Wie hart Unternehmen auf Zechpreller reagieren: Immer mehr Deutsche kaufen, ohne zu bezahlen
Paul Schwarzenholz und Björn Kolbmüller wurden nach der Gründung ihres Parfumversandes Flaconi schnell von Zechprellern heimgesucht. Jetzt blocken sie mit der speziellen Software eines Inkassodienstes Langfinger ab.
Foto: Andreas Chudowski für WirtschaftsWocheSo jung, und schon ein Opfer von Betrügern! Paul Schwarzenholz und Björn Kolbmüller sind mit ihrem Online-Shop Flaconi gerade frisch ans Netz gegangen. Bestellung Nummer drei kommt direkt aus der Nachbarschaft, nicht weit von der Torstraße in Berlin, wo ihre Firma sitzt. Aus Euphorie über den gelungenen Start beschließen die Gründer, die Ware ihrem Kunden persönlich zu überbringen. Doch die Freude währt nicht lange. Die Bestellerin sei nicht zu Hause, murrt ein junger Mann die Boten an, nimmt das Paket mit dem Damenparfüm von Chloé aber in Empfang. Auf die 80 Euro warten die Flaconi-Inhaber Schwarzenholz und Kolbmüller bis heute.
Was nach Pech aussah, erwies sich für die Jungunternehmer als Gefahr, die sie fast die Existenz kostete. "Im ersten Monat hatten wir eine Betrugsquote bei den Bestellungen von 30 Prozent", sagt Flaconi-Geschäftsführer Schwarzenholz. "Wäre es so weitergegangen, hätten wir den Shop gleich wieder dichtmachen können."
Unternehmen werden immer öfter Opfer von Betrügern
Das Startup-Duo von der Spree zählt zum wachsenden Kreis, der um sein wohlverdientes Geld fürchten muss. Ob Gründer oder Traditionsunternehmen, Handwerker oder Konzerne, Deutschlands Unternehmen werden immer häufiger Opfer halb- oder vollprofessioneller Betrüger, die, wo immer möglich, die Zeche prellen. Versandhändler wie Amazon, Otto oder Zalando, aber auch Telekommunikationskonzerne oder die Deutsche Bahn müssen immer dickere Brandmauern hochziehen, um der Plage Herr zu werden.
So beklagten kürzlich Tankstellenpächter in der Spritklau-Hochburg Nordrhein-Westfalen, in der ersten Hälfte dieses Jahres seien 7,5 Prozent mehr Kunden als im Vorjahreszeitraum davongebraust, ohne zu zahlen. Laut reden will über das Problem kaum ein Unternehmer. "Das Thema ist heiß, doch mit Blick auf die Wettbewerber diskutieren wir darüber nicht öffentlich", sagt der Manager eines großen deutschen Versandhändlers.
Zwei Prozent der Rechnungen bleiben offen
Einkaufen oder bestellen, ohne zu zahlen, scheint der neue Lieblingssport der Deutschen gleich nach Fußball und Steuerhinterziehung zu sein. Die Außenstände, die Unternehmen an professionelle Geldeintreiber abgetreten haben, summieren sich inzwischen auf 50 Milliarden Euro. Die Zahl hat der Bundesverband Deutscher Inkasso-Unternehmen, in dem sich die hiesigen Geldeintreiber organisieren, unlängst zum ersten Mal ermittelt. "Wir waren selbst erstaunt über die Dimension", sagt Verbandspräsident Wolfgang Spitz.
Zwar leiden deutsche Unternehmen weit weniger unter Zahlungsausfällen als ihre europäischen Konkurrenten. Doch auch hierzulande wächst das Problem. So bleiben in diesem Jahr voraussichtlich mehr als zwei Prozent der Rechnungen für immer offen, nach 1,8 Prozent 2011. Das ergab eine Umfrage bei 400 Finanzmanagern kleiner und mittlerer deutscher Unternehmen durch die Inkassofirma EOS. Der Geldeintreiber gehört zum Hamburger Handelsriesen Otto-Group mit seinen zig Versandhandelsmarken wie Quelle, Baur, Manufactum und natürlich Otto sowie der Logistiktochter Hermes, die die Waren zu den Kunden schafft.
Der Hamburger Versandriese Otto verteilt seine Waren über Hermes, die Logistikzentren wie in Sachsen-Anhalt betreiben. Durch de bequemen Kauf auf Rechnung ohne Vorkasse steigern die Hanseaten zwar ihre Umsätze, damit locken sie aber auch Betrüger an.
Foto: AP
Das Zahlungsverhalten der Deutschen, die Lieblingsopfer der Betrüger und die größten Gläubiger
Foto: WirtschaftsWoche
Kaufhäuser und Supermärkte versuchen, mit Alarmanlagen am Ausgang und Safes für teure Waren Ladendiebe in den Griff zu bekommen. Trotzdem greifen Langfinger jeden Verkaufstag immer noch Waren im Wert von sechs Millionen Euro ab und verursachen einen jährlichen Schaden von rund 1,9 Milliarden Euro. Bei Online-Shops können Kunden zwar nichts in den Taschen verschwinden lassen, nutzen aber andere Methoden.
Weil die Zechprellerei im Internet zulegt, rüsten die Unternehmen auf. Mit welchen Mitteln sie die Plage bekämpfen, gilt in den meisten Fällen als Betriebsgeheimnis. Nur wenige reden offen darüber, wie sie säumige Kunden jagen oder notorische Nichtzahler abwehren. Zu ihnen zählt die Otto-Gruppe, die der WirtschaftsWoche Einblick in ihr konzerneigenes Betrugsdezernat gewährt hat.
Kunden zahlen selten vor Erhalt der Ware
Die Taskforce von rund 20 Leuten sitzt in kommunikativen Vierer-Büros auf dem repräsentativen Otto-Campus in der Hansestadt Hamburg. Die Truppe aus smarten Angestellten passt nicht ins Klischee gnadenloser Ermittler, ist dafür aber umso effektiver. "Unsere Abwehr steht", sagt Hans-Georg Spliethoff, Leiter des Kreditmanagements bei Otto. Je stärker der Handel über das Internet boomt, desto mehr Schlingel und Zahlungsschwache filtern und sieben die Spürnasen aus dem gigantischen Heer der Besteller heraus. Das ist bei Otto besonders wichtig, weil kaum einer der Kunden vor Erhalt der Ware zahlt.
"Fast alle unserer Kunden – 99 Prozent – wollen auf Rechnung kaufen, weil diese Zahlungsart für sie am bequemsten und sichersten ist", sagt Otto-Oberjäger Spliethoff. Zugleich gehört der Kauf auf Rechnung für Versandhändler zum Geschäftsmodell, weil sie dadurch Kunden gewinnen und die Umsätze steigern – ein gefundenes Fressen für Betrüger.
