EZB-Zinsentscheid: Die EZB senkt den Leitzins – doch spannend ist, was danach passiert
EZB-Chefin Christine Lagarde und Direktoriumsmitglied Isabel Schnabel.
Foto: dpa Picture-AllianceJetzt ist es amtlich: Die EZB senkt angesichts der zuletzt gesunkenen Inflation und mauen Konjunktur erneut die Leitzinsen. Der EZB-Rat um Notenbankchefin Christine Lagarde beschloss, den am Finanzmarkt maßgeblichen Einlagensatz um einen Viertelpunkt auf 2,50 Prozent nach unten zu setzen. Es ist der sechste Zinsschritt nach unten seit Sommer 2024.
Business as usual im Frankfurter EZB-Tower? Mitnichten. Die Finanzwelt hatte von EZB-Chefin Christine Lagarde eine geldpolitische Standortbestimmung und konkrete Hinweise erhofft, wie sich die Notenbank in den kommenden Monaten angesichts von Rezessionsängsten und geopolitischer Disruption aufzustellen gedenkt. Da nämlich gibt es innerhalb des EZB-Rates bislang keine Einigkeit.
Doch was die kommenden Monate angeht, bliebt Lagarde vage. Die internen Debatten kreisen vor allem um die auf den ersten Blick abstrakt anmutende Frage, ob das aktuelle Zinsniveau noch restriktiv oder schon expansiv auf die Wirtschaft wirkt. Für derartige Analysen ziehen Ökonomen und Geldpolitiker seit jeher eine wissenschaftlich umstrittene Größe zu Hilfe: den natürlichen oder „neutralen“ Zins. Dieser bezeichnet vereinfacht gesagt jenes Zinsniveau, das auf die Volkswirtschaft weder expansiv noch restriktiv wirkt.
Der neutrale Zins ist nach Meinung vieler Ökonomen über Jahrzehnte als Folge der Globalisierung und eines üppigen Kapitalangebots immer weiter gefallen – real stellenweise sogar in den negativen Bereich. „Er war damit eine Argumentationshilfe für die geldpolitischen Tauben“, sagt Friedrich Heinemann, Finanzwissenschaftler am ZEW, dem Leibniz-Zentrum für Europäische Wirtschaftsforschung in Mannheim. Aktuell tendiere der neutrale Zins aber wieder nach oben – „auch weil die Staaten künftig dringend Kapital brauchen, die Kapitalmobilität angesichts der Deglobalisierung aber zurückgeht“.
Doch wo genau die einzelnen Mitglieder des EZB-Rats den neutralen Zins ansiedeln, scheint keinem klaren Muster zu folgen. Eine Analyse der Commerzbank zeigt, dass die im Rat vertretenden Chefs der nationalen Notenbanken bei ihrer Einschätzung relativ weit auseinanderliegen. Die Commerzbank-Volkswirte haben alle Reden, Interviews und Kommentare des EZB-Führungspersonals seit Mai 2024 analysiert. Ergebnis: Die individuelle Verortung des neutralen Zinses reicht von 1,5 bis 3,0 Prozent. Besonders falkenhaft tritt demnach das deutsche Direktoriumsmitglied Isabel Schnabel auf. Die größte geldpolitische Taube ist laut Commerzbank-Übersicht aktuell der portugiesische Notenbankchef Mario Centeno (siehe Tabelle).
Was der neutrale Zins bedeutet
Das ist keine abstrakte Debatte aus dem wissenschaftlichen Elfenbeinturm. Die Frage, wo eine Notenbank den neutralen Zins ansiedelt, hat eine nicht zu unterschätzende strategische Bedeutung für die praktische Geldpolitik. Liegt der neutrale Zins hoch, muss eine Notenbank viel früher mit Zinssenkungen aufhören, wenn die Inflationsdynamik abebbt. „Sinkende Inflationsraten sind dann kein Argument mehr, die Zinsen weiter und schneller zu senken, um der Konjunktur zu helfen“, sagt Finanzwissenschaftler Heinemann.
Bleibt es also bei den von den Märkten erwarteten (und teilweise schon eingepreisten) drei Leitzinssenkungen der EZB bis September? Das könnte knapp werden. Angesichts der Einschätzungen der einzelnen Ratsmitglieder zum neutralen Zins „bräuchte es gute Gründe, um den Einlagensatz auf unter zwei Prozent zu senken“, sagt Commerzbank-Chefvolkswirt Jörg Krämer. Dazu müssten „die konjunkturellen Frühindikatoren wieder in den Rezessionsbereich zurückfallen oder die Kerninflation unter zwei Prozent sinken“.
Transparenzhinweis: Der Beitrag ist erstmals am 5. März erschienen und wurde nach dem EZB-Zinsentscheid aktualisiert.
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