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Simone Bagel-TrahDie Chefin der Chefs bei Henkel

Als erste Frau übernimmt Simone Bagel-Trah den Vorsitz im Aufsichtsrat eines Dax-Konzerns. Die Biologin und Ururenkelin des Henkel-Gründers wird damit zu einer der mächtigsten Frauen der deutschen Wirtschaft. Das neue Oberhaupt des Henkel-Clans muss nun die weitverzweigte Familie zusammenhalten, um ein Zerschlagen des Unternehmens zu verhindern.Mario Brück 17.09.2009 - 07:04 Uhr

Simone Bagel-Trah. Die Henkel-Erbin übernimmt den Oberbefehl über Clan und Konzern

Foto: unbekannt

"Waren Sie schon mal in Rheinbach?", fragt Simone Bagel-Trah besorgt. Ihr kleines Forschungsunternehmen auf dem Gelände der Fachhochschule Bonn-Rhein-Sieg sei schwer zu finden. Zur Sicherheit ruft sie noch mal auf dem Handy an: „Sie fahren links auf den Parkplatz und drücken an der Schranke den Ruf-Knopf – so geht sie auf. Dann den Trampelpfad zwischen den Hecken hindurch und weiter Richtung Teich, dann stehen sie vor uns.“ Eine schlanke, natürlich auftretende junge Forscherin empfängt in Laborkluft: Jeans und T-Shirt, ganz leger.

Das war so noch im Sommer, und der ist gefühlt schon lange her: Wer heute zu Simone Bagel-Trah vorgelassen werden will, muss den uniformierten Sicherheitsdienst eines Großkonzerns überwinden, den Ausweis abgeben, mit geheimen Codes gesperrte Türen öffnen. Bagel-Trah ist nicht mehr nur Chefin einer achtköpfigen Biotech-Gründung mit dem sperrigen Namen Antiinfectives Intelligence. Als Spross und Erbin des Industriellenclans Henkel  entstammt sie einer der reichsten Familien Deutschlands. Jetzt wechselt sie von der Bio-Bude an die Spitze des Aufsichtsrats des Konsumgüterriesen Henkel mit 52.000 Beschäftigten.

Einigkeit oder Zerreißprobe?

Gleichzeitig übernimmt sie den Vorsitz in einem noch wichtigeren, aber wenig bekannten Gremium: dem Gesellschafterausschuss, in dem die weitverzweigte Familie des Henkel-Gründers mit gut 52 Prozent der Aktienanteile über den Kurs des Unternehmens entscheidet. Damit ist sie mehr als Aufsichtsratschefin, obwohl das schon eine der schwierigsten Funktionen sein dürfte. Als Oberhaupt des Familienclans managt sie die Kapitalseite. Gelingt ihr dies, bleibt Henkel ein schlagkräftiges Familienunternehmen. Zerfällt die Sippe wie in zahlreichen anderen Familienunternehmen, droht dem Konzern eine Zerreißprobe, vielleicht sogar Übernahme und Zerschlagung.

Die 40-jährige Biologin übernimmt die beiden zentralen Gremien vom 73-jährigen Nestor Albrecht Woeste, der fast 20 Jahre lang den Oberbefehl über Clan und Unternehmen hatte.

Historischer Einschnitt bei Henkel

Schon vor ihrer offiziellen Ernennung hagelt es Superlative. Bagel-Trah, die sich selbst nur als Bagel – französisch ausgesprochen – vorstellt, ist die erste Frau an der Spitze eines vornehmlich von Männern regierten Riesen mit 14 Milliarden Euro Umsatz.

Die Machtübernahme ist keine alltägliche Personalie. Denn der Pril-, Persil- und Pritt-Hersteller ist der erste Konzern im deutschen Aktienindex Dax mit einer Aufsichtsratschefin. Ein historischer Einschnitt, für die deutsche Männer-Wirtschaft so ungewöhnlich wie die Wahl des Schwarzen Barack Obama ins Weiße Haus. Zusammen mit Kasper Rorsted – der 47-jährige Henkel-Chef ist selbst erst seit knapp anderthalb Jahren im Amt – bildet Bagel zudem das jüngste Gespann in der Eliteliga der deutschen Wirtschaft. Mit einem Gesamtalter von 87 Jahren unterbieten sie deutlich das zweitjüngste Duo, Telekom-Chef René Obermann und seinem Chefkontrolleur Ulrich Lehner, die zusammen 109 Jahre alt sind.