Platz 1: Bayern
Den kleinsten Privatverschuldungsindex (PVI) hat ist im Bundeslandvergleich das Land Bayern. Deutschlandweit liegt der Privatverschuldungsindex für das laufende Jahr bei 1047 Punkten. Die Schufa verzeichnet unter anderem Zahlungsstörungen bei Krediten, Telekommunikations- und Handelsrechnungen, aber auch Unregelmäßigkeiten bei Leasingverträgen oder Girokonten.
PVI 2014: 755 Punkte
Foto: apPlatz 2: Baden-Württemberg
Auffällig ist, dass die südlicheren Bundesländer weit unter dem Bundesdurchschnitt liegen, was den Anteil der gelisteten Schuldner betrifft.
PVI 2014: 768 Punkte
Foto: dpaPlatz 6: Sachsen
Der Anteil der Menschen mit Zahlungsschwierigkeiten liegt in Sachsen deutlich unter dem Durchschnitt.
PVI 2014: 991 Punkte
Foto: dpaPlatz 7: Thüringen
Mit 2,2 Millionen Einwohnern gehört Thüringen zu den kleineren Bundesländern. Einige Orte des Bundeslandes beanspruchen der geographische Mittelpunkt Deutschlands zu sein. Der Schuldneranteil liegt hier leicht über dem Bundesdurchschnitt.
PVI 2014: 1048 Punkte
Foto: ZBPlatz 3: Hessen
Im Bundesland der Bankenstadt Frankfurt am Main hat es der PVI deutlich unter den Bundesdurchschnitt geschafft. Vor allem die südlicheren Regionen des Landes gehören zu den wirtschaftsstärksten Regionen Deutschlands und gehören auch zu den am dichtesten besiedelten Gebieten im Bundesgebiet.
PVI 2014: 927
Foto: dpaPlatz 5: Rheinland-Pfalz
Die Exportquote von Rheinland-Pfalz liegt bei circa 46 Prozent, was das Land zu einem der Spitzenreiter in der Außenwirtschaft macht. Der Mittelstand bildet einen der wichtigsten Grundpfeiler der Landeswirtschaft. Auch in Rheinland-Pfalz konnte der PVI eine positive Entwicklung nehmen.
PVI 2014: 967 Punkte
Foto: dpaPlatz 8: Niedersachsen
Das flächenmäßig zweitgrößte Bundesland übersteigt prozentual mit seinem Schuldneranteil nur leicht den Bundesdurchschnitt.
PVI 2014: 1053 Punkte
Foto: dpaPlatz 9: Brandenburg
Brandenburg gilt als wirtschaftsschwach. Allerdings bewegt sich der PVI nur noch knapp über dem Bundesschnitt.
PVI 2014: 1051 Punkte
Foto: dpaPlatz 11: Schleswig-Holstein
Gemessen am Privatverschuldungsindex bei der Schufa, liegt Schleswig-Holstein auf Platz elf – gut 320 Punkte hinter dem Land mit den wenigsten Schuldnern: Bayern.
PVI 2014: 1072 Punkte
Foto: dpaPlatz 10: Saarland
Von der Flächenzahl ist das Saarland das kleinste Bundesland. Gemessen an der Einwohnerzahl das zweitkleinste. Gemessen am PVI kann das Saarland seinen Wert zwar auch senken, allerdings nicht so stark wie die anderen Bundesländer.
PVI 2014: 1061 Punkte
Foto: dpaPlatz 13: Mecklenburg-Vorpommern
Das Bundesland im Nordosten Deutschlands ist flächenmäßig ziemlich flach und hat die geringste Einwohnerdichte in Deutschland. Allerdings ist die Schuldnerdichte umso höher und liegt ein Prozent über dem Bundesdurchschnitt.
PVI 2014: 1195 Punkte
Foto: dpaPlatz 4: Hamburg
Die Hansestadt, die zugleich Stadtstaat ist, kann wie Hessen einen unterdurchschnittlichen PVI vorweisen. In den vergangenen zwei Jahren konnte sich der Index klar positiv entwickeln.
PVI 2014: 927 Punkte
Foto: dpaPlatz 14: Sachsen-Anhalt
Das relativ junge Bundesland, das erst bei der Wiedervereinigung gegründet wurde, gehört zu den Ländern mit der schlechtesten Zahlungsmoral.
PVI 2014: 1237 Punkte
Foto: ZBPlatz 12: Nordrhein-Westfalen
Im größten Bundesland haben die Einwohner einen der schlechtesten PVI-Werte Deutschlands.
PVI 2014: 1141 Punkte
Foto: dpaPlatz 16: Bremen
In den großen Städten ist die Zahlungsmoral besonders schlecht. Das gilt auch für Bremen.
PVI 2014: 1231 Punkte
Foto: dpaPlatz 15: Berlin
Die deutsche Hauptstadt ist einer der Hauptstädte der Schuldner. Nur eine Stadt hat eine noch schlechtere Zahlungsmoral.
PVI 2014: 1159 Punkte
Foto: dpa
Um denen auf die Schliche zu kommen, durchstöbern Spliethoffs Mitarbeiter alle zugänglichen Winkel der analogen und digitalen Welt. Sie schnüffeln etwa in düsteren Internet-Chatrooms, in denen notorische Abzocker unter Pseudonymen schamlos ihre neuesten Tricks herausposaunen: Bestellt euch einen teuren Laptop und ein paar billige T-Shirts dazu, riet unlängst ein Chatter, schickt dann die Klamotten zurück und behaltet den Rechner! Mahne der Versandhändler die Bezahlung an, solle man einfach behaupten, man habe alles zurückgeschickt. Der Händler würde dann annehmen, die Retouren fehlerhaft erfasst zu haben, und aufs Geld verzichten.
"Finger weg von Otto!"
Finden die Otto-Detektive Anhaltspunkte, ihr Arbeitgeber könnte auf diese Weise hereingelegt werden, können sie äußerst hartnäckig werden. In einem Fall verfolgten sie das Pseudonym aus einem Betrüger-Chatroom bis ins soziale Netzwerk Facebook, wo sie ein Nutzerkonto fanden, das schließlich den Klarnamen preisgab. "Finger weg von Otto!", heißt es inzwischen im Internet, "die schicken immer gleich die Bullen mit."
