Die Zahlenfrau: Financial Wellbeing: Warum finanzielle Bildung der Schlüssel ist
Ob Yoga oder Meditation – Selfcare, sich um das eigene Wohlbefinden kümmern liegt voll im Trend. Aber wie sieht es mit den finanziellen „Wellbeing“ aus?
Foto: imago imagesWenn wir an „Wellbeing“ denken, kommen uns oft Bilder von Yoga, Meditation oder gesunden Smoothies in den Sinn. Doch was ist mit unserem finanziellen Wohlbefinden?
Das Thema Financial Wellbeing wird in Deutschland bislang kaum mit der Ernsthaftigkeit behandelt, die es verdient. Dabei hat unsere finanzielle Gesundheit nicht nur Einfluss auf unser Bankkonto, sondern auch auf unsere Lebensqualität, psychische Gesundheit und sogar auf unsere Beziehungen.
Um besser zu verstehen, was es braucht, um finanzielle Gesundheit zu erreichen, habe ich mit Niclas Storz, Gründer und CEO von Tidely, gesprochen. Mit Tidely bietet er eine digitale Plattform für Cashflow-Management, die Unternehmen hilft, ihre Finanzen besser zu steuern. Sein Rat zeigt klar: Es sind oft die kleinen Schritte, die den großen Unterschied machen.
Was ist Financial Wellbeing überhaupt?
Financial Wellbeing beschreibt den Zustand, in dem Menschen ihre Finanzen im Griff haben, finanziell sicher sind und die Freiheit haben, sowohl kurzfristige als auch langfristige Ziele zu erreichen. Das bedeutet: keine schlaflosen Nächte wegen Rechnungen, ein Puffer für unerwartete Ausgaben und die Freiheit, für die Zukunft planen zu können. Klingt einfach? Ist es aber nicht.
Wie steht es um Deutschland im internationalen Vergleich?
In Deutschland herrscht in vielerlei Hinsicht ein Paradoxon. Wir sind bekannt für unser Sparbuch, unsere Finanzvorsicht und den Hang zur Absicherung. Trotzdem zeigt der internationale Vergleich, dass Deutschland in puncto Financial Wellbeing hinterherhinkt. Laut Studien wie dem Global Financial Health Index schneiden die nordischen Länder wie Schweden oder Norwegen deutlich besser ab. Dort sind finanzielle Bildung und Tools zur Vermögensbildung ein fester Bestandteil des Alltags. Auch in den USA und Großbritannien wird das Thema breiter diskutiert – wenngleich aus anderen Beweggründen wie der Eigenverantwortung in sozialen Sicherungssystemen.
Warum fehlt in Deutschland finanzielle Bildung?
Ein entscheidender Faktor für das mangelnde Financial Wellbeing in Deutschland ist das Fehlen finanzieller Bildung in der Schule. Während Fächer wie Mathematik oder Geschichte fest im Lehrplan verankert sind, bleibt ein so alltagsrelevantes Thema wie Finanzen meist außen vor. Wie man ein Budget erstellt, wie Altersvorsorge funktioniert oder was ein ETF überhaupt ist – all das lernen Jugendliche nicht.
Das Ergebnis? Viele junge Menschen starten ins Erwachsenenleben ohne jegliches Verständnis dafür, wie man finanzielle Entscheidungen trifft. Sie müssen oft schmerzhaft durch „Trial and Error“ lernen, was Schulden bedeuten oder wie wichtig ein Notgroschen ist. In anderen Ländern, wie etwa in Schweden, gibt es gezielte Finanzbildungsprogramme bereits ab der Schule, die jungen Menschen helfen, früh Verantwortung zu übernehmen.
Deutschland braucht dringend eine Bildungsreform, die finanzielle Kompetenzen nicht nur vermittelt, sondern sie genauso wichtig nimmt wie andere Schulfächer. Denn Finanzwissen ist kein „Nice-to-Have“, sondern ein Must-Have für ein selbstbestimmtes Leben.
Was braucht es für Financial Wellbeing?
Die Grundlagen für finanzielle Gesundheit sind klar:
- Finanzielle Bildung:
Wer nicht versteht, wie man spart, investiert oder Schulden vermeidet, kann schwerlich Financial Wellbeing erreichen. Schon in der Schule sollten Themen wie Budgetplanung, Altersvorsorge und Investieren vermittelt werden. - Digitale Tools:
Finanz-Apps, die Einnahmen und Ausgaben im Blick behalten, sind ein guter Anfang. Doch es braucht mehr: Tools, die Menschen befähigen, konkrete Ziele zu setzen und Schritt für Schritt zu erreichen. - Offene Kommunikation:
Finanzen dürfen kein Tabuthema sein. Ob in der Familie, mit Freunden oder im Unternehmen – wir müssen lernen, offen über Geld zu sprechen.