Frau! Jung! Erste Chefkontrolleurin eines Dax-Konzerns! „Ich würde mir wünschen, das wäre nicht so eine Sensation“, sagt sie. Natürlich, es sei beeindruckend, was nun auf sie zukomme, aber es sei eine konsequente Entwicklung über Jahre hinweg gewesen. „Ich war immer Frau, und ich war immer jung“, sagt sie mit einem Lächeln und Selbstironie.

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Foto: AP

Generation Simone. Bagel und ihr Vorgänger und Lehrmeister Albrecht Woeste in der Konzernzentrale

Foto: unbekannt

Noch ist die Frau die große Unbekannte in einem großen Unternehmen. Schlichte Eleganz zeichnet sie aus. Normalität ist die beste Tarnung. Mal weiße Bluse zur Jeans, mal hellblaues Shirt zum grauen Hosenanzug. Und dazu Ballerinas, selten Schuhe mit Absätzen. Bagel ist groß, 1,80 Meter, und schlank. Und wirkt überraschend nahbar und bodenständig, schiebt keine Bugwelle aus Macht und Bedeutung vor sich her.

Simone Bagel kommt am 10. Januar 1969 als Tochter von Fritz und Anja Bagel in Düsseldorf zur Welt, hineingeboren in die Industriellenfamilien Henkel und Bagel. Nach der Scheidung ihrer Eltern wachsen Simone und ihre Schwester Friderike bei der Mutter Anja Bagel-Bohlan auf. Sie ist Volkswirtin und veröffentlicht Bücher zur Sexualmoral im 19. und 20. Jahrhundert oder Hitlers industriellen Kriegsvorbereitungen. Sie engagiert sich beim Salomon Ludwig Steinheim-Institut für deutsch-jüdische Geschichte und ist eine hochgeschätzte Gesprächspartnerin.

Von klein auf fürs Unternehmen begeistert

Persönlichkeiten wie Marcel Reich-Ranicki oder Rita Süssmuth sind zu Gast im Hause Bagel – und Simone und ihre Schwester „helfen als Kinder beim Servieren und durften später mitdiskutieren“, erinnert sich Bagel. In der Wohnung liegen Bücher herum, Mutter und Töchter tauschen sich über die Inhalte aus.

Es ist das Leben in einem unkonventionellen, intellektuellen und wohlhabenden Haus. Dem Konzern nähert sie sich spielerisch, scheinbar zufällig. Mit elf Jahren tobt Simone mit ihren Cousins und Cousinen auf dem Firmengelände herum. Patriarch Konrad Henkel hat die Kinder eingeladen. „Er hat uns überall herumgeführt. Das war sehr beeindruckend.“

Die kleinen Henkelaner klettern auf ein großes Podest, um die qualmenden Fabrikschlote sehen zu können. An die anschließende Feuerwehrübung erinnert Bagel sich noch heute. „War sie vielleicht nur für uns inszeniert?“ Jedenfalls war sie Methode – um die jüngeren Clan-Mitglieder mit dem Unternehmensvirus zu infizieren, um dem Zerfall der Dynastie, oft schon in der zweiten Generation, meist aber spätestens in der dritten, entgegenzuwirken.

Doktorhut und Unternehmergeist

„Mit ihrer Herkunft hat Simone nie angegeben“, erinnert sich eine Schulfreundin. Dass sie eine Henkel-Erbin ist, wissen dennoch die meisten ihrer Mitschüler auf dem Düsseldorfer Max Planck-Gymnasium. „Sie war in allen Fächern Spitze, ließ andere abschreiben, und wir kannten sie nur mit Dauerwelle.“

Nach dem Abitur 1988 studiert Bagel Biologie in Bonn und promoviert 1998 im Fachbereich Mikrobiologie mit „sehr gut“. Der Titel der Doktorarbeit: „Adhärenzeigenschaften chinolonresistenter E.coli-Isolate“. Die begabte Forscherin entscheidet sich schnell gegen eine Habilitation, denn sie kann mit „akademischen Scheuklappen“ und „Tausend Meter Tauchtiefe“ nichts anfangen, will lieber selbst etwas machen. Sie hat den Unternehmergeist ihrer Vorfahren im Blut.