Gleichzeitig screent die Otto-Taskforce alle Bestellungen nach Verdachtsmomenten. Bei Unterhaltungselektronik, Markenklamotten und teuren Parfüms sind die Ermittler besonders wachsam. Oft ordern Betrüger zum Beispiel in hoher Zahl teure Artikel unter verschiedenen Namen, um nicht aufzufallen. Erkennt die Filtersoftware solche Muster, knöpfen sich die Otto-Fahnder die Bestellungen vor, indem sie etwa bei dem Kunden anrufen und die Ware erst einmal auf der Rampe lassen. "Einen niedrigen zweistelligen Millionenbetrag an Betrugsschaden verhindern wir pro Jahr", sagt Taskforce-Chef Spliethoff. Das ist ein Vielfaches dessen, was der Präventionstrupp kostet.
Markus Krummen überwacht das Callcenter des Düsseldorfer Inkassounternehmens Sirius. Seine Geldeintreiberinnen telefonieren monatlich 120.000 Schuldner ab und holen hartnäckig außstehende Zahlungen ein
Foto: David Klammer für WirtschaftsWoche
Die Pioniere des Versandhandels
Versandhäuser haben in Deutschland eine lange Tradition. 1927 gründet Gustav Schickedanz das Unternehmen Quelle, 1954 erscheint zum ersten Mal der Quelle-Katalog. Innerhalb weniger Jahre wird er unter deutschen Hausfrauen Kultstatus erreichen. Die Anfänge dagegen sind beschaulich. Auf gerade einmal 72 Seiten zeigt "Meine Quelle" 1200 Produkte.
Nach dem Zweiten Weltkrieg bekommt Quelle im Jahr 1949 Konkurrenz vom Hamburger Otto-Versand, 1950 folgt der Neckermann Versand in Frankfurt am Main und 1955 schließlich der Schwab Versands in Hanau.
In den 70er Jahren geht es rund im Versandhandel. Die Konjunktur schleppt und einige Unternehmen verlieren ihre Eigenständigkeit. Karstadt erwirbt den Neckermann-Versand und der Otto-Versand übernimmt sowohl den Heine als auch den Schwab-Versand.
Foto: AP
Der Patriarch des Otto-Clans
Im Alter von 40 Jahren gründete Werner Otto 1949 den Otto-Versand - und legte so den Grundstein für einen weltweiten Handels- und Dienstleistungskonzern. Der erste Katalog von 1950 mit 14 Seiten und eigenhändig eingeklebten Fotos ist heute im Haus der Geschichte in Bonn zu sehen.
2009 feierte der Unternehmer und Kultur-Mäzen Werner Otto (2.v.l.) in seiner Villa in Berlin-Grunewald seinen 100. Geburtstag mit Bundeskanzlerin Angela Merkel (l., CDU), seiner Ehefrau Maren Otto (3.v.r.) und dem damaligen Bundespräsidenten Horst Köhler (r) mit Ehegattin Eva-Luise (2.v.r.).
Foto: dpaOtto wird zum Versand-Haus-König
In den 50er Jahren verdoppelte Ottos eine Umsätze mehrfach vom einen aufs andere Jahre; die Konsumwelle nach den Entbehrungen der Nachkriegszeit war der Motor des raschen Wachstums. Strategisch setzte Otto mehr auf die Qualität der Waren als auf niedrige Preise und erschloss so neue Käuferschichten. Schon 1966 übergab Werner Otto die Leitung des Unternehmens an den Manager Günter Nawrath, behielt aber bis 1981 die Zügel als Aufsichtsratsvorsitzender in der Hand. Dann übernahm sein Sohn Michael die Otto Group und führte sie bis 2007.
Der Senior hatte sich schon vorher neuen Geschäften zugewandt. In einem Alter, in dem andere an den Ruhestand denken, investierte Werner Otto in nordamerikanische Immobilien und in das zukunftsträchtige Feld der Entwicklung von Einkaufszentren. Daraus entstand die ECE, heute das führende Spezialunternehmen der Branche in Europa. Die ECE-Gruppe wird von seinem jüngsten Sohn Alexander geleitet.
Foto: dpaHeute zählt zum Firmenimperium längst nicht mehr nur der Versandhandel. Auch der Post-Konkurrent Hermes oder der Spielzeuganbieter MyToys gehören zum Otto-Reich.
Auf dem Foto zeigt Sohn Michael Otto vor der Firmenzentrale in Hamburg einen Katalog.
Foto: REUTERSAufstieg und Fall von Konkurrent Quelle
1943 musste das Versandgeschäft von Quelle aufgrund von Bombenangriffen und Kriegswirren eingestellt werden. Nach dem Krieg startete das Unternehmen wieder durch, steigert Umsatz und Erfolg.
1977 stirbt Quelle-Gründer Gustav Schickedanz, seine Frau Grete übernimmt die Leitung des Versandhauses. 1998/99 fusioniert das ehemalige Familienunternehmen als Quelle Schickedanz AG & Co mit dem Warenhauskonzern Karstadt zur KarstadtQuelle AG.
Foto: dpa
Die Quelle-Insolvenz
Im Juni 2009 meldete die Quelle GmbH Deutschland - Tochter der Arcandor AG - Insolvenz an. Der letzte Katalog zum Herbst 2009 umfasst 1348 Seiten und ist fast zwei Kilogramm schwer. Bis kurz vor Weihnachten 2009 gewährt das Versandhaus große Rabatte auf den Katalogpreis. Die Lager müssen leer werden. Das Internetportal quelle.de wird am 30. November 2009 wegen zu hoher Kosten eingestellt.
Foto: AP
Quelles Wiedergeburt im Netz
Seit August 2011 werden unter der Webadresse www.quelle.de und dem früheren Logo, Waren einer Tochter des Hamburger Otto-Versandes angeboten. Otto hält mittlerweile die Markenrechte an Quelle.
Foto: APSchwierige Zeiten für Neckermann
Wie auch bei Otto, erschien der erste Versandhandels-Katalog von Neckermann im Jahr 1950. Die beiden großen Konkurrenten von Neckermann, Quelle und Otto, hatten in den 60er-Jahren bereits höhere Umsätze erzielt als Neckermann und auch die 70er-Jahre liefen nicht besonders gut für das Unternehmen. Ölkrise, Konsumrückgang, Preispolitik – all dies brachte Neckermann rote Zahlen ein, was dazu führte, dass Karstadt Anteile erwarb.
Foto: dpaDer Arcandor-Einstieg
1977 wurde Neckermann zu einer reinen Aktiengesellschaft umgewandelt, bei der Karstadt mit über 50 Prozent Hauptaktionär wurde. Karstadt fusionierte im Jahr 1999 mit Quelle zur KarstadtQuelle AG, die später in Arcandor AG umbenannt wurde. Damit war die Neckermann Versand AG neben der Quelle AG eines der beiden großen Universalversandhäuser und 100-prozentiges Tochterunternehmen des Arcandor-Konzerns.
