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Gründerzeit-Interview „Wir fühlen uns wie ein Familienunternehmen“

Quelle: Squin

Maria-Liisa Bruckert hat bei Siemens die digitale Transformation des Energiesektors vorangetrieben. Seit September 2019 vertreibt sie mit zwei Männern eine Kosmetik-App, die auf Künstlicher Intelligenz (AI) basiert.

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Düsseldorf Maria-Liisa Bruckert hat im September 2019 zusammen mit Björn Bak und Martin Pentenrieder die auf Künstliche Intelligenz (AI) basierte App SQIN gegründet. Mehr als 100.000 User zählt die App bereits. Diesen stehen Produkte von mehr als 30 Kosmetikfirmen zur Verfügung. Die Geschäftsidee: Die Verbindung der richtigen Produkte mit den richtigen Usern und die damit entstehende positive Erfahrung.

Die Wirtschaftsingenieurin (Master in Elektrischer Energietechnik der Technischen Universität NCKU in Tainan, Taiwan und Cottbus-Senftenberg) hat seit Juli 2016 bei Siemens in verschiedenen Funktionen die digitale Transformation des Energiesektors vorangetrieben.

Was hat Sie als festangestellte Siemens-Expertin für Digitalisierungsthemen dazu gebracht, mit Ihren zwei Start-up-Partnern selbst eine Firma zu gründen?
Ich war damals in einer sehr spannenden Lebensphase: Ich habe bei Siemens digitale Transformationen im Energiebereich begleitet, was eine unglaublich spannende Zeit für mich war. Nachdem aber die ganzen Prozesse aufgebaut und etabliert waren, habe ich bemerkt, wie der Wunsch aufkam, alles was ich dabei gelernt habe, noch einmal anzuwenden. Ich suchte eine neue Herausforderung. Zugleich war ich auf dem Weg in die Elternzeit. Durch das Kind, habe ich natürlich gemerkt, dass ich auch bereit bin mehr und mehr Verantwortung zu übernehmen.

In diesem Moment haben mein Mann und sein bester Freund, die beide vorher bereits Unternehmen mitgegründet hatten, gerade den Beauty-Markt für sich entdeckt. Zugleich hatte ich in der Elternzeit engen Kontakt mit meiner Mutter, die Kosmetikerin ist. Bei ihr habe ich gesehen, wie der Kosmetikmarkt in der Praxis funktioniert. Da haben wir uns zusammengeschlossen und ich konnte mein Transformationswissen einbringen. Und so ist die Idee der Beauty-App SQIN entstanden, die den Beauty Markt nachhaltig digital neugestalten will.

Sie versuchen, mit ihrer App auf der einen Seite die Geschäftsmodelle der Unternehmen digital weiterzuentwickeln und sammeln auf der anderen Seite die Daten über die Kunden der Schönheits-Branche…
Unser Ziel ist es, die Beauty-Industrie zu revolutionieren. In der digitalen Transformation steckt hier enorm viel Potential, aber das lässt sich nur entfalten, wenn man das Wissen der Experten integriert, und wir sprechen hier von mehr als 100 Jahren Erfahrung. Wir versuchen demnach, mit unserer App nicht die Kosmetiker/innen oder den Hautexperten zu ersetzen, sondern wir versuchen ihr Können in digitaler Form auf den Weg mitzunehmen.

Wenn man sich beispielsweise eine Kosmetikerin ansieht: Durchschnittlich kommen 70 bis 90 Prozent ihrer Kunden wieder und kaufen auch Produkte bei ihr. Im klassischen Online-Geschäft liegt die durchschnittliche Wiederkehr-Rate nur bei 15 bis 20 Prozent. Es gilt diese Lücke zu schließen. Dafür muss die menschliche Seite der Kosmetikerin viel mehr integriert werden. Die Digitalisierung des e-Commerce setzt stattdessen stark auf neue Marketingwege, die durch social Media ermöglicht werden. Wohingegen der traditionelle Markt auf den Kunden als Individuum gesetzt hat. Und genau das wollten wir in die App übersetzen, damit die Beauty-Industrie ihre Kunden genauso auf digitalem Weg erreichen kann. Wir arbeiten dabei unter dem Slogan: Keine digitale Transformation ohne Herz! Als Ergebnis konnten wir mittlerweile schon eine durchschnittliche Wiederkaufrate von über 50 Prozent verbuchen.