Vor allem in der Klebstoff-Sparte will Henkel deutlich einsparen

Foto: dpa/dpaweb

Gut beschirmt. Bagel mit Henkel-Chef Kasper Rorsted und Noch-Clanchef Woeste beim Pferderennen

Foto: unbekannt

Sie wird deshalb Beraterin für Projektmanagement im Bereich Mikrobiologie und Pharmazie. Auf Vermittlung ihres Doktorvaters wird sie 2000 Gründungsgesellschafterin und Geschäftsführerin der Antiinfectives Intelligence. Im Auftrag von Pharmaunternehmen werden neue Substanzen daraufhin untersucht, ob sie gegen bestimmte Bakterien besonders wirksam sind oder sich schnell Resistenzen bilden. Bagels Steckenpferd sind Augen- und Nasentropfen: Ob und wie lange sie ohne Konservierungsmittel in Sprüh- oder Tropfflaschen haltbar sind, darüber weiß sie bestens Bescheid.

Ihre naturwissenschaftliche Qualifikation beschert ihr 1999 das erste Amt im Henkel-Imperium: Sie wird Mitglied im Aufsichtsrat von Cognis. In diese Tochter, die 2001 verkauft wird, hat Henkel seine Spezialchemie samt Nahrungsmittelinhaltsstoffen ausgegründet. Von 2001 bis 2005 gehört Bagel dann dem 16-köpfigen Aufsichtsrat bei Henkel an. Im April 2005 wird sie von der Familie in den Gesellschafterausschuss berufen.

Die zehn Königsmacher

Das zehnköpfige Gremium ist das eigentliche Gehirn Henkels. Im erlauchten Kreis sitzen neben fünf Henkel-Erben auch fünf handverlesene Wirtschaftskapitäne wie E.On-Aufsichtsratschef Ulrich Hartmann, Allianz-Finanzchef Paul Achleitner, der frühere Chef der Bierdynastie Heineken, Karel Vuursteen, Bayer-Chef Werner Wenning und Ex-Henkel-Lenker Ulrich Lehner. Die zehn sind die Königsmacher, sie bestellen den Vorstand, kontrollieren ihn und sind an allen wichtigen Entscheidungen beteiligt. In dieser Runde bekommt Bagel einen tiefen Einblick ins Getriebe des Familienunternehmens.

Bei Henkel in die engere Wahl genommen

Nebenbei gründet sie 2005 mit weiteren Familienmitgliedern in der Düsseldorfer Innenstadt das Henkel Family Office (HFO), eine Art private Vermögensverwaltung der Luxusklasse. Dort wird Struktur in das Vermögen gebracht, das steuerliche Ergebnis überwacht und dafür gesorgt, dass die Erben die besten Konditionen bei den Banken bekommen. Das HFO soll als zweites finanzielles Standbein für die Familie ausgebaut werden, falls bei Henkel mal irgendetwas schiefgeht. Nach wenigen Monaten überlässt Bagel die Familienkasse Eberhard Buschmann, der sich zuvor bei der Vermögensverwaltung Wilhelm von Finck um Reiche und Superreiche kümmerte.

Die Zahl der Ämter, mit der die Familie sie überhäuft, macht Bagel klar, dass viele sie fürs höchste Familienamt in die engere Wahl genommen hatten. Ob sie das auch wollte, darüber musste sie sich selbst erst klar werden, wie sie sagt.

Nicola Leibinger-Kammüller. Trumpf-Chefin und Vorzeigefrau der deutschen Wirtschaft

Foto: dpa

Denn auf die neue Kraft an der Spitze des Weltkonzerns kommen anstrengende Zeiten zu. Henkel soll wachsen, die Marken strahlen. Doch Krise und Kaufunlust trüben die Stimmung. So hängen die Profi-Klebstoffe, bei denen Henkel Weltmarktführer ist, vor allem von der Autoindustrie ab. Verkauft die weniger, wird auch weniger Klebstoff gebraucht, der Autoteile zusammenhält. Zeitgleich muss die Übernahme des US-Herstellers National Starch verdaut werden, die bis dato teuerste der Firmengeschichte.