Im Jahr 2007 trennte sich der Arcandor-Konzern von Neckermann, seit 2010 ist Neckermann vollständiger Besitz von Sun Capital.
Foto: dpa/dpaweb
Kein Wunder, dass solche Hebel auch das Geschäft der kommerziellen Geldeintreiber, also der Inkassofirmen, ankurbeln. Sie leben insbesondere von Unternehmen, die sich wie der Internet-Versand Flaconi keine eigenen Spezialisten nach dem Vorbild von Otto leisten können. Das Berliner Startup bedient sich des Frankfurter Inkassoanbieters Universum, um Problemkunden abzuwehren.
Inkassofirmen kaufen Unternehmen deren Forderungen ab und treiben das Geld dann auf eigene Rechnung ein. Dafür bekommen die Gläubiger weniger als den Nennwert ihrer Rechnungen. Die Abschläge schwanken zwischen einem und 70 Prozent – je nach Qualität der Forderung. Mit diesem Geschäft erzielt die Inkassobranche rund 1,8 Milliarden Euro Jahresumsatz. Universum gehört mittlerweile der Valovis Bank, einer ehemaligen Tochter des Kaufhauskonzerns Karstadt. "Seit 30 Jahren sorgen wir dafür, dass Kunden bezahlen", wirbt das Unternehmen.
Keine kahlköpfigen Knochenbrecher
Der Slogan mag bei Fans des Boulevard-TV für Fantasien darüber sorgen, mit welchen Druckmitteln das Unternehmen arbeitet. Populäre Fernsehserien über die zweifelhafte Agentur Moskau Inkasso haben das Klischee vom kahlköpfigen Knochenbrecher auf Schuldnerjagd verbreitet. Doch ein solcher Außendienst mit dunklen Geländesportwagen rechnet sich höchstens für Privatgläubiger, die auf Rückzahlung eines hohen Einzelbetrags warten. Für das Millionenheer der Kleinschuldner, die hier ein Paar Jeans und dort ein Paket Parfüm nicht bezahlen, sind mobile Einsatzkommandos viel zu teuer. Zudem würden namhafte Auftraggeber wie Versandhändler oder Versicherer niemals rabiaten Methoden zustimmen, die ihren Ruf schädigen könnten. Daher bedienen sie sich lieber streng durchrationalisierter Eintreibmaschinerien.
Paradebeispiel für ein solches Fließbandinkasso ist das Unternehmen Sirius in Düsseldorf, das kürzlich den Sprung über die Marke von fünf Millionen eingetriebener Forderungen schaffte. Sirius gehört zum Essener Inkassokonzern GFKL, der mehrheitlich im Besitz des Finanzinvestors Advent International ist. Der Branchenriese GFKL beschäftigt in seinen zahlreichen Tochterunternehmen insgesamt 1300 Mitarbeiter, die sich zurzeit um unbezahlte Rechnungen im Wert von 22,5 Milliarden Euro kümmern.
In der Telefonnummer steckt der Erfolg
Das Sirius-Callcenter liegt verborgen hinter einem unauffälligen Bürogebäude nicht weit vom Düsseldorfer Hauptbahnhof. Dort laufen die Drähte heiß, wenn die Briefträger morgens ihre Runden quer durch die Republik drehen. Dann öffnen Tausende Schuldner, die Sirius angeschrieben hat, ihre Post. "Hello letters" heißen die Briefe, die Sirius an säumige Kunden von Versandhändlern oder Telekommunikationsanbietern verschickt. Die Schreiben enthalten die Außenstände und die dringende Bitte um Rückruf.
Die vergleichsweise samtene Methode funktioniert. Ein großer Teil der Angeschriebenen greift umgehend zum Hörer. Das Effizienzgeheimnis steckt in der jeweiligen Telefonnummer, die der Schuldner wählen muss. Denn diese ist per Datenbank mit dem Aktenzeichen der individuellen Forderung verknüpft. Ruft ein Schuldner über die ihm zugeteilte Telefonnummer an, erhält der Callcenter-Mitarbeiter auf seinem Bildschirm sofort alle Angaben über den Rechnungssünder.
Trojaner und Co.
Viren, Würmer und Trojaner können erhebliche Schäden auf dem PC anrichten. Beliebt bei Abzockern sind vor allem die Trojanischen Pferde, die vom Nutzer meist unbemerkt auf dem Rechner lauern und sensible Daten wie Passwörter abfangen, mit denen dann Schindluder getrieben werden kann.
Wie kann man sich schützen?
Bei allen Downloads aus dem Internet ist Vorsicht geboten. Das BSI warnt davor, dass sich in der Flut von Gratis-Programmen und Dateien unzählige Schadprogramme verstecken, die dann den Rechner infizieren. Manche davon verbreiten sich auch über USB-Sticks, weshalb man diese am besten nicht mit anderen austauschen sollte.
Bemerkt man die Infektion, sollte man an einem "sauberen" PC umgehend alle wichtigen Passwörter, besonders von Online-Händlern oder Auktionshäusern, ändern. Die Kontoauszüge sollte man in der nächsten Zeit stets kritisch prüfen, da Betrüger an Kontodaten gelangt sein könnten und nun im Namen des Geschädigten Geschäfte tätigen.
Phishing
Das Wort, das wie "Fischen" klingt, ist in aller Munde. Im Prinzip geht es auch genau darum: Abzocker werfen die Angelrute nach Passwörtern aus. Auf gefälschten Internetseiten, die etwa denen von sozialen Netzwerken oder Banken täuschend ähnlich sind, geben ahnungslose Nutzer ihre Daten ein - und sind sie auch schon los. Die Betrüger sind auf Passwörter, persönliche Daten oder Kreditkartennummern aus.
Wie kann man sich schützen?
Grundsätzlich sollte man bei E-Mails, die etwa scheinbar von der Bank oder einer Firma kommen und die den Empfänger dazu auffordern, seine Daten zu aktualisieren, misstrauisch sein. Diese Mails werden massenhaft verschickt und die Angreifer spekulieren darauf, dass einige der Adressaten tatsächlich Kunde bei dem vorgegebenen Unternehmen ist. Um so einen gefälschten Link zu enttarnen, muss man mit der rechten Maustaste auf den angegebenen Link in der E-Mail klicken und dann "Quelltext anzeigen" auswählen, rät das Bundesamt für Sicherheit in der Informationstechnik (BSI). So kann man erkennen, was sich tatsächlich hinter dem "offiziellen" Link verbirgt.
