Dow-Chemical-Manager: Wasserstoffspeicher, groß wie der Kölner Dom
Ralf Brinkmann, Deutschland-Chef des US-Chemieriesen Dow Chemical: "Füllen wir nur eine Kaverne mit Wasserstoff, genügt das, um 480.000 Haushalte einen Monat lang mit Strom zu versorgen."
Foto: Wirtschaftswoche Print
Herr Brinkmann, haben Sie Angst vor den nächsten Monaten?
Brinkmann: Wieso sollte ich?
Sie sind mit Dow einer der größten Stromverbraucher in Deutschland, und sowohl Bundesumweltminister Peter Altmaier als auch Wirtschaftsminister Philipp Rösler wollen energieintensive Industrien jetzt stärker an der Energiewende beteiligen. Erschreckt Sie das?
Ja, denn wir sind bei den Strompreisen schon jetzt am Limit. Der Anteil der Energiekosten an unseren Herstellungskosten ist, verglichen mit anderen Industrien, besonders hoch. Das Umweltministerium nimmt an, wir würden von niedrigen Börsenstrompreisen profitieren und hätten noch ungenutzte Effizienzpotenziale. Beides ist falsch. Tatsächlich sind die Kosten für die langfristigen Lieferverträge, mit denen wir arbeiten müssen, gestiegen. Und in der chemischen Industrie haben wir heute schon die energieeffizientesten Anlagen und die beste Rohstoffausbeute – da geht kaum noch etwas.
Halten Sie das Prinzip für falsch, die Last der Energiewende auf alle zu verteilen?
Die Finanzierung der Energiewende ist ohne Frage eine schwierige Aufgabe. Ich muss aber deutlich sagen: Für die energieintensiven Unternehmen sind Eingriffe in die bestehende Regelung existenzgefährdend. Dow zahlt jetzt schon einen dreistelligen Millionenbetrag für Energie. Jeder Aufschlag geht zulasten der Wettbewerbsfähigkeit.
Sie wollen sich also nicht stärker an den Kosten der Energiewende beteiligen?
Wir sind doch schon jetzt stark beteiligt: Der EU-Emissionshandel, das Energiesteuergesetz, das Erneuerbare-Energien-Gesetz und das Kraft-Wärme-Kopplungs-Gesetz haben die deutsche Chemieindustrie im vergangenen Jahr mit mehr als 1,1 Milliarden Euro belastet.
Ist Dow in Deutschland überhaupt noch konkurrenzfähig? Was sagt Ihre Konzernspitze in den USA zur Energiewende?
Natürlich machen sich die Kollegen in der Zentrale Gedanken, wie wettbewerbsfähig ihre Standorte sind. Vor allem bei den derzeit sehr niedrigen Preisen für Strom und Gas in den USA und im Mittleren Osten. Wenn ich eine Investition in Deutschland plane, dann kommen ganz konkrete Fragen nach den langfristigen Rahmenbedingungen.
Was konkret wollen Ihre Chefs wissen?
Zum Beispiel, wie sich die Strompreise in Deutschland entwickeln und ob es genug Leitungen gibt, um den Strom von den Erzeugern zu den Verbrauchern zu bringen. Wenn wir über eine für den globalen Markt ausgelegte Chemieanlage reden, kostet die schnell eine halbe Milliarde Euro. Für solche Investitionen will die Zentrale Planungssicherheit.
Wie Dow Chemical erneuerbare Energien speichern will (zum Vergrößern bitte anklicken).
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Also haben Sie doch Angst vor den kommenden Monaten?
Angst ist das falsche Wort. Aber nach den Ankündigungen aus dem Umweltministerium sind wir in Sorge. Was mich trotzdem optimistisch stimmt: Die Politik will die produzierende Industrie in Deutschland halten. Das hören wir aus den Parteien, und darauf müssen wir uns auch verlassen können. Aber wir wollen nicht nur von der Politik fordern. Wir fragen uns auch, was wir als Chemieunternehmen zur Energiewende beitragen können.
Und was wäre das zum Beispiel?
Unsere Produkte machen Solaranlagen und Windräder effizient, sie senken den Energieverbrauch von Häusern, ermöglichen leichtere Autos und spielen eine wichtige Rolle bei der Elektromobilität. Nachhaltige Entwicklung und Klimaschutz sind für uns wichtige Ziele. Außerdem arbeiten wir an unserem Standort in Stade nahe Hamburg gerade an einem der wichtigsten Pfeiler der Energiewende: einem großen Wasserstoffspeicher, der die Versorgung mit grünem Strom aus Wind und Sonne sichern kann.
Sie wollen erneuerbare Energie in Wasserstoff umwandeln?