Über allem schweben Rationalisierung, Kurzarbeit und Jobabbau, dem bis Ende 2010 mehr als 3000 Henkelaner weltweit zum Opfer fallen. Im Konzern weht ein rauer Wind. Dennoch, Bagel sieht keinen Grund ins operative Geschäft einzugreifen. „Henkel ist gut aufgestellt, die großen Weichen sind gestellt, nur an einigen Stellschrauben kann immer justiert werden“, sagt sie.

Einer ersten Bewährungsprobe wird sie sich schon bald stellen müssen. Wenn in zwei Jahren die Vorstände Friedrich Stara und Lothar Steinebach in Rente gehen, muss sie sich an der Neubesetzung messen lassen. Woeste und Lehner hatten in der Vergangenheit aufgrund ihrer Menschenkenntnis und jahrzehntelangen Berufserfahrung stets ein sicheres Gespür für Spitzenpositionen.

Keine Freundin der Quote

Stärker vorantreiben will Bagel im Unternehmen die Vereinbarkeit von Beruf, Karriere und Familie. Hier werde es Akzentverschiebungen, wie sie es nennt, geben; die Nichtquotenfrau spricht sich aber klar gegen eine Frauenquote aus.

Auch Ökologie und Nachhaltigkeit will sie stärken. Der Wissenschaftlerin, die im Zimmer ihrer Kinder stets die Stand-by-Funktion der Elektrogeräte ausschaltet und privat zu einem Ökostromanbieter wechselte, liegen diese Themen.

Die größte Herausforderung für Bagel liegt jedoch im Henkel-Clan mit seinen drei Stämmen und mittlerweile rund 150 Mitgliedern: Es ist ein buntgemischtes Völkchen aus Investmentbankern, Winzern, Fotografen, Steuerberatern, Schauspielern, Galeristen, Ingenieuren und Bauunternehmern.

Einflussreicher Urenkel

In der Generation Simone wuchsen noch die meisten in Düsseldorf auf. Heute ist die Sippe in aller Welt verstreut. Die Bindungskräfte des alten Unternehmens schrumpfen wie Socken in zu heißem Wasser. Verkaufen Familienmitglieder aus Not oder anderen Gründen und verliert die Familie erst einmal die Mehrheit, droht ein rascher Erosionsprozess. Deshalb handelte Woeste 1996 einen Aktienbindungsvertrag aus, der vor Ende 2016 nicht ohne finanziellen Verlust kündbar ist. Rund 80 Erben haben ihre Anteile in diesem Vertrag gebündelt und kontrollieren gut 52 Prozent der Stammaktien.

Größter Einzelaktionär ist Christoph Henkel, Urenkel des Gründers, mit 5,8 Prozent. Kein anderes Familienmitglied erreicht die Meldegrenze von drei Prozent. Braucht einer dringend Geld, kann er mit einem Abschlag seine gebundenen Familienaktien in einem internen Fonds gegen zugekaufte „freie“ eintauschen und diese verkaufen. So ändern kleinere Abgänge nichts an der Familiendominanz.

Herrscht weiterhin Friede und Freude im Clan, könnte der Vertrag problemlos verlängert werden. Aber was, wenn nicht? Schließlich wird der Clan immer größer. Werden Pritt und Pattex die Blutsverwandten auch über 2016 hinaus zusammenhalten? Kann Simone Bagel die Familie ähnlich souverän zusammenschweißen, wie es Woeste getan hat, und damit langfristig die Unabhängigkeit des Familienunternehmens sichern?

Es ist eine Bürde aus Tradition und Erwartungen. Viele trauen ihr zu, den Clan effizient zu managen. „Alle sind mir wohlvertraut“, sagt sie und schwärmt: „Die Familie ist stolz auf die Firma. Vielleicht liegt das daran, dass Henkel griffige Produkte herstellt, die jeder in Dusche oder Waschküche stehen hat.“ Das ist anders als etwa bei der Duisburger Familie Haniel, einem anonymen Konglomerat, intern zerstritten und verkracht.

Die Familieneinigkeit erhalten

Die Henkel-Erben sind straff organisiert. Es gibt einen Ältestenrat, einen Informationskreis, eine nichtöffentliche Internet-Plattform, auf der die Familie Urlaubsbilder austauscht und neue Mitglieder vorstellt. Der „Löwenclub“ für die Teenager organisiert gemeinsame Tage auf einer Berghütte oder einen Spanien-Urlaub für derzeit eine Handvoll Kinder. Es werden mehr. Es gibt die Familienzeitung „Face“, den Henkel-unter-30-Kreis und die jeweiligen Stammessprecher, die einen Tag vor dem jährlich stattfindenden Familiengipfel ihren Stamm zusammentrommeln und die Strategie besprechen. Unstimmigkeiten? Kampfabstimmungen? 

