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Studie „Gesellschaft 5.0“ Eine To-do-Liste für Deutschland

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Japan macht vor, wie es geht

Christian Böllhoff ist Geschäftsführender Gesellschafter von Prognos. Quelle: Prognos AG - FOTOS Koroll

Könnten Sie diese Doppelrolle an einem Beispiel veranschaulichen?

Böllhoff: Nehmen wir das Beispiel Migration und Integration: Deutschland ist ein Einwanderungsland und wird es amtlichen Prognosen zufolge bleiben. Das ist ein zentraler Bestimmungsfaktor für die demografische Entwicklung hierzulande, denn Migration kann die Alterung der Bevölkerung und Engpässe auf dem Arbeitsmarkt abfedern. Die Digitalisierung ist neben wirtschaftlichen, politischen und sozialen Ursachen eine Triebfeder globaler Mobilität. Smartphones und andere digitale Endgeräte eröffnen für viele Migranten neue Möglichkeiten und Perspektiven – vor, während und nach der Reise. Genauso bietet sie enorme Chancen für die Integration. Das gilt sowohl für den Informationsaustausch zwischen Zuwanderern und der öffentlichen Verwaltung als auch für die Einbindung der Zuwanderer in Gesellschaft und Arbeitsmarkt. Im digitalen Zeitalter eröffnen sich enorme Chancen, deutsche Arbeitgeber und wanderungswillige Fachkräfte zusammenzuführen.

Schulte: Die digitale Inklusion in den Arbeitsmarkt ist aber nicht nur bei der Zuwanderung von Bedeutung. Die Veränderungen der Arbeitswelt sind tiefgreifend und beeinflussen zwangsläufig, wie die Menschen in der Gesellschaft 5.0 ihren Lebensunterhalt finanzieren. Die Anforderungen an die Kompetenzen der Arbeitnehmer verändern sich rasant und kontinuierlich. Das Bildungssystem muss diesen Weg proaktiv mitgehen und den frühen Aufbau von Digitalkompetenz und lebenslanges Lernen erlauben.

Was bedeutet das konkret?

Schulte: Was die Erstausbildung betrifft, so müssen in Schulen moderne IT-Infrastruktur und gemeinsame Cloud-Lösungen eingerichtet werden, wie der entsprechende Digitalpakt es erfordert. Auf den Lehrplänen müssen sich zu Mathematik und Sprachen Fächer wie Informatik und Digitale Wirtschaft und Gesellschaft gesellen, so dass Schüler frühzeitig digitale Eigenverantwortlichkeit entwickeln. Jedoch nochmals: Es geht nicht nur um die Erstausbildung - sondern auch darum, den im Erwerbsleben Stehenden zu helfen, auf dem jeweils aktuellen Stand der Digitalen Technologien und Leistungsangebote zu verbleiben. Ein funktionierendes Bildungskonzept ist nötig, damit sich die Gesellschaft nicht in Onliner und Nonliner aufspaltet.

Was macht die Digitalisierung aus Ihrer Sicht erfolgreich?

Schulte: Zunächst einmal bedarf es Zugriff auf die Technologien, die für den Digitalen Wandel stehen. Die Diskussionen rund um die Wettbewerbsfähigkeit ganzer Regionen in Deutschland bedingt durch unzureichende Zugriffe auf schnelle Internetverbindungen zeigt dies sehr anschaulich auf. Für den Erfolg der Digitalisierung sind Menschen jedoch wichtiger als Technologien. Das zeigt die Arbeit im Unternehmen und das unterstreichen auch die Ergebnisse der Studie. Hier geht es um den Zugriff auf Talente und deren kontinuierliche Weiterentwicklung – qualitativ und quantitativ. Und: Es geht um die Adaption einer digitalen Kultur.

Haben Sie dafür ein Beispiel?

Schulte: Ein wesentliches Versprechen der Digitalisierung ist, dass angebotene Produkte und Dienstleistungen fehlerfrei funktionieren – wir sprechen von einer Fehlertoleranz von Null. Am Beispiel autonomes Fahren wird dies sehr anschaulich. Während diese Fehlertoleranz Voraussetzung für die weiter zunehmende Digitalisierung und das Vertrauen in neue Produkte ist, muss sie jedoch direkt verknüpft sein mit einer Fehlerkultur in einem Unternehmen oder einer Behörde, die das Experimentieren mit dem Ziel der Innovation fördert. Diese Kultur auszugestalten und vorzuleben ist Aufgabe des Managements. Digitalisierung und der damit eng verknüpfte Umbruch der Arbeitskultur ersetzen somit nicht Führung – ganz im Gegenteil: Digitale Führung ist Voraussetzung für einen erfolgreichen Digitalen Wandel.

Wie zuvor andere industrielle Revolutionen, begleiten auch die Digitalisierung diffuse Ängste und Befürchtungen. Das betrifft ganz besonders die digitale Transformation des Arbeitsmarktes. Welche Schlüsse können Zweifler aus der Studie ziehen?

Schulte: Wir brauchen zunächst einen chancenorientierten Ansatz und dazu gehört auch eine Risikoabwägung. Erkennen wir die Möglichkeiten und den konkreten Nutzen der Digitalisierung, sind wir auch bereit, den Aufwand zur Risikominimierung zu tragen. Aspekte wie Datenschutz, Datensouveränität und eine gesicherte Infrastruktur sind entscheidende Parameter für den digitalen Wandel. Jedoch nochmals zurück zu dem Thema lebenslanges Lernen: Studien zeigen, dass das Risiko der Erhöhung der strukturellen Arbeitslosigkeit nicht durch einen Rückgang an Nachfrage begründet ist, sondern vielmehr dadurch, dass Arbeitnehmer nicht mehr über die aktuell notwendigen Fähigkeiten verfügen – und hierauf muss unsere Aufmerksamkeit beim Umgang mit Risiken liegen.

Böllhoff: Ein chancenorientierter Blick auf die Veränderungen ist notwendig und wichtig. Struktureller Wandel ist ein normaler Prozess, verläuft durch die Digitalisierung allerdings schneller und umfassender, als wir es in der Vergangenheit erlebt haben. Das verlangt die Bereitschaft zur Anpassung und fordert alle Akteure am Arbeitsmarkt heraus, ständig Neues zu lernen. Die positive Botschaft ist, die Arbeit wird uns nicht ausgehen und neue Technologien helfen, die Arbeit effizienter und sicherer zu machen.

Wer ist für diese Parameter verantwortlich? Müssen die, die Anwendungen entwickeln, auch die Rahmenbedingungen schaffen?

Böllhoff: Nein. Die Digitalisierung ist eine gesamtgesellschaftliche Herausforderung und die richtigen Weichen muss die Politik stellen. Andere Länder machen vor, wie das funktionieren kann. Japan etwa hat ein Regierungsprogramm, das die Haltung gegenüber der Digitalisierung grundlegend umkehrt: Digitalisierung wird als Chance begriffen. Daraus resultieren konkrete Anforderungen an die Regierung, die gewährleisten sollen, dass Wirtschaft und Gesellschaft aktuelle und künftige Herausforderungen bewältigen können. In Japan läuft das Programm übrigens unter der Überschrift „Society 5.0“, das englische Pendant zu unserem Studien-Titel „Gesellschaft 5.0“.

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