Wasserstoff ist ein ausgezeichneter Energieträger und lässt sich mit Strom aus Wasser erzeugen. Das geschieht per Elektrolyse – einem in der Chemieindustrie seit Jahrzehnten praktizierten Verfahren. Jetzt haben wir uns mit Industriepartnern zusammengetan, um zu prüfen, wie wir diesen Prozess bald auch mit überschüssigem Windstrom aus Norddeutschland und künftig auch Offshore-Windparks betreiben können. Der so erzeugte Wasserstoff lässt sich dann bei Bedarfsspitzen in Brennstoffzellen oder Gasturbinen in Strom zurückverwandeln.
In der Theorie mag das klappen. Aber wo wollen Sie den Wasserstoff lagern?
Wir nutzen in der Nähe von Stade einen riesigen Salzstock, aus dem wir Sole für unsere chemischen Prozesse fördern. Dabei entstehen unterirdische Kavernen, deren Volumen etwa dem des Kölner Doms entspricht. Füllen wir nur eine davon mit Wasserstoff, genügt das, um 480 000 Haushalte einen Monat lang mit Strom zu versorgen. So gibt es künftig auch bei Flaute Windstrom.
Und die Kavernen sind sicher? Immerhin ist Wasserstoff sehr flüchtig.
Salzgestein ist besonders dicht gegen Gase, das gilt auch für Wasserstoff. Sowohl in Großbritannien als auch in den USA werden seit vielen Jahren Salzkavernen zuverlässig als Wasserstoffspeicher genutzt. Und auch in Deutschland dienen die unterirdischen Hohlräume als Erdgasspeicher, und zwar akzeptiert von der breiten Mehrheit der Bevölkerung. Davon abgesehen ist es heute natürlich bei allen Großprojekten entscheidend, die Menschen von vornherein umfassend zu informieren und das Gespräch zu suchen.
Experten kritisieren Wasserstoffspeicher als ineffizient, weil rund 70 Prozent der Energie beim Umwandeln verloren gehen.
Was ist die Alternative? Derzeit müssen die Betreiber Windparks vom Netz nehmen, wenn die Nachfrage zu gering ist. Trotzdem erhalten sie Vergütung für den nicht erzeugten Strom. Statt die Energie verpuffen zu lassen, sollte man sie besser speichern – auch wenn dabei ein großer Teil der Energie verloren geht.
An sonnigen und windigen Tagen wird durch die Ökoanlagen mehr Strom erzeugt als benötigt. Deshalb purzeln die Preise an der Strombörse. Die Netzbetreiber müssen den Ökostrom zu einem staatlich festgelegten Preis abnehmen. Den Subventionsanteil stellen sie den Stromkunden in Rechnung (Erneuerbare-Energien-Gesetz-Umlage). Darum steigt der Strompreis für Privathaushalte.
Foto: dpa1. Ausnahmeregel
Hatten für 2012 nur 813 Unternehmen einen Antrag auf Befreiung von der Ökoumlage gestellt, waren es für 2013 bereits 2057. Die steigenden Kosten der Energiewende zahlen so vor allem Mittelstand und private Verbraucher.
Foto: dapd2. Entschädigungen
36.000 Liter Diesel verheizt RWE monatlich im Offshore-Windpark Nordsee Ost, statt sauberen Strom zu produzieren. Nur so kann RWE Entschädigung für den fehlenden Netzanschluss fordern.
Foto: dpa3. Risikobefreiung
Unternehmen haften für Investitionsrisiken? Nicht so bei Offshore-Windparks. Der Verbraucher bezahlt hier das unternehmerische Risiko, mit einer Haftungsumlage von 0,25 Cent je Kilowattstunde, zehn Euro pro Jahr und Durchschnittshaushalt.
Foto: dpa4. Anreizfehler
Werden Windanlagen abgeschaltet, weil das Netz überlastet ist, muss der Netzbetreiber nicht abgenommenen Windstrom bezahlen. Das soll ihn animieren sein Netz auszubauen. Er legt die Kosten einfach auf den Strompreis um.
Foto: dpa5. Kabelengpässe
Es gibt nicht genug Kabel für die Anbindung von Offshore-Windparks, weil die drei möglichen Lieferanten die Nachfrage lieber über mehrere Jahre strecken wollen, als einen kurzen Boom zu erleben.
Foto: dpa6. Finanzanlagen
Früher hätte niemand ein Kraftwerk gebaut, wenn dies keinen Netzanschluss hat. Heute ist erneuerbare Energie ein Finanzanlagemodell. Die Rendite kommt auch ohne Anschluss.
Foto: dpa7. Umwege
Da innerdeutsche Nord-Südtrassen fehlen, fließt Strom via Ostdeutschland, Polen, Tschechien und Österreich nach Süddeutschland. Die Nachbarn erwägen nun, Leitungen aus Deutschland zu kappen.
Foto: dapd8. Tricksereien
Konzerne gründen die Energieversorgung in Töchter aus, um sich von der EEG-Umlage befreien zu lassen. Die Töchter sind plötzlich energieintensive Unternehmen. Andere vergeuden absichtlich Strom, um den gesetzlichen Grenzwert zu überschreiten, ab dem sie sich von der Umlage befreien lassen können.
