Werner knallhart: Erst Trinkgeld, dann Service: Die Prozente-Bettelei am Kartenterminal ist respektlos

Auf einem Kundendisplay steht die Aufforderung: Möchten Sie Trinkgeld geben? - Zu Auswahl stehen 5, 10 und 15 Prozent oder Kein Trinkgeld.
Foto: imago imagesStellen Sie sich vor, Sie sitzen mit ein paar Leuten in der Kaffeeküche Ihrer Firma, da kommt Ihre Kollegin rein und sagt:
„Ach, gut, dass ich dich hier treffe. Folgendes: Ich habe ja kommende Woche Geburtstag und da wollte ich noch schnell abklären, was du mir schenkst. Ich habe dir hier drei Ideen zur Auswahl vorbereitet“, sie zückt ihr Handy und zeigt Bilder: „Hier. Entweder diese Knoblauchpresse – als eine Kleinigkeit. Mir ist meine alte kürzlich nämlich auseinander geflogen. Oder hier: Als mittelteure Option: diesen verchromten Kerzenständer. Den habe ich schon seit längerem im Auge. Oder halt, wenn du etwas mehr springen lassen willst, hier: zwei Tageskarten für die Therme für zwei Personen inklusive Bademantel und Puschen. Fertig, was meinste? Was soll ich anklicken?“
So etwas kennen wir doch höchstens aus preiswerten Filmkomödien. In der Gastronomie hingegen ist das Abfischen von Geschenken im Entweder-oder-Stil jetzt mehr und mehr Usus.
Da bestellen Sie einen Cappuccino und ein Croissant am Tresen und werden dann bei der Bezahlung von ohnehin schon geschlagenen sieben Euro achtzig (ja, alles wird teurer, ich weiß) gefragt, ob Sie denn nun 10, 15 oder 20 Prozent Trinkgeld geben wollen.
Also entweder 78 Cent oder 1 Euro 17 oder 1 Euro 56 für – ja, für was eigentlich? Für das Versprechen, demnächst einen irgendwie gearteten Cappuccino und ein hoffentlich knusprig duftiges Croissant an der Ecke mit dem Zucker hingestellt zu bekommen.
Die schlagen mir also vor, 1 Euro 56 fürs Rüberreichen der Katze im Sack zu schenken!
10, 15 oder 20 Prozent. Ich fragte jüngst die Kassiererin: „Was ist das? Kann ich mir hier den Rabatt aussuchen, den ich bekomme, weil ich bei Ihnen anstehe, im Stehen warte und mir dann alles selber an den Tisch serviere, bevor ich Tasse und Teller am Ende in ein Regal mit benutztem Geschirr abstelle?“
Fand die nicht lustig.
Die neue Marotte, vor der Dienstleistung digital Trinkgeld abzufordern, läuft der Tradition und auch dem Sinn des Trinkgeldes komplett zuwider:
1. Ausdruck von Zufriedenheit mit der entgegengebrachten Leistung. Denn zum Zeitpunkt der Bezahlung beschränkt sich die Leistung vor allem aufs Abkassieren. Was, wenn der Kaffee kalt und das Croissant knatschig ist? „Ich will mein Trinkgeld zurück.“ Wohl kaum.
2. Freiwilligkeit. Klar, irgendwo auf dem Display gibt es auch noch das kleine Minifeld mit der Option „Kein Trinkgeld“ oder „eigene Summe festlegen“ oder ähnliches. Aber wenn vorne die Kassiererin mit großen Augen wartet und hinten die Schlange drängelt, werden sich viele genötigt sehen, den Bezahlvorgang schnell abzuschließen. Und was wählen wir dann in der Hektik? Die goldene Mitte: 15 Prozent. Unüblich viel. Richtig freiwillig fühlt sich das nicht an. Sondern eher wie eine Überrumpelung, vor der uns das Verbraucherrecht in anderen Konstellationen schützt, weil wir in der Hektik gerne mal für uns ungünstige Entscheidungen fällen.
Für eine ordentliche Bezahlung des Personals ist der Arbeitgeber zuständig. Dass das Trinkgeld in Deutschland mittlerweile schon erwartet und offensiv eingefordert wird wie in den USA, weil es als Teil des Einkommens einkalkuliert wird, schiebt den schwarzen Peter zu den Kunden. Sie jetzt auch noch vorab zu einem pauschalen Betrag zu überreden, wirkt nicht sonderlich gastfreundlich und hat mit Trinkgeld als Teil der Gastrokultur nichts mehr zu tun.
Kein Wunder, dass sich die Gäste diesem unwirtlichen Stress gerne entziehen wollen. Laut einer Studie der Marketingforscher Nathan Warren und Sara Hanson, von der die FAZ berichtet, kehren Kunden, die sich beim Trinkgeldgeben regelrecht beobachtet fühlen, seltener in das Lokal zurück und empfehlen es weniger häufig weiter. Schlecht für Läden, die auf Stammgäste angewiesen sind, etwa Restaurants mit Businesslunch in Geschäftsvierteln.
Es geht besser. Anders sieht es etwa dort aus, wo etwa Taxi-Apps nach der absolvierten Fahrt dem Fahrgast die Option bieten, selbst noch nach Abschluss der Fahrt und des Bezahlvorgangs mit einem Trinkgeld nachzulegen. Das geht mitunter dann sogar noch, wenn man das Auto längst verlassen hat.
Und vergleichbare Konzepte gibt es auch für die Gastronomie. Stellen die Gastronomen etwa kleine Schilder mit QR-Codes auf die Tische, können die Gäste Trinkgeld geben, nachdem sie Kaffee und Croissant probiert haben. Das geht dank des Codes auch ganz ohne App. Scannen, Betrag wählen, mit Apple Pay oder Paypal bezahlen.
Das Leipziger Start-up Tippie etwa bietet so etwas an. Bei denen kann theoretisch jeder Kellner seinen eigenen QR-Code am Hemd tragen und bekommt das Geld direkt persönlich überwiesen. Keine umständliche Aufteilerei mehr nötig.
Und die Gäste können hier in Ruhe den gewünschten Betrag selber festlegen. Das kostet über diesen Service dann zwar ein paar Cent Servicegebühr für den Trinkgeld-Dienstleister, aber ich behaupte: Die liegt deutlich unter dem, was man sich in aller Hektik am Tresen als überhöhtes Trinkgeld abpressen lässt.
Unterm Strich: Trinkgeld ist keine Pflicht. Es vor aller Leute Augen einzufordern, ist übergriffig. Es auch noch vor der Dienstleistung zu tun, ist absurd.
Gastronomien, die auf die Vorab-Trinkgeld-Entscheidung bestehen, sind mir suspekt.
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