der Leitung von Gerdes bereit, noch einmal neu anzufangen. Fast noch wichtiger war aber, dass sich mit der Wollzeit GmbH ein Partner fand, der sich auch an der Finanzierung beteiligte, erklärt Gerdes. Und der das mitbrachte, was das Ehepaar nicht hatte: Erfahrung im Wollhandel.
Die nächsten Wochen laufen ab wie im Zeitraffer. Coastland ist die erste Neugründung einer Wollweberei in Deutschland seit mehr als 50 Jahren. Gerdes findet einen neuen Unternehmenssitz in Zetel, eine Stadt, in der es früher viele Textilfabriken gab, von denen heute aber kaum eine noch existiert.
Webereien haben es in Deutschland schwer, die Billigkonkurrenz aus dem Ausland und synthetisch hergestellte Fasern haben vielen das Geschäft zerstört. In den vergangenen Jahrzehnten haben deshalb viele Webereien aufgeben.
In der friesischen Wollweberei entstehen Wolldecken, Schals und Tücher sowie Kissen – immer aus 100 Prozent reiner Schurwolle, ganz ohne Kunstfasern oder chemische Zusätze. Durch die offene Manufaktur lädt Coastland Touristen und Anwohner ein, die Produktion vor Ort zu verfolgen. Der Grund ist einfach: „Menschen wollen sehen, wie etwas gemacht wird“, erklärt der 62-Jährige, erst dadurch könnten sie eine Bindung zu einem Produkt, einer Firma oder den Menschen, die dort arbeiten, aufbauen.
Der Start glückt. Bereits sechs Monate nach Kauf des Maschinenparks kann Coastland die erste eigene Wolldecke produzieren, erzählt Gerdes. Auch die Corona-Pandemie spielt der jungen Manufaktur in die Karten; das Interesse an hochwertigen Wolldecken steigt.
„Sie arbeitet wie ein großer Backofen. So etwas wird heute gar nicht mehr hergestellt, sie ist flexibel und sehr robust“, erklärt der 62-Jährige. Moderne Maschinen hingegen, „wären viel zu groß, komplex und teuer und könnten von einem kleinen Betrieb wie dem unseren nicht ausgelastet werden“.
Für eine Wolldecke sind etwa 30 bis 40 Arbeitsschritte nötig, wobei einzelne bis zu 18-mal wiederholt werden müssen. Beim Veredeln etwa werden die Wollfasern nach und nach aus dem Gewebe gezogen, damit die Decke einen besonderen Bausch bekommt und weicher wird. Mithilfe von sogenannten Raumaschinen wird das so lange wiederholt, bis das optimale Ergebnis erzielt ist.
Preislich bewegen sich die meisten Wolldecken von Coastland zwischen 89 und 370 Euro, je nach Herkunft der Wolle, der Größe der Decke und dem Farbmuster. Die Hälfte der rund 15.000 jährlich hergestellten Wolldecken vertreibt Coastland selbst, die andere geht in den Handel. „Mittlerweile haben wir Fuß gefasst und liegen bei rund 170 Händlern aus“, berichtet Gerdes.
Das sei einer der Hauptunterschiede zur Vorgängerfirma, deren Name fast nicht in der Öffentlichkeit bekannt war, und deshalb dann auch recht unbemerkt in die Krise und dann in die Insolvenz gerutscht ist, meint Gerdes.
„Aktuell wird deutsche Wolle fast gar nicht für hochwertige Produkte genutzt, oft nur maximal zu Pellets verarbeitet oder auf dem Acker untergepflügt“, sagt Gerdes. Aus seiner Sicht ist das ein Fehler: Als Ersatz von Kunststoffen bei Dämmungen oder Isolierungen und Verpackungen könnte Wolle eine nachhaltige und günstige Alternative sein.
Gerdes will dafür in den nächsten Jahren auch mit staatlichen Stellen zusammenarbeiten und in die Forschung investieren. Für ihn ist klar: Wolle kann viel mehr als man ihr zutraut. In diesem Sinne gehört seine Manufaktur gleichzeitig zu den letzten ihrer Art in Deutschland, als auch zu den ersten.
Lesen Sie auch: Werden die berühmten Darßer Türen bald nicht mehr hergestellt?