Gibt es bei Henkels angeblich nicht.

Henkel-Delegationen in Lausanne akademisch trainiert

Damit das so bleibt, reisen ganze Henkel-Delegationen in die Schweiz. Dort, in Lausanne, am Lehrstuhl für Familienunternehmen am International Institute for Management Development, werden Familien aus aller Welt akademisch trainiert, um ihre Unternehmen für die nächsten Generationen fit zu halten.

Der große Henkel-Gipfel, bei dem sich in lockerer Atmosphäre und bei leichtem Buffet auf die wenige Tage später stattfindende Jahreshauptversammlung eingestimmt wird, findet in der Nähe von Düsseldorf auf dem Landsitz von Gabriele Henkel statt, der Kunstmäzenin und Witwe des Henkel-Patriarchen Konrad Henkel. Ebenso wie die Weihnachtsfeier, bei der sich bis zu 100 Sippenmitglieder treffen.

Bei der Frage, wer wohl am ehesten als neuer Clanchef geeignet sein würde, orientiert sich die Familie im Sommer 2006 am Urteil des Familienoberhauptes. „Es war nicht leicht, eine Empfehlung abzugeben“, erinnert sich Woeste. Seine Überlegungen: Drei Aufgaben fallen dem Vorsitzenden des Gesellschafterausschusses zu. Er muss ein geeigneter Vorsitzender dieses Gremiums sein und des Aufsichtsrats. Er muss ein guter Sparringspartner der Geschäftsführung sein. Und vor allem: Er muss die Familie zusammenhalten. Er habe sich und die Familienmitglieder in Einzelgesprächen gefragt, wer die Forderungen am besten erfüllen würde.

Zu diesem Zeitpunkt dürfte noch rund ein halbes Dutzend Kandidaten im Rennen gewesen sein. Darunter der in London lebende Investmentbanker und größte Einzelaktionär Christoph Henkel. Und Thomas Manchot, der wie Bagel aus der Fritz-Henkel-Linie stammt und Vorsitzender des Familien-Informationskreises ist. Hoffnungen machten sich auch Finanzexperte Konstantin von Unger, seit 2003 im Gesellschafterausschuss, sowie Christian Thorbecke, der neben Hotelbeteiligungen in der Karibik eine Immobilienfirma in Venezuela betreibt.

Bagel-Trah setzt sich durch

Zum Schluss des Auswahlverfahrens schlägt Woeste der Familie zwei Kandidaten vor: „Interessanterweise hat sich die Familie wohl für denjenigen entschieden, dem sie bei sonst gleichen Fähigkeiten eher zutraut, die Familie zusammenzuhalten.“ Wer der Gegenkandidat war, darüber schweigt die Familie eisern. Hartnäckig hält sich aber das Gerücht, es habe sich um Christoph Henkel gehandelt. Doch der signalisierte früh, dass er seinen Wohnsitz London nicht aufgeben wolle. Damit war er raus. Für die konservative Familie war klar, dass der Konzern nur von Düsseldorf aus regiert werden soll.

Und künftig von einer Frau.

Klug, intelligent und sozial ausgerichtet sei sie, sagt ein Aufsichtsratskollege. Sie denke langfristig, argumentiere überzeugend und vertrete ihre Positionen – auch schon mal gegen den Willen anderer Anteilseigner. Nach dem Familienpatriarchen Woeste stehe Bagel für den modernen Managertyp und passe damit auch gut zu Vorstandschef Rorsted.

Frau mit Passionen

Zu Bagels Passionen gehört neben der Literatur – gerade liest sie, ganz Biologin, eine Darwin-Biografie – auch die Kunst. Sie geht gerne in Museen: „Dabei kann ich gut abschalten.“ Besonders die Fotokunst hat es ihr angetan, und die holt sie sich auch nach Hause. Zum Beispiel ein Werk ihrer Lieblingskünstlerin Anja Jensen: Das Bild einer Frau mit Regenschirm und pinkfarbener Luftmatratze unterm Arm, die grell angestrahlt an einer Bretterbude lehnt, hängt direkt im Eingangsbereich ihres Hauses – passend arrangiert über einem pinkfarbenen Sideboard.