Wie verbinden sie ihre verschiedenen Rollen: weiterhin Beraterin bei Siemens, Gründerin und Mutter?
Momentan ist es sehr spannend bei mir. Es ist eine absolut priviligierte Situation, die Dinge aus so unterschiedlichen Perspektiven erleben zu dürfen. Das erweitert nicht nur den Horizont, diese Erfahrung bereichert natürlich meine ganze Person. Beruflich steht am Ende immer das Ziel, Dinge zum Positiven zu verändern, digital voranzugehen, Digitalisierung besser und greifbarer zu machen, daher fällt es mir leicht, beide Welten zusammenzubringen. Die Mutterrolle hingegen funktioniert, wie im Gründerteam, nur gemeinsam als Team.

Haben Sie als Frau in ihrem Gründerteam andere Vor- oder Nachteile als Ihre männlichen Kollegen?
Ich bin die emphatische Komponente bei uns. Auf der einen Seite fällt es mir recht leicht, auf meine Geschäftspartner und Gründerkollegen einzugehen, sie zu verstehen. Wir sind eine Technologiefirma, in der das Technikteam und das Marketingteam sich manchmal aneinander reiben. Da bin ich oft eine Brücke, die die Kommunikation vorantreibt, immer unter Berücksichtigung unserer gemeinsamen Vision.
Auf der anderen Seite entscheiden die Männer meist faktenbasierter, bei mir ist das oft emotionaler und mehr von der menschlichen Seite getrieben. Frauen wie ich sind teamgetrieben, Männer entscheiden dagegen oft schneller. Als Gründerteam haben zudem alle einen anderen Erfahrungshintergrund. Mein Gründerkollege Björn Bak ist beispielsweise sehr vom Community-Gedanken getrieben, ihm geht es darum, dass sich die User in der App wohl fühlen. Martin Pentenrieder ist sehr auf internationales Wachstum und aufs Geschäft ausgerichtet. Und ich bin da diejenige, die das Herzblut hereinbringt und versucht, die Lösung voranzutreiben. Dass wir so extrem unterschiedlich sind, macht uns als Gründerteam extrem stark.

Kann die enge Zusammenarbeit mit Ihrem Ehemann und dessen Freund nicht auch zu Konflikten führen?
Wir fühlen uns so etwas wie ein Familienunternehmen. Wenn man sich wie wir so nah ist, diskutiert man sehr offen, sehr transparent. Wir sind ehrlich miteinander, niemand ist beleidigt, wir kennen uns in- und auswendig, wir können uns gegenseitig unterstützen und Aufgaben einfach übernehmen. Das bringt uns sehr voran.
Es ist schön, dass ich alles mit meinem Mann gemeinsam mache. Dadurch fühlt es sich oft gar nicht wie Arbeit an, es ist unser gemeinsamer Traum. Viele Geschäftspartner sind auch schon Freunde geworden. Ich brauche da keine klare Trennung. Es ist natürlich ein hohes Pensum. Aber aus dem Leistungssport früher bin ich gewohnt, sehr viel Druck und viele Themen auf der Agenda zu haben. Ich glaube, wir haben unser Leben ganz gut strukturiert. Darum habe ich aktuell nicht das Gefühl, dass ich den Sachen hinter her renne oder dass etwas zu langsam geht.

Welche Unterstützung haben Sie in ihrer Mutterrolle?
Die Familie macht uns stark. Unser Kind hat tolle Pateneltern, die uns viel abnehmen und unterstützen. Das ist das, was ich mit Familie meine. Auch unsere Freunde leben das Thema Kind und SQIN mit, haben es von Anfang an begleitet und helfen uns. Es ist ein gemeinsames Projekt. Im Alltag funktioniert das alles natürlich nur, wenn wir als Eltern gut strukturiert sind.

Was waren die großen Herausforderungen bei der Gründung?
Zunächst die Integration der verschiedenen Erfahrungen. Dass mein Co-Gründer Björn Bak schon die Datingplattform Lovoo mitgegründet hatte und dadurch ein erfahrenes Development Team an der Seite hatte, war sehr hilfreich. Aber sein Team hatte bisher zumeist Spiele entwickelt, kam also aus einem ganz anderen Bereich. Für das Team war es eine 180-Grad Drehung, dass wir als Gründerteam mit einer ganz anderen Industrie, der Kosmetikindustrie, um die Ecke kamen. Es hat viel methodisches Können erfordert, das Team von unserer Vision zu überzeugen, das Gemeinsamkeitsgefühl zu entwickeln.