Foto: dpa/dpawebSpam, Spam, Spam
Spam- oder auch Junk-Mails sind nicht nur ärgerlich, weil sie den Posteingang zumüllen. Lädt man die Massen-Mails herunter, können dem Nutzer je nach Internet-Anbieter Kosten für den Datenverkehr entstehen. Laut BSI entstehen jedes Jahr Kosten in Milliardenhöhe für Versand, den Zeitverlust fürs Lesen, das Entfernen oder sogar Beantworten des elektronischen Schrotts.
Wie kann man sich schützen?
Egal wie sehr man sich ärgert, man sollte niemals auf ungewollte Newsletter oder Werbepost antworten - denn die Nachrichten werden oft vollautomatisch an Hunderttausende per Zufallsprinzip erstellte Mailadressen versandt. Reagiert der Adressat auf die unerwünschte Müllpost, zeigt er nur, dass ein realer Nutzer erreicht wurde, und erhält noch mehr Spam. Wird man immer vom gleichen Absender belästigt, kann ein Filter im Mail-Programm helfen, der den Spammer blockiert. Bei extremer Belästigung hilft oft nur noch die Aufgabe der Mail-Adresse und das Erstellen einer neuen - bei der man dann wesentlich vorsichtiger damit umgehen sollte, wo und wem man sie weitergibt.
Foto: APGeschenke und Gewinnspiele
Wenn beim Surfen plötzlich ein Browserfenster aufgeht, dass man ein Handy oder gar eine tolle Kamera gewonnen hat, kann man sich doch freuen - oder?
Mitnichten! Die Verbraucherzentralen warnen vor solchen vermeintlichen Geschenken, denn es sind nur fiese Köder, die zum Beispiel von den Kosten für das Gewinnspiel ablenken sollen. Oft sind die Betrüger aber auch hier einfach auf die intimen Nutzerdaten aus.
Wie kann man sich schützen?
Vorsicht bei verlockenden Gewinnspielen und angeblichen Präsenten von Anbietern zweifelhafter Seriosität - denn wer hat schon etwas zu verschenken? Die persönlichen Daten wie Name, Alter, Anschrift, Telefonnummer oder E-Mail-Adresse landen meist nur bei Adressensammlern, die diese dann in Paketen weiterverkaufen und sich so die Taschen füllen. Das einzige, was sich beim Opfer füllt, ist dann der Anrufbeantworter oder das Mail-Postfach, und zwar mit nerviger, ungewollter Werbung. Im Zweifelsfall also lieber: Finger weg!
Foto: dpaBetrug per App
Smartphones sind ja sehr praktisch. Auch unterwegs hat man nicht nur ein Telefon, sondern eben auch immer einen Zugang zum Internet dabei. Doch auch bei dieser neuen Spielerei finden natürlich Betrüger Mittel und Wege, um Nutzern das Geld aus der Tasche zu ziehen. Die Abzocke per App, also einem kleinen Programm auf dem Handy, nimmt laut Verbraucherzentrale zu. In Spielen oder anderen Anwendungen, die erstmal gratis heruntergeladen werden können, verbergen sich meist kleine Werbebanner, etwa mit Hinweisen auf eine Erweiterung (zum Beispiel: "Hier gibt's neue Level" oder ähnliches). Berührt man die Stelle auch nur aus Versehen, kann das teuer werden, denn oftmals werden so über die Handynummer Käufe oder sogar Abos getätigt, die bis zu 60 Euro pro Monat kosten können.
Wie kann man sich schützen?
Die Verbraucherzentrale stuft einen Vertrag, der über das bloße Antippen eines Banners zustande kam, als ungültig ein. Die Bundesnetzagentur prüft derzeit einen Gesetzesverstoß. Geschädigte müssen sich selbst kümmern. Die Verbraucherzentrale rät dazu, den Vertragsabschluss gegenüber dem Mobilfunkprovider und der App-Firma zu bestreiten, und es zu kündigen. Vorbeugend können Smartphone-Nutzer eine sogenannte Drittanbieter-Sperre verhängen, die verhindert, dass dubiose Geschäftemacher über die Handyrechnung Geld einziehen können.
Foto: dapdLösegeld-Erpressung
Lösegeld-Erpressung? Ja, das gibt es auch im digitalen Bereich. Mit sogenannter Ransomeware wird der Rechner infiziert (zum Beispiel per E-Mail-Anhang oder auch per Facebook-Link), und der Nutzer kann auf einmal nicht mehr auf einzelne Dateien, Ordner oder gleich seine ganze Festplatte zugreifen. Für die Freigabe der Daten-Geiseln fordern die Schadprogramme Geld, das per anonymer Überweisung ins Ausland gehen soll. Berühmtheit erlangte der Bundespolizei-Trojaner, der Betroffenen vorgaukelte, eine offizielle Polizeibehörde habe den Rechner verschlüsselt, weil ungesetzliches Material (etwa Kinderpornografie) darauf gefunden worden sei.
Wie kann man sich schützen?
Alle Programme inklusive Antivirensoftware sollte immer auf dem neusten Stand gehalten werden. Vor allem gegenüber E-Mails von unbekannten Absendern, die Links oder Anhänge enthalten, sollte man misstrauisch sein. Ein beliebter Verbreitungsweg ist auch das soziale Online-Netzwerk Facebook: Hier verbreiten sich die Schadprogramme über Links in automatisch geposteten Videos oder Fragen, die zum draufklicken animieren (zum Beispiel: "Bist du das auf dem Foto?" oder "Total krasses Video!"). Hier heißt es wachsam sein, nachdenken und erst dann klicken. Hat man sich infiziert, sollte man auf keinen Fall zahlen und zudem Anzeige bei der Polizei erstellen.
Foto: dpaberTeure Abofallen
Eigentlich wollte man doch nur über eine Website ein paar Gratis-SMS verschicken. Und nun flattert eine astronomische Rechnung ins Haus. Angeblich kostenfrei zu versendende Kurznachrichten oder Spiele, Logos und Klingeltöne, die man sich zu sagenhaft günstigen Preisen herunterladen kann, sind eine beliebte Abofalle. Nutzer übersehen das Kleingedruckte und schließen nichts ahnend ein teures Abonnement ab.
Wie kann man sich schützen?
Auch wenn es lästig ist: Man sollte auch bei scheinbar kleinen Beträgen für ein Onlinespiel oder vermeintlichen Gratis-Angeboten sehr genau darauf achten, was sich im Kleingedruckten versteckt. Man sollte sich genau durchlesen, welche Leistung verkauft wird und auf Schlagworte wie "wiederkehrende Leistung" achten - denn das ist nichts anderes als ein Abonnement, das richtig teuer werden kann.
