Börsenwoche 498: Editorial: Gebt die Autoaktien endlich auf!
Wir befinden uns im Jahr 2017. Erraten Sie, wer der größte Autohersteller der Welt ist? Es ist Renault-Nissan. Ja, wirklich – die französisch-japanische Firmenallianz, zu der auch Mitsubishi gehört, war damals Weltspitze. Heute kämpft Nissan um seine Existenz. Gerade erst ist eine geplante Fusion mit dem heimischen Konkurrenten Honda vorerst gescheitert.
Nissans Niedergang zeigt, wie brutal der Automarkt ist. Und es ist keine Besserung in Sicht. Weltweit treffen hohe Produktionskapazitäten und steigende Kosten auf sinkende Nachfrage. Vergangenes Jahr wurden in Europa 13 Millionen Autos verkauft. Vor der Coronapandemie waren es noch 16 Millionen pro Jahr. Einige Branchenexperten gehen davon aus, dass sich der Markt nie wieder völlig erholen wird.
Jenseits von Europa sieht es kaum besser aus. In den USA wurden vor der Pandemie jährlich gut 18 Millionen Autos verkauft. Vergangenes Jahr waren es 16 Millionen – so viel wie 1986. Selbst der Hoffnungsmarkt China wächst kaum noch. 2024 wurde dort zwar mit mehr als 31 Millionen Autos ein neuer Verkaufsrekord erreicht, der Absatz liegt aber nur ein wenig höher als 2017. Chinas Politiker scheinen sich bereits zu sorgen. Sie arbeiten an der Fusion der zwei staatlichen Autohersteller Chongqing Changan Automobile und Dongfeng Motor Group. Das neue Unternehmen wäre der größte Autohersteller Chinas und der sechstgrößte weltweit.
Die Autobranche hat ein grundlegendes Problem: Stagnation. Das gesellt sich zu den anderen Herausforderungen. Die etablierten Autobauer müssen ihre Autos obendrein digitaler und grüner machen. Wie schwer die digitale Wende fällt, zeigen die seit Jahren anhaltenden Softwareprobleme bei VW. Elektroautos bleiben für die meisten ein Verlustgeschäft.
Anleger sollten sich nicht selbst belügen: Die Zeiten für Autoaktien bleiben hart. Da helfen auch niedrige Bewertungen (siehe Grafik) und hohe Dividenden nichts. Denn für einige steht die Existenz auf dem Spiel – so wie für Nissan, das noch vor wenigen Jahren die Nummer Eins war.
Die wenigen gut laufenden Autoaktien haben sehr spezielle Geschäftsmodelle. Da wäre zum einen Ferrari, das deutlich mehr wert ist als Volkswagen, obwohl es vergangenes Jahr nur 13 752 Autos verkauft hat. Ferrari ist ein Luxuskonzern, mit hoher Nachfrage, knappem Angebot und großartigen Margen. Anleger sollten Ferrari nicht mit BMW sondern mit der Designikone Hermès vergleichen.
Auch die 1,1 Billionen Dollar Börsenwert von Tesla können nur nachvollzogen werden, wenn der Elektroautopionier als Technologieunternehmen betrachtet wird. Selbst Tesla-Chef Elon Musk gibt offen zu, dass sein Unternehmen als reiner Autokonzern völlig überbewertet ist. Für die Zukunft seien künstliche Intelligenz und Robotik entscheidend. Wer nicht an selbstfahrende Teslas glaube, solle lieber nicht investieren.
Anleger können sich natürlich trotz der großen Herausforderungen bei den Aktien der traditionsreichen Autohersteller umschauen. Manche dürften die nächsten ein bis zwei Jahrzehnte nicht überleben, aber vielleicht blühen andere dafür erst recht auf. Es ist jedoch eine riskante Spekulation: Auch tief gefallene Aktien können noch 100 Prozent verlieren.
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