Ein Experte spricht: Niclas Storz
Ich habe Niclas Storz zudem drei Fragen gestellt, um praktische Einblicke zu gewinnen:
1. Warum tun sich Menschen und Unternehmen Ihrer Meinung nach so schwer, finanzielle Kontrolle zu erlangen?
Niclas Storz: Finanzielle Kontrolle beruht auf zwei Kenngrößen: Profitabilität (langfristig, Robustheit des Geschäftsmodells) und Liquidität (kurzfristig, Zahlungsfähigkeit). Während Profitabilität Einnahmen und Ausgaben gegenüberstellt, fokussiert Liquidität auf tatsächliche Zahlungsflüsse. Unternehmen, die keine ausreichende Liquidität haben, sind potenziell sofort insolvent. Auf persönlicher Ebene fällt es vielen Menschen schwer, finanzielle Kontrolle zu erlangen, weil grundlegende finanzielle Bildung fehlt.
Häufig wissen sie nicht, wie sie Budgets erstellen, Ausgaben priorisieren oder langfristig sparen können. Emotionale Faktoren wie Angst, Scham oder Überforderung tragen dazu bei, dass Finanzthemen gemieden werden. Statt proaktiv zu handeln, reagieren viele erst, wenn finanzielle Probleme bereits akut sind.
Die zunehmende Komplexität der wirtschaftlichen Dynamik – kurze Zyklen, höhere Volatilität – erschwert das Management sowohl für Menschen als auch für Unternehmen. Viele Entscheider in Unternehmen reagieren mit Passivität. Historisch lag der Fokus deutscher Unternehmen auf Profitabilität, doch die Liquidität muss zunehmend als zentrale Steuerungsgröße etabliert werden. Tools und Kompetenzaufbau sind entscheidend, um die Liquidität als finanzielles „Nervensystem“ zu beherrschen.
2. Welche Rolle spielen digitale Tools, wie Ihre Plattform Tidely, bei der Verbesserung des Financial Wellbeing?
Digitale Tools schaffen Transparenz über die finanzielle Situation und ermöglichen Vorhersagen sowie Szenarioanalysen. Sie helfen dabei, Datenquellen wie Bankkonten oder Rechnungsmanagementsysteme zu integrieren und finanzielle Entwicklungen zu simulieren. Dies erleichtert es, Risiken zu minimieren und Wachstumschancen zu erkennen.
Wichtig ist dabei, dass solche Tools intuitiv gestaltet sind, um Berührungsängste mit Finanzthemen abzubauen. Sie sollten Nutzern durch einfache Bedienbarkeit und klare Analysen helfen, die Kontrolle über ihre Finanzen zu gewinnen. Darüber hinaus sind personalisierte Funktionen und nachvollziehbare Handlungsempfehlungen essenziell, um Vertrauen und Akzeptanz zu schaffen. Ziel ist es, Menschen und Unternehmen dabei zu unterstützen, fundierte finanzielle Entscheidungen zu treffen und sich sicherer zu fühlen.
3. Was würden Sie politischen Entscheidern in Deutschland empfehlen, um finanzielle Bildung nachhaltig zu verbessern?
Gründungen müssen einfacher und attraktiver werden – für junge Talente wie auch für „Spätberufene“. Märkte sollten sich weitgehend frei entfalten, mit klaren und stabilen Leitplanken statt übermäßiger Regulierung. Die Politik sollte die Bedeutung von Finanzsteuerung betonen, damit Unternehmen Risiken besser verstehen.
Darüber hinaus braucht es eine Kultur des Lernens aus Fehlern, um Innovation zu fördern. Anstatt Fehler zu stigmatisieren, sollten sie als Chance gesehen werden – wie im Silicon Valley. Mut zu Entscheidungen und Resilienz nach Rückschlägen sind essenziell für Fortschritt.
Fazit: Jetzt ist der Moment, die Zukunft zu gestalten
Financial Wellbeing sollte nicht länger ein Nischenthema sein. Es ist die Basis für ein selbstbestimmtes Leben, in dem Menschen ihre Zeit und Energie auf das lenken können, was wirklich zählt. In Deutschland müssen wir anfangen, finanzielle Bildung ernst zu nehmen und dabei auch die Hilfsmittel der Digitalisierung besser zu nutzen. Vor allem aber müssen wir lernen: Finanzielle Gesundheit beginnt mit kleinen Schritten – und dem Mut, über Geld zu sprechen.
Denn am Ende ist Financial Wellbeing mehr als nur Zahlen – es ist die Freiheit, das eigene Leben zu gestalten.
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