Foto: gmsEinschüchterung per Rechtsanwalt
Angeblich soll man mit nur einem Mausklick einen Vertrag abgeschlossen haben - immer wieder sind auch Minderjährige betroffen, die arglos im Internet gesurft haben. Mit fingierten Schreiben von Inkassobüros oder Rechtsanwälten versuchen Betrüger jetzt, Druck aufzubauen. Oft genug sind Betroffene so erschrocken und eingeschüchtert, dass sie die Rechnungen bezahlen. Obwohl sie es nicht müssen.
Wie kann man sich schützen?
Wenn man sich sicher ist, dass es sich um einen Internetabzocker handelt, der auf irgendeinem Wege an die Adressdaten gekommen ist, kann man alle Drohungen und Mahnungen getrost ignorieren. Im Zweifelsfall rät die Verbraucherzentrale dazu, sich erst Rat zu holen, bevor betrügerische Rechnungen bezahlt werden. Erst, wenn ein Mahnbescheid vom Gericht eintrifft, muss man reagieren; und zwar innerhalb von 14 Tagen.
Foto: dpaGefälschte Viren-Warnungen
Da hat man sich auf einer scheinbar harmlosen Internetseite durchgeklickt, und plötzlich springt ein Fenster mit einer Virenwarnung auf. Der vermeintlich mit einem Schadprogramm infizierte Internetnutzer reagiert, und klickt auf das angebliche Antivirenprogramm - und hat erst jetzt den wirklichen Ärger. Gefälschte Antivirensoftware grassiert zunehmend im Netz. Sind die Programme einmal auf den Rechner heruntergeladen, lassen sie immer wieder Fenster mit falschen Virenwarnungen erscheinen, die zum Kauf des (nutzlosen) Programms oder einer Lizenz auffordern. Manchmal dienen sie auch dazu, an die Kreditkarten-Daten des Nutzers zu gelangen.
Wie kann man sich schützen?
Antivirensoftware ist für jeden, der mit seinem PC im Internet surft, unerlässlich. Dabei sollte man aber nur auf namhafte Hersteller vertrauen und bei unaufgeforderten Software-Angeboten grundsätzlich sehr misstrauisch reagieren. Ein seriöses und kostenloses Antivirenprogramm gibt es etwa vom Hersteller Avira.
Foto: dpa/dpawebDie Flirt-Masche
Eigentlich hat man doch nur eine nette Nachricht von einem unbekannten Absender beantwortet. Oder ein bisschen mit der Dame geplaudert, die man angeblich von früher kennt und die man aufgrund einer Nachricht auf dem Anrufbeantworter zurückgerufen hat. Das böse Erwachen kommt dann in Form unerwarteter Rechnungen.
Wie kann man sich schützen?
Was ist passiert? Das BSI warnt davor, auf E-Mails, SMS oder Nachrichten auf dem Anrufbeantworter zu reagieren, deren Absender man nicht kennt. Bei SMS können sich demnach in den Nummern unsichtbare Codes verbergen, die unbemerkt zur Bestellung von Leistungen führen. Auch Flirtlines per SMS oder Telefon sind professionell darauf getrimmt, das Opfer lange in der Leitung zu halten oder es zum Versand möglichst vieler teurer Nachrichten zu bewegen. Sexuell verlockende E-Mails können auf Seiten leiten, die dann wiederum Nutzerdaten ausspähen oder auf denen man sich mit Schadsoftware infiziert. Also besser: Nicht antworten, sondern löschen oder einfach auflegen. Wer Opfer einer solchen Betrugsmasche geworden ist, sollte sich an die Bundesnetzagentur wenden und Strafanzeige erstatten, rät das BSI.
Foto: gms
"Big Brother" nennen einige der rund 220 Sirius-Mitarbeiter die Wählmaschine ihres Arbeitgebers, die dem Callcenter mit unbestechlicher Präzision den Takt vorgibt. Die unsichtbare Hand der Telefonanlage lotst jeden Anrufer automatisch zu der Kollegin, die gerade einen Schuldner verabschiedet hat. Geldeintreiben ist bei Sirius Taktarbeit. 120 000 Telefonate gehen jeden Monat durch die Drähte, 120 Gespräche schafft eine geübte Mitarbeiterin täglich, bevor sie zum Feierabend erschöpft das Headset abstreift. "Trotz dieser Fließbandmethode treffen unsere Leute individuelle Absprachen mit den Schuldnern", sagt Produktionsleiter Markus Krummen.
Der Ton, mit dem die Callcenter-Mitarbeiterinnen – bei Sirius ausschließlich Frauen – säumige Schuldner ansprechen, ist höflich, aber bestimmt. Sie löchern den Anrufer nach seiner finanziellen Situation und nageln ihn auf Termine für die Raten fest, mit denen er seine offenen Rechnungen abstottern soll. Halten sich die Kandidaten nicht daran, haken die Sirius-Mitarbeiter nach. Das Callcenter fährt Schichten, um auch abends bei den Schuldnern durchläuten zu können, wenn diese mit großer Wahrscheinlichkeit zu Hause erreichbar sind.
Geld durch Prävention
Die Sirius-Briefe zu ignorieren bringt den Schuldnern nichts. "Big Brother" läutet dann automatisch bei denjenigen durch, die bislang nicht reagiert haben. Um keinen Mitarbeiter unausgelastet in der Warteschleife zu lassen, stellt das System erst die Verbindung her, wenn der angewählte Schuldner tatsächlich abhebt.
Längst hat die Inkasso-Branche erkannt, dass sie auch mit Prävention Geld verdienen kann, statt Zechpreller erst nach Platzen der Rechnung zu verfolgen. Universum Inkasso aus Frankfurt ist stark in diesem Geschäft. "Gerade Online-Shops mit Prestigeprodukten brauchen ein hohes Maß an Risikoabsicherung", sagt Geschäftsführer Hermann Heinze. Vor allem Smartphones oder Tablet-Rechner, aber auch Markenparfüm oder Designersonnenbrillen zögen Betrüger und säumige Zahler an.
Detaillierte Prüfungen im Hintergrund
Um diese von ihrem Unwesen abzuhalten, durchleuchtet Universum die Kunden, ohne dass der Komfort bei der Bestellung leidet. So verlangen die Händler in ihren Orderschablonen von den Kunden, dass diese bei der Bestellung im Internet den Abgleich ihrer Personalien zulassen. Dann prüft Universum über seine Datenbanken blitzschnell, ob es den Besteller überhaupt gibt, ob er zuvor immer brav bezahlt hat und ob er sich die Ware leisten kann. Passen Name und Adresse des Kunden nicht zusammen oder entpuppt sich dieser als notorischer Zechpreller, wird der Kauf per Rechnung gar nicht erst angeboten.