Ganz Unternehmerin und Top-Organisatorin hat sie mit Freunden einen Fonds für fotografische Kunst gegründet. Der Gag ist die Idee des Bilder-Sharings: Aus dem Fundus kann jeder Beteiligte sich Werke nach Hause ausleihen, bis er Lust auf ein anderes Fotokunstwerk hat.

Bagel lebt mit Ehemann und den zwei fünf und sieben Jahre alten Kindern in einer Villa mit Rheinblick in Düsseldorf. Ihr Mann arbeitet auf der anderen Seite des Rheins, im 22. Stock des Ergo Towers. Christoph Trah, zwei Jahre älter als seine Frau, ist Gesellschafter bei Interconsilium, einer noblen, auf Spitzenmanager spezialisierten Personalvermittlung.

Simone Bagel hat drei Stiefgeschwister aus der zweiten Ehe ihres Vaters. Ihre jüngere Schwester Friderike, Rechtsanwältin in Düsseldorf, saß ebenfalls im Aufsichtsrat, legte ihr Mandat jedoch Mitte des Jahres nieder. Mit der Berufung ihrer Schwester an die Spitze beider Gremien wäre sonst wohl das Gewicht des Fritz-Henkel-Zweigs zu groß geworden.

Durch Networking an die Spitze

Noch sind Unternehmerinnen wie Friede Springer, Susanne Klatten oder Liz Mohn einflussreicher als die Neue im Frauen-Club. Doch auch Bagel hat schon ein kleines, aber feines Netzwerk geknüpft. Mal besucht sie die Familie des Pharmaherstellers Merck in Darmstadt, mal kommt die Sippe von Jürgen Heraeus zu Besuch, dem es wie den Henkels gelungen ist, seinen Technologiekonzern in die Globalisierung zu führen, weil er die Familie zusammenschweißen konnte. Nicola Leibinger-Kammüller von Trumpf, Chefin des größten europäischen Herstellers für Werkzeugmaschinen, hat Bagel Tipps im Umgang mit Medien gegeben.

Mit Christian Boehringer beriet sie sich darüber, wie es ist, ein großes Familienunternehmen nun als Clanchef zu führen. Der nur wenig ältere Spross der Pharmadynastie Boehringer Ingelheim wurde Anfang 2007 Vorsitzender im Gesellschafterausschuss seiner Familie.

Alte und neue Rituale

Bagel bereitet sich auf die neue Rolle seit Langem vor: Schon seit zweieinhalb Jahren hat sie ihr eigenes Büro in der Henkel-Zentrale, auf dem gleichen Flur mit Woeste und Rorsted. Anfang Oktober wird sie mit Woeste das Büro tauschen. „Mir ist nicht so wichtig, wann das passiert“, sagt sie entwaffnend uneitel, „aber er drängt darauf.“ Rituale haben im Familienkonzern Henkel eben eine größere Bedeutung. Die will die moderne Managerin der fünften Generation nicht über Bord werfen. Wie etwa das Familienzimmer im fünften Stock des Henkel-Turms auf dem Firmengelände: „Dort finden nur ganz besondere Treffen statt – und es hängen viele Erinnerungen daran.“

Seit über einem Jahr ist sie fast ständig im Dienste Henkels unterwegs und nur noch selten in Rheinbach. Auch der Familienalltag wird inzwischen professionell von Haushälterin und Kinderfrau unterstützt: „Ich kann in dieser Position keine wichtige Sitzung absagen, wenn eines meiner Kinder krank ist und ich spontan keine Betreuungsmöglichkeit finde.“ Und so beginne ihr Arbeitstag eigentlich schon in der Früh unter der Dusche, wenn sie über die Termine des Tages nachdenke. „Und am Wochenende stehen dann noch Treffen mit Onkel X oder Tante Y an.“

Dennoch will sie versuchen, ihrem Rheinbacher Bio-Unternehmen treu zu bleiben. Das brauche sie sogar: „Einfach in Jeans und T-Shirt im Labor zu stehen, wo ich an jedem Arbeitsplatz genau weiß, was zu tun ist: Das kann ich zum Ausgleich inzwischen richtig genießen.“

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