Nigeria-Connection: Der Fall Bilfinger: Schaden ohne Ersatz
Wenn es nach Vorstandschef Roland Koch und dem Aufsichtsrat geht, werden die Aktionäre des Bau- und Dienstleistungskonzerns auf dem zweistelligen Millionenschaden sitzen bleiben.
Foto: dpaSamuellson und die Managerhaftpflichtversicherungen des Konzerns ersetzen eine Teil des Schadens in dreistelliger Millionenhöhe, der MAN dadurch entstand, dass in der Ära Samuelsson der Verkauf von MAN-LKW und MAN-Bussen im Ausland systematisch mit Schmiergeld gefördert worden war. Ein Kompromiss sieht vor, dass der Schwede, der jetzt Volvo-Chef ist, persönlich 1,25 Millionen Euro zahlen soll und die D & O-Versicherungen 50 Millionen Euro übernehmen. Die nächste MAN-Hauptversammlung muss das noch absegnen.
Platz 10: FCC SA
Das spanische Unternehmen entstand 1992 aus der Fusion der beiden Traditionsunternehmen Construcciones y Contratas und Fomento de Ombras y Construcciones. Aktuell beschäftigt der Konzern rund 80.000 Mitarbeiter.
Umsatz 2012: 11,2 Milliarden Euro
*laut der EPoC 2012-Studie von Deloitte
Foto: APPlatz 9: Strabag SE
Der österreichische Baukonzern Strabag beschäftigt fast 74.000 Mitarbeiter. 80 Prozent der Leistung erwirtschaftet Strabag in Österreich, Deutschland, Ungarn, Tschechien, der Slowakei, Polen, Rumänien und der Schweiz.
Umsatz 2012: 13 Milliarden Euro
Foto: dpaPlatz 8: COLAS SA
Der französische Konzern hat sich auf Straßen- und Schienenbau spezialisiert. Der Name des Konzerns, für den 73.600 Menschen arbeiten, setzt sich aus den englischen Wörtern "cold" und "asphalt" zusammen.
Umsatz 2012: 13 Milliarden Euro
Foto: dpaPlatz 7: Balfour Beatty Plc
Der britische Konzern feierte 2009 seinen hundertsten Geburtstag. Heute ist Balfour Beatty in mehr als 80 Ländern der Welt unterwegs.
Umsatz 2012: 13,4 Milliarden Euro
Foto: APPlatz 6: Eiffage SA
Der französische Konzern beschäftigt 70.000 Mitarbeiter - davon 85 Prozent im Heimatland selbst. Im Süden Frankreichs hat Eiffage 2004 die mit 2460 Metern längste Schrägseilbrücke der Welt eröffnet. Sie besitzt eine maximale Pfeilerhöhe von 343 Meter.
Umsatz 2012: 14 Milliarden Euro
Foto: APNPlatz 5: Skanska AB
Die schwedische Skanska macht 89 Prozent ihres Umsatzes im Baugewerbe. Mit 57.000 Mitarbeitern ist der Konzern vor allem in Europa, den USA und Lateinamerika vertreten. Die größten Anteile an der Aktiengesellschaft halten Industrivärden, Lundberg Group und Alecta.
Umsatz 2012: 14,9 Milliarden Euro
Foto: dpa/dpawebPlatz 4: Hochtief AG
Viele Bauprojekte der deutschen Aktiengesellschaft sind wohlbekannt. Der Essener Konzern baute das Wahrzeichen der Zeche Zollverein, den Führerbunker und verlegte in den 1960er Jahren ägyptische Tempel, um sie vor der Zerstörung durch einen Stausee zu retten. 2011 stieg der spanische Konzern ACS als Großaktionär bei Hochtief ein. Die feindliche Übernahme war nicht mehr abzuwenden. Er hält mittlerweile mehr als 50 Prozent der Anteile. Für Hochtief arbeiten 80.000 Menschen.
Umsatz 2012: 25,5 Milliarden Euro
Foto: dpaPlatz 3: Bouygues SA
Die Nummer drei unter Europas größten Baukonzernen kommt ebenfalls aus Frankreich. Der Konzern wurde 1952 gegründet. Heute ist Bouygues in mehr als 80 Ländern der Welt präsent.
Umsatz 2012: 33,5 Milliarden Euro
Foto: dpaPlatz 2: ACS SA (Actividades de Construcciones y Servicios)
Bekannt geworden sind die Spanier in Deutschland durch die feindliche Übernahme des Hochtief-Konzerns (Platz 4). Mehr als zwei Drittel der rund 160.000 Beschäftigten sind Spanier. In seinem Heimatland macht das Unternehmen allerdings nur sechs Prozent seines Umsatzes. Mehr als die Hälfte des Umsatzes generiert die Firma in Asien.