Foto: dpa9. Kundenflucht
740 Stromanbieter haben in diesem Jahr schon ihre Preise erhöht, 74 weitere Energieunternehmen ziehen im Februar und März nach. Zwei Millionen Verbraucher haben zwischen November 2012 und Januar 2013 den Stromanbieter gewechselt, mehr als jemals zuvor. Meist flüchten sie zu Billiganbietern mit geringem Ökostromanteil.
Foto: dpa10. CO2-Zertifikate
30 Gaskraftwerke legt E.On jetzt still. Denn zurzeit können alte Dreckschleudern wie Öl- und Kohlekraftwerke am billigsten produzieren. Grund ist der Preisverfall bei CO2-Zertifikaten.
Foto: dpa11. Pumpspeicher
Für die Energiewende eigentlich dringend notwendige Pumpspeicherwerke müssen EEG-Umlage zahlen. So sind sie nicht mehr rentabel. Vattenfall droht, Pumpspeicher zu schließen.
Foto: dpa/dpaweb12. Doppelbelastung
Steuern und Abgaben machen heute fast die Hälfte des Strompreises aus. Eine Beispielrechnung:
4,60 Cent Mehrwertsteuer (19%) + 2,05 Cent Stromsteuer + 1,79 Cent Konzessionsabgabe + 5,277 Cent EEG-Umlage + 0,126 Kraftwärmekopplung-Umlage + 0,329 Cent Umlage gemäß § 19 StromNEV + 0,25 Cent Offshorehaftungsumlage + 8,24 Cent Beschaffung, Vertrieb, Dienstleistungen, Gewinn + 5,93 Cent Regulierte Netzentgelte = 28,50 Cent/kWh
Foto: dpa13. Behördenbefreiung
Manche Bundesbehörde und Bundesunternehmen sind von der EEG-Umlage befreit, obwohl sie nicht im internationalen Wettbewerb stehen oder Jobs in Gefahr sind.
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Wie hoch sind die Kosten für das Projekt?
Wir sind noch in der Entwicklungsphase, aber refinanzieren lässt sich so ein Speicher nur über Börsenstrompreise kaum. Mit der Sicherung der Netze und der Stromversorgung bieten wir aber einen extra Nutzen. Der sollte entsprechend vergütet werden. Da ist wiederum die Politik gefragt.
Mit Ihrem Kavernenspeicher hätten Sie schlagartig eines der größten Energielager in Deutschland. Wann starten Sie?
Wir müssen die Wasserelektrolyse für diese konkrete Anwendung auslegen. Die Kaverne ist bereit, die nutzen wir schon jetzt als Gasspeicher. Die Technik, für den Wasserstoffeinsatz, prüfen wir derzeit. Wenn wir 2018 starten, passt das gut in den Zeitplan der Energiewende.
Zugleich aber planen Sie ein eigenes Kohlekraftwerk in Stade, das den Standort energieautark macht. So ganz scheinen Sie dem grünen Umbau der Stromversorgung also nicht zu trauen, oder?
Dieses Projekt hat mit den gestiegenen Preisen für langfristige Stromlieferverträge zu tun. Wir dürfen uns nichts vormachen: Energie ist inzwischen in den USA und am Persischen Golf so billig, dass es bald günstiger ist, chemische Produkte dort zu produzieren und sie dann nach Deutschland zu verschiffen, als sie hier vor Ort herzustellen. Da ist ein eigenes Kraftwerk grundsätzlich ein gutes Argument für einen Standort. Allerdings müssen wir jetzt natürlich prüfen, ob das auch dann noch gilt, wenn die Pläne des Umweltministeriums umgesetzt werden.
Ihre Begeisterung für den grünen Wasserstoff und ein schmutziges Kohlekraftwerk – wie passt das zusammen?
Widerspruch! Unser geplantes Industriekraftwerk würde zu den saubersten seiner Art gehören. Zumal wir dort auch Gas und Biomasse verfeuern könnten. Aber richtig ist auch: Wir können auf Kohle nicht verzichten, weil sie derzeit der konkurrenzfähigste und auf lange Sicht der kostengünstigste Energieträger ist. Und das Risiko, nur auf einen Energieträger zu setzen, wollen wir nicht eingehen.
Die Grünen fordern inzwischen einen Kohleausstieg bis 2030; schlechte Aussichten für Ihr Projekt. Sind 100 Prozent Erneuerbare realistisch?
Da habe ich meine Zweifel. Am Ende werden wir einen gesunden Mix mit einem klaren Schwerpunkt bei regenerativen Energien haben. Wenn wir die produzierende Industrie im Land behalten wollen, können wir auch in Zukunft nicht auf effiziente Industriekraftwerke verzichten, die jederzeit günstigen Strom bereitstellen. Kohle und Wasserstoffspeicher – wir brauchen beides.