Die zweite Herausforderung war Covid 19: Als wir Ende 2019 die App gegründet haben, war die Ausgangssituation ganz anders als im Frühjahr 2020. Die Risikoeinstellung der Investoren hat sich von einem Tag auf den andern geändert: Die Erfahrungen aus den Finanzierungsrunden zuvor zählten nicht mehr. So arbeiten wir aktuell am Abschluss unserer zweiten Finanzierungsrunde.

Können Sie Ihre Finanzierungsprobleme etwas genauer schildern? Gelten sie für alle Start-ups?
Die Investoren sind risikoscheuer geworden, einige sind abgesprungen, andere hingegen weiterhin im due Diligence Prozess. Innovation bedingt immer auch Risiko. Und unsere App ist technologisch eine große Innovation. Technisch sind wir mit unserem Maschine Learning basierten Commerce ganz vorne. Aber wir sind bei der Finanzierung erst in der zweiten Runde, und in diesem Stadion gilt jedes Start-up noch als besonders riskant.
Und kaum ein Investor interessiert sich heute für ein Start-up in dieser Runde, weil alle relativ viel Sicherheit fordern. Obwohl wir Umsätze haben, über 25.000 regelmäßige User, sind die Investoren immer noch sehr zurückhaltend. In Deutschland ist es derzeit eine Herausforderung, Geld einzusammeln, sodass wir nun auch vermehrt mit interessierten Investoren aus dem Ausland reden. Das ist für viele Start-ups momentan schwierig: Denn ohne Geld kein Wachstum.

Lassen sich von den Corona-Hilfen auch Programme für Start-ups nutzen?
Finanziell passt da nichts. Aber beim Thema Netzwerk, auf das wir von Anfang an gesetzt haben, hatten wir Unterstützung. So hatte ich das Glück, beim globalen Google for StartUps Women Founders Programm als eine von zehn Gründerinnen aufgenommen zu werden. Dadurch arbeiten jede Woche sieben Mentoren mit mir, helfen mir beispielsweise, das Geschäftsmodell noch zu verbessern. Sie ebnen uns auch die Wege zu verschiedenen Konferenzen und Investoren. Dadurch haben wir feste Mentoren gefunden, die aus den für uns wichtigen Branchen kommen und das Unternehmen noch über Jahre begleiten wollen. Das hilft uns gerade sehr, auch wenn es nicht den Investor ersetzt.

Martin Pentenrieder und ich leben ebenso nach dem Prinzip des „giving back“ und coachen zudem auch andere Start-ups. Dies erinnert uns stetig daran, auch mal bei Null angefangen zu haben, hilft uns aber ebenso in unseren Gedanken nicht stehen bleiben zu dürfen.

Was zeichnet aus Ihrer Sicht den Gründerstandort Deutschland aus?
Positiv wirkt sich aus, dass viele Unis, beispielsweise hier in Dresden, die jungen Talente schon sehr früh in Richtung Unternehmertum fördern. Negativ wirkt dagegen, dass die Investoren in Deutschland besonders risikoavers sind.

In den beiden Hubs für Start-ups in Deutschland, Berlin und München, gibt es eine sehr angenehme Gründerkultur. Anfangs sind wir daher sehr viel hin und her gependelt, um dabei zu sein. In Deutschland sollte die dezentrale Organisation von Start-ups, die ganzen Hilfen und Netzwerke, breitflächiger ausgebaut werden bzw. der Zugang dazu vereinfacht werden.

Was ist für den Erfolg einer Gründerin ihrer Erfahrung nach am wichtigsten?
Mir als Frau hat es sehr geholfen, dass ich einen technologischen Hintergrund habe, mich nicht nur als Marketingmaschine verstehe, wie Frauen oft gesehen werden. Ich habe Elektrotechnik studiert und mich in die Technologie eingearbeitet, die hinter unserer App steht. Das hilft mir, unser Produkt und die Vision aus verschiedenen Perspektiven zu verstehen und nicht nur marketingtechnisch zu vertreten.
Zudem sollt sich jede Gründerin erstens ein belastbares Netzwerk aufbauen. Und zweitens die eigenen Visionen bewahren. Denn die sollte die Unternehmerin im ganzen Gründungsprozess nicht aus den Augen verlieren, auch wenn das Eingehen auf Mentoren und deren Ideen wichtig ist.

Dieses Interview ist Teil der Reports „Gründerinnen-Nation Deutschland?“, den das Handelsblatt Research Institute in Kooperation mit Google for Startups erstellt hat. Der Report wird beim Live im Streamingevent Gründerzeit am 25. Februar, 17.30 vorgestellt. Hier kann man sich dafür anmelden.

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