Umsatz 2012: 38,4 Milliarden Euro
Foto: APPlatz 1: Vinci SA
Sieger im Deloitte-Ranking 2012 ist der französische Vinci-Konzern. Seit 1988 gibt es die Firma auch in Deutschland. 2012 waren die insgesamt 176.500 Mitarbeiter der Gruppe in rund 100 Ländern tätig. In Frankreich gehören dem Konzern mehr als die Hälfte aller Autobahnkonzessionen.
Umsatz 2012: 38,6 Milliarden Euro
Foto: dpa
Beim M-Dax-Mitglied Bilfinger läuft das krass anders. Wenn es nach Vorstandschef Roland Koch und dem Aufsichtsrat geht, werden die Aktionäre des Bau- und Dienstleistungskonzerns auf dem zweistelligen Millionenschaden sitzen bleiben, der entstand, weil frühere Geschäfte in Nigeria doch nicht so sauber waren wie der Öffentlichkeit immer weis gemacht wurde.
Ex-Bilfinger-Chef Herbert Bodner, der das Unternehmen, das damals noch Bilfinger Berger hieß, von 1999 bis 2011 führte und im April 2013 in den Aufsichtsrat kam, erweckte stets den Eindruck, die Risiken in dem westafrikanischen Land im Griff zu haben – obwohl Nigeria im Korruptionsindex von Transparency International immer auf einem der schlechtesten Plätze stand. Dabei blieb Bodner auch trotz der Ermittlungen wegen eines Pipeline-Projekts, das die ehemalige Bilfinger-Beteiligungsgesellschaft Gas and Oil Services Nigeria in einem Joint Venture mit einem amerikanischen Unternehmen ausgeführt hatte. Im WirtschaftsWoche-Interview wischte der Österreicher im Herbst 2010 skeptische Fragen dazu vom Tisch: Er habe bei Bilfinger „ein Compliance-System eingeführt, also eine Struktur, die Korruption im Geschäft unterbindet“. Auch Julius Berger – Bilfingers nigerianische damalige 49-Prozent-Tochter – habe ein Compliance-System. Das heiße zwar nicht, so Bodner damals, „dass es in Nigeria keine Korruption gäbe. Aber nicht bei Julius Berger“.
Dabei war Julius Berger mit damals 18.000 Mitarbeitern Nigerias größter privater Arbeitgeber und galt als Machtzentrale, die sich sogar um die medizinische Behandlung des früheren Staatschefs Umaru Yar’Adua gekümmert haben soll. Schmiergeldvorwürfe gab es immer wieder, nur kein Urteil. Auch Ermittlungen wegen Korruption und Geldwäsche gegen drei deutsche Berger-Manager endeten im Herbst 2010 mit einem Vergleich: Julius Berger zahlte 29,5 Millionen Dollar in Nigerias Staatskasse.
Drei Jahre später gibt der Mannheimer Dienstleistungs- und Baukonzern nun in der vergangenen Woche bekannt, dass er sich mit dem US-Justizministerium wegen Bestechungszahlungen im Jahr 2003 auf eine Geldbuße von 23,3 Millionen Euro geeinigt hat und sein Compliance-System 18 Monate lang unter Oberaufsicht eines unabhängigen Beraters verbessern wird.
Dussmann Service Deutschland GmbH
Der Berliner Dienstleister Dussmann Group ist im Geschäftsjahr 2013 erneut gewachsen – zum zehnten Mal in Folge. Der weltweite Gesamtumsatz wuchs um 6,6 Prozent oder 114 Millionen Euro. Im Jahr 2012 lag der weltweite Gesamtumsatz noch bei 1,73 Milliarden Euro. Dieses Wachstum wurde organisch sowie durch Zukauf eines Kältetechnik-Unternehmens erzielt.