"Wenn Kunden im Netz einkaufen, laufen im Hintergrund detaillierte Prüfungen, von denen sie nichts mitbekommen", sagt Ulrich Zabel von der Unternehmensberatung Steria Mummert. So kann es passieren, dass ein langjähriger Kunde nach einem Umzug plötzlich bei seinem Lieblingsshop im Internet im Voraus zahlen muss, obwohl dies zuvor problemlos per Rechnung funktionierte. Grund sind dann Informationen der angeschlossenen Wirtschaftsauskunft, die unter der neuen Postleitzahl des Bestellers viele Zahlungsausfälle registrierte.
Platz 10: Apple.com/de
Im Smartphone-Geschäft top, im Internethandel flop? Nicht ganz, allerdings landet Apple nur auf dem zehnten Platz im Ranking der größten Onlineshops in Deutschland. Das wertvollste Unternehmen der Welt aus Kalifornien macht im deutschen E-Commerce 2015 einen Umsatz von „nur“ 370 Millionen Euro.
Quelle: EHI Retail Institute
Foto: APPlatz 9: Alternate.de
Dieser Onlineshop ist hauptsächlich im Elektronikgeschäft tätig. Der Versandhändler für Hardware liegt, wie im Vorjahr, auf dem neunten Platz. Der deutschlandweite Umsatz lag 2015 bei 377 Millionen Euro.
Foto: ScreenshotPlatz 8: Conrad.de
Mit einem Umsatz von 433 Millionen Euro liegt der Elektronikversandhändler Conrad auch 2015 wieder auf dem achten Platz des Rankings. Das Unternehmen aus dem bayerischen Hirschau betreibt neben dem Onlineshop 25 Filialen in Deutschland.
Foto: ScreenshotPlatz 7: Tchibo.de
Das Internet-Geschäft von Tchibo läuft, dennoch verliert der Onlineshop einen Platz zum Vorjahr: 2015 erwirtschaftete Tchibo.de mit Kaffeeprodukten, Kleidung und Möbeln einen Umsatz in Höhe von 450 Millionen Euro und belegt damit den siebten Platz.
Foto: dpaPlatz 6: Bonprix.de
Die Otto-Tochter Bonprix wirbt mit günstigen Preisen für Damen-, Herren und Kindermode. Im Vergleich zum Vorjahr kann sich der Onlineshop um einen Platz verbessern und klettert 2015 auf Rang sechs – mit einem Umsatz in Höhe von 485 Millionen Euro.
Foto: ScreenshotPlatz 5: Cyberport.de
Cyberport ist auf Wachstumskurs. Nicht nur der stationäre Handel, auch das Online-Geschäft entwickelt sich positiv. Mit einem Umsatz in Höhe von 491 Millionen Euro in Deutschland konnte der Elektrohändler 2015 den fünften Rang, den er schon im Vorjahr belegte, verteidigen.
Foto: ScreenshotPlatz 4: Notebooksbilliger.de
Seit zwölf Jahren macht der Online-Händler Notebooksbilliger.de anderen Elektronikhändlern mit besonders günstigen Angeboten Konkurrenz – und das erfolgreich. Das Portal für Unterhaltungselektronik, Computer, Handys und Zubehör landet wie im Vorjahr auf Platz vier mit einem Umsatz von 611 Millionen Euro.
Foto: ScreenshotPlatz 3: Zalando.de
Dritter Rang auf dem Siegertreppchen für Zalando: Mit seinem Mode-, Schuh- und Accessoires-Sortiment hat das „Schrei vor Glück“-Unternehmen den Online-Handel kräftig aufgemischt. Acht Jahre nach der Firmengründung versendet der Onlineshop mehr als 55 Millionen Pakete im Jahr. Hierzulande erwirtschaftet Zalando 2015 einen Umsatz von rund einer Milliarde Euro.
Foto: dpaPlatz 2: Otto.de
Bereits seit 16 Jahren setzt die Hamburger Otto Group auf E-Commerce und hat mittlerweile eine führende Position erreicht. Mit einem Umsatz von 2,3 Milliarden Euro ist das Flaggschiff Otto.de bundesweit die Nummer zwei. Nur ein anderer Internet-Händler ist noch erfolgreicher...
Foto: dpaPlatz 1: Amazon.de
Amazon aus den USA ist der weltweit größte Online-Versandhändler mit einer breit gefächerten Produktpalette. Die Auswahl an Büchern, CDs und auch Kleidung ist groß. Im vergangenen Jahr lag der Umsatz des Onlineshops allein in Deutschland bei rund 7,8 Milliarden Euro.
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Erste Händler bedienen sich neuerdings filigraner Datenbanken und Filterprogramme, die das individuelle Verhalten der Kunden detailliert auswerten. Das erlaubt Lieferanten ganz neue Einblicke, mit denen sie Forderungsausfällen vorbeugen, ohne zuverlässige treue Kunden abzuschrecken. "Computerbastler, die ihre Elektronikbestellungen stets pünktlich zahlen, nehmen es mit den Rechnungen für ihre Klamotteneinkäufe vielleicht nicht ganz so genau", sagt Berater Zabel. Shops könnten sich auf diese Trödelei einstellen und Zahlungsweisen wie -fristen dem Kundenprofil anpassen.
Gegen Zechpreller, die aus der Unsitte einen Sport machen, helfen solche Strategien allerdings kaum. Mit dieser besonderen Klientel müssen sich die vier deutschen Mobilfunkbetreiber T-Mobile, Vodafone, E-Plus und O2 herumschlagen. Sie haben wie Otto in Hamburg ebenfalls eigene Taskforces aufgestellt.
Gruppenfahrt auf einer Karte
Denn seit das Smartphone-Geschäft explodiert, nimmt auch der Betrug zu. Immer mehr Kunden schließen mit gestohlenem Personalausweis Mobilfunkverträge ab, um auf diesem Weg ein preiswertes, weil hoch subventioniertes, Edelhandy zu ergattern. Zwar haben die Mobilfunkbetreiber einen sogenannten Fraud-Prevention-Pool eingerichtet, eine gemeinsame Datenbank, um dem Betrug vorzubeugen. Doch gegen den Trick mit dem geklauten Personalausweis ist das System machtlos. Denn in ihm landen die Klarnamen von Vertragsnomaden, die von Anbieter zu Anbieter ziehen, ohne ihre Rechnung zu begleichen. Immerhin sorgt diese Liste aber dafür, das sich die Forderungsausfälle – wie es bei den Unternehmen heißt – "im Promillebereich des Gesamtumsatzes" bewegen und zum Teil sogar rückläufig sind.