Gesamtumsatz in Mio. € (Umsatz in Deutschland): 1.843,0 € (1.165,0 €)
Mitarbeiterzahl in Deutschland: 29.804
Foto: Presse10. Piepenbrock Facility Management GmbH & Co. KG
Gesamtumsatz in Mio. € (Umsatz in Deutschland 2012): 409,8 € (Vorjahr: 404,0 €)
Mitarbeiterzahl in Deutschland: 25.911
Quelle: Lünendonk-Liste: Führende Facility-Service-Unternehmen in Deutschland 2012
Foto: Presse9. Gegenbauer Holding SE & Co. KG
Gesamtumsatz in Mio. € (Umsatz in Deutschland): 430,0 € (Vorjahr: 417,9 €)
Mitarbeiterzahl in Deutschland: 14.958
Foto: Presse8. Cofely Deutschland GmbH
Gesamtumsatz in Mio. € (Umsatz in Deutschland): 446,0 € (426,0 €)
Mitarbeiterzahl in Deutschland: 1.767
Foto: Presse7. Vinci Facilities Deutschland GmbH
Gesamtumsatz in Mio. € (Umsatz in Deutschland): 500,0 € (431,0 €)
Mitarbeiterzahl in Deutschland: 1.800
Foto: Presse6. Sodexo Beteiligungs B.V. & Co. KG
Gesamtumsatz in Mio. € (Umsatz in Deutschland): 701,2 € (478,5 €)
Mitarbeiterzahl in Deutschland: 17.100
Foto: dapd5. Hochtief Solutions AG
Gesamtumsatz in Mio. € (Umsatz in Deutschland): 700,0 € (592,0 €)
Mitarbeiterzahl in Deutschland: 4.100
Foto: dapd4. Compass Group Deutschland GmbH
Gesamtumsatz in Mio. € (Umsatz in Deutschland): 667,0 € (667,0 €)
Mitarbeiterzahl in Deutschland: 16.500
Foto: Presse3. Wisag Facility Service Holding GmbH & Co. KG
Gesamtumsatz in Mio. € (Umsatz in Deutschland): 753,1 € (721,1 €)
Mitarbeiterzahl in Deutschland: 25.853
Foto: Presse2. Strabag Property and Facility Services GmbH
Gesamtumsatz in Mio. € (Umsatz in Deutschland): 960,0 € (872,0 €)
Mitarbeiterzahl in Deutschland: 9.400
Foto: AP1. Bilfinger Facility Services GmbH
Gesamtumsatz in Mio. € (Umsatz in Deutschland): 1.643,0 € (1.132,0 €)
Mitarbeiterzahl in Deutschland: 11.500
Quelle: Lünendonk-Liste: Führende Facility-Service-Unternehmen in Deutschland 2012
Foto: dapd
Das Schuldeingeständnis versteckt das Unternehmen in einem Nebensatz: wegen „eingeräumter Verstöße gegen den US-amerikanischen Foreign Corrupt Practices Act (FCPA)“ habe Bilfinger „diese Vorgänge aus lang zurückliegender Vergangenheit“ nun abgeschlossen. Für die Kröten, die der Konzern bei dem Kompromiss schluckt, setzt die US-Behörde das gegen Bilfinger eingeleitete Verfahren für drei Jahre aus. Wirklich beendet ist die Affäre also – wenn alles gut geht bei der Compliance-Kontrolle – frühestens 2016: „Nach Erfüllung der Auflagen“ wird das ausgesetzte Verfahren dann „endgültig eingestellt“.
Koch widerlegt mit dem Schuldeingeständnis gegenüber dem US-Justizministerium den Vorgänger und Aufseher Bodner. Gleichzeitig hat Bilfinger aber entschieden, gegenüber Bodner und anderen früheren Führungskräften in diesem Zusammenhang „keine Schadenersatzforderungen zu erheben“, erfuhr die WirtschaftsWoche auf Anfrage. Bilfinger teilte dazu mit, „sachkundige juristische Berater“ beurteilten nach deutschem Arbeitsrecht „die Erfolgsaussichten eines Regresses bei hohen Kosten als sehr gering“. Ansprüche gegen die Managerhaftpflicht-Versicherungen kämen „nicht in Betracht“. Wer die sachkundigen Berater sind und wie stichhaltig die juristische Argumentation, bleibt offen.
Die Deutsche Schutzvereinigung für Wertpapierbesitz (DSW) will den lapidaren Forderungsverzicht nicht akzeptieren und erwägt, bei der Bilfinger-Hauptversammlung im April 2014 „eine Sonderprüfung der Bilfinger-Nigeria-Geschäfte zu beantragen und so für die notwendige Transparenz zu sorgen“. DSW-Hauptgeschäftsführer Marc Tüngler sagt gegenüber wiwo.de: „Das Thema ist für uns noch nicht beendet. Durch die Entscheidung, keine Ersatzforderungen geltend zu machen, müssen sich die derzeitigen Aufsichtsräte fragen lassen, warum die Aktionäre für einen Fehler des damaligen Managements eine Millionenstrafe zahlen sollen. Notfalls müssen die Aktionäre hier selbst für Aufklärung sorgen, wenn die Geltendmachung von Schadenersatzansprüchen gegen ehemalige Vorstände und Aufsichtsräte weiterhin unterbleibt.“
Man darf gespannt sein, was dabei herauskommt.
Koch geht inzwischen auf Distanz zu Nigeria. „Im Zuge seiner strategischen Ausrichtung auf Engineering und Services hat Bilfinger im Jahr 2012 die Beteiligungen im Nigeriageschäft deutlich reduziert“, teilt der Bilfinger-Chef mit. Den Anteil an der Julius Berger Nigeria PLC (JBN) mit Sitz in Abuja habe der Konzern auf rund 33 Prozent reduziert. Außerdem habe Bilfinger 90 Prozent der Anteile der Julius Berger International GmbH mit Sitz in Wiesbaden an die JBN verkauft.
Aber der Ex-Politiker hält den Schulterschluss zu Bodner. Dabei muss er sich der Sache sehr sicher sein. Denn wenn Verantwortliche in einem Unternehmen es versäumen, mögliche Forderungen des Unternehmens einzutreiben, haften sie nach geltender Rechtslage selber für den wiederum dadurch entstehenden Schaden.