Gegen eine besonders perfide Methode der Zechprellerei kämpft die Deutsche Bahn. Ziel vieler Schnorrer ist das Angebot für Besitzer von Monatskarten, bei Fahrten am Wochenende bis zu vier Personen kostenlos mitnehmen zu dürfen. Zwar verbietet die Bahn, das Angebot geschäftsmäßig zu nutzen, doch das stört Schlepper nicht. Sie sammeln auf Bahnhöfen oder per Internet Mitreisende ein und nehmen sie zum Billigtarif mit. Ein Ticket etwa von Berlin nach Hamburg kostet regulär rund 70 Euro. Über Internet-Portale wie mitfahrgelegenheit.de wird die Strecke dagegen schon für 14 Euro angeboten. Hobby-Schlepper können bei reger Nachfrage mehrere Hundert Euro im Monat verdienen.
Preiserhöhung gegen Betrug
Die Deutsche Bahn kennt das Problem, hält die Zahl der Betrugsfälle aber bei den täglich Millionen von Bahnreisenden für "verschwindend gering". Dennoch dürften dadurch mehrere Millionen Euro pro Jahr an der Konzernkasse vorbei fließen. Der Konzern versucht nun mit seiner in der vergangenen Woche angekündigten Preiserhöhung, den Monatskartenbetrug einzudämmen. Das ist schlecht für ehrliche Kunden, denn künftig müssen drei der vier Mitfahrer Kinder sein.
Von Betrugsversuchen – etwa mit gefälschten Bahncards – bleibt die Bahn trotzdem nicht verschont. Besonders beliebt ist eine Kopie der Bahncard100, von ihren Besitzern auch "Schwarze Mamba" genannt und Stolz aller Vielfahrer. Sie garantiert freie Fahrt durch ganz Deutschland, einschließlich Nahverkehr. Es reicht, sie zu zücken, und die Schaffner lassen einen in Ruhe. Manche bringen daher sogar Plagiate aus ihrem Thailand-Urlaub mit. Vor genauen Kontrollen schreckt die Bahn zurück, um es sich mit ihren exklusiven Vielfahrer-Kunden nicht zu verscherzen.
Es gibt aber auch Fälle, da tragen Unternehmen durchaus dazu bei, dass Betrüger Erfolg haben – indem sie möglichst wenig Geld für die Logistik bezahlen wollen. So nutzen böswillige Zeitgenossen aus, dass Briefträgern oder Zustellern etwa der Otto-Tochter Hermes die Stoppuhr im Nacken sitzt, weil sie pro abgelieferter Sendung bezahlt werden. Deshalb schaut der eine oder andere Bote im Zweifel schon mal nicht so genau hin, wem er die Sendung übergibt. Ein beliebter Trick ist deshalb die Bestellung auf den Namen eines solventen Nachbarn mit festem Job, der zuverlässig außer Haus ist, wenn der Paketdienst erscheint.
Methoden hebeln Sicherheitsvorkehrungen aus
Betrüger passen den Überbringer dann vor der Haustür ab und geben sich als Besteller oder netter Nachbar aus, der das Paket für den Abwesenden gern annimmt. Der geprellte Versandhändler merkt das erst, wenn der Strohkunde die Rechnung zurückweist, weil er ja nichts bestellt und nichts erhalten hat. Die Methode ist einfach aber wirkungsvoll, denn sie hebelt die Sicherheitsschleusen der Shops aus.
Kleinere Versender verlangen deshalb zum Beispiel Bezahlung per Einzugsermächtigung. Doch auch dies schützt vor Langfingern nicht. Diese Erfahrung machte Alexander Brand, Geschäftsführer und Mitgründer des Versandportals windeln.de, das junge Eltern beliefert. "In den ersten zwei bis drei Wochen hatten wir bei 15 Prozent der Bestellungen Zahlungsausfälle", sagt Brand. Manche Kunden waren schlicht so dreist und gaben fremde Kontonummern und Bankleitzahlen an.
Brand erkannte die Masche, als der Kassenwart eines Schützenvereins im Ruhrgebiet erbost die Abbuchung für einen nie erhaltenen Kinderwagen zurückforderte. Der Betrüger hatte die Bankverbindung des Vereins auf dessen Homepage gefunden und sich den teuren Kinderwagen von windeln.de im Wert von 500 Euro liefern lassen.
Der geprellte Windel- und Schnullerverkäufer hat seinen Shop daher an die Datenbank eines Wirtschaftsauskunftsdiensts gekoppelt. Anbieter solcher Dienste sind Bürgl, Infoscore, die Schufa oder Creditreform. Brand wird jetzt alarmiert, wenn Bestellungen etwa aus Wohngebieten eintreffen, in die erfahrungsgemäß sehr häufig Mahnungen verschickt werden. Der Erfolg der Checks ist unübersehbar. "Wir haben die Zahlungsausfälle beim Lastschriftverfahren auf ein Prozent reduziert", sagt der Unternehmer.
Schlechte Zahlungsmoral lässt Kassen klingeln
Die Zechprellerei und die Jagd auf die Übeltäter machen inzwischen vor keiner Branche mehr halt. Das Düsseldorfer Unternehmen Adelta etwa lebt vom Verfall der Zahlungsmoral im Angesicht des Todes. Die Rheinländer sind Marktführer bei der Abwicklung offener Forderungen von Bestattern. Was bei Ärzten längst üblich ist, die Zahlungsabwicklung an externe Dienstleister abzugeben, hat Adelta auf das Sterbewesen übertragen. Die Meister des Sepukral-Geschäfts haben sogar eine Tochter namens GrabmalFinanz, die für Steinmetze das Geld eintreibt, wenn die Hinterbliebenen mit der Überweisung zögern.
Das Geschäft des Abwicklungs-Exoten floriert. Denn Angehörige drücken sich immer häufiger um die Kosten der letzten Ruhe, seit die Krankenkassen kein Sterbegeld mehr zahlen. Machte Adelta 2007 erst 15 Millionen Euro Umsatz, sollen es in diesem Jahr 132 Millionen Euro werden – rund neunmal so viel. Das Geschäft scheint krisensicher. Je ärmer die Rentner werden, die ihresgleichen unter die Erde bringen, desto mehr dürfte bei Adelta die Kasse klingeln.