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Doppelinterview Maßarbeit selbst in Krisenzeiten

Marco Bauer von der BAM GmbH (li.) und Thomas Spreitzer von der Telekom. Quelle: PR

Für Thomas Spreitzer, Digitalisierungsexperte und bei der Telekom für den Vertrieb KMU und Marketing Geschäftskunden verantwortlich, ist Covid-19 „der Brandbeschleuniger für die Digitalisierung“. Für Marco Bauer, Geschäftsführer des mittelständischen Fertigungs- und Maschinenbauspezialisten BAM GmbH, ist der hohe Digitalisierungsgrad seines Unternehmens der Schlüssel für Erfolg und rasantes Wachstum. In wenigen Jahren hat sich das 190-Mitarbeiter-Unternehmen vom klassischen Lohnfertiger zum Vorreiter der Digitalisierung in der Fertigungsbranche entwickelt. Warum sich konsequente Digitalisierung für kleine Betriebe auch über die Krise hinaus lohnt, verraten beide im Interview.

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Herr Bauer, inwieweit hilft Ihnen die Digitalisierung in Zeiten von Corona?
Bauer: Die Digitalisierung hat uns bereits vor der Pandemie, natürlich auch während Corona und beim jetzigen Neustart sehr geholfen. Wir bieten unseren Kunden einen komplett KI-basierten, automatisierten Wertschöpfungsprozess für die Bestellung individueller Bauteile, und das bereits ab Losgröße 1. So sind Ersatzteile für eine Drohne oder komplexe Einzelbauteile für eine Prothese kein Problem. Wir stellen vom Prototyp bis zur Großserie Bauteile aus Metall und Kunststoff mit engsten Toleranzen her, unter anderem für Laborgeräte, Sensorik-Anwendungen und Schienenfahrzeuge. Unsere Kunden kommen aus den unterschiedlichsten Branchen: Chemie, Labortechnik, Elektronikindustrie und Sensorik. Auch ambitionierte Privatbastler ordern online Bauteile über mipart.com, unsere selbst entwickelte On-Demand-Manufacturing-Plattform.

Wie funktioniert dieser Prozess?
Bauer: Mit nur wenigen Mausklicks können Kunden ihre Konstruktion als CAD-Modell auf mipart.com hochladen, sich den Preis in Echtzeit berechnen lassen und das gewünschte Bauteil sofort online bestellen. Kern dieser Softwarelösung ist eine automatisierte Geometrieanalyse in Kombination mit einem Machine-Learning-Algorithmus. Und natürlich unseren Erfahrungswerten aus zehn Jahren Fertigungsexpertise. Auf diese Weise analysiert die Software in wenigen Sekunden jedes Bauteil. Neben Data Scientists haben wir dabei Fachkräfte aus der Fertigung intensiv in den Entwicklungsprozess eingebunden. Das Resultat ist eine Software, die auf Basis der Geometrieanalyse einen konkreten Arbeitsplan erstellt und daraus abgeleitet den Preis für die Fertigung des Bauteils kalkuliert. Mit jedem Bauteil lernt die künstliche Intelligenz dazu und optimiert fortlaufend den Algorithmus.

Herr Spreitzer, die BAM GmbH hat ihre digitale Transformation entschlossen vorangetrieben. Was raten Sie Unternehmen, die noch zögern, etwa weil ihnen technisches Know-how fehlt?
Spreitzer: Das Beispiel BAM zeigt, dass Betriebe, die bereits einen hohen Grad an Digitalisierung erreicht haben, sich widerstandsfähiger präsentieren. Wer digital weit vorn ist, ist damit auch erfolgreicher. Technisches Know-how bis ins kleinste Detail ist dabei auf Kundenseite gar nicht notwendig. Entscheidender ist, zu erkennen, welche Chancen Digitalisierung bieten kann. Dazu zählt natürlich auch die Bereitschaft, mit einem Technologiepartner zu kooperieren. Hinter der On-Demand-Manufacturing-Plattform von BAM stehen Rechenleistung und Dienste aus der Microsoft Azure Cloud, die wir für unseren Kunden implementiert haben und betreuen. Dank dieser flexiblen Cloud-Infrastruktur lassen sich die individuellen Anforderungen der BAM GmbH an die Ressourcen schnell anpassen. Das Unternehmen profitiert immer genau von der Cloud-Umgebung, die für die aktuellen Anwendungen und Bedarfe erforderlich ist. Außerdem wichtig: Die Agilität, mit der sich neue Lösungen schneller entwickeln lassen, denn die notwendige Infrastruktur steht immer bereit. Der Zugriff auf die Cloud ist für die Mitarbeiter des Unternehmens zudem von überall möglich. Das war auch ein entscheidendes Kriterium während des Lockdowns.

Glauben Sie, dass die Erfahrungen aus der Lockdown-Zeit die Nachfrage nach digitalen Lösungen weiter vorantreiben wird?
Spreitzer: In dieser Phase konnten sich digitalisierte Betriebe schneller anpassen. Und sie waren auch effizienter. Bei BAM war der Prozess von der Bestellung bis zur Fertigung von coronabedingten Einschränkungen nicht betroffen. Digitalisierung ist ein Instrument, um sich deutlich schneller und flexibler auf neue Herausforderungen einstellen zu können. So konnten viele Mitarbeiter von BAM beim Lockdown dank einer flexiblen und skalierbaren Telefonanlage gleich ins Homeoffice umziehen und weiterarbeiten. Die Anlage basiert auf moderner IP-Technologie und passt sich automatisch dem jeweiligen Kommunikationsbedarf an. In Summe war und ist Covid-19 ein Brandbeschleuniger für die Digitalisierung. Schon zu Beginn der Krise ist das Interesse an unseren digitalen Lösungen deutlich gestiegen. Mitarbeiter mussten ins Homeoffice, Webshops das Retail-Geschäft ersetzen. Von jetzt auf gleich bestand ein großer Bedarf an schnelleren Internetanschlüssen, Videokonferenzsystemen oder Cloud Computing. Auch das Thema Sicherheit wurde wichtiger. Wir sind daher überzeugt, dass jetzt viele Unternehmen Digitalisierung als Chance begreifen.

Bauer: Auch um damit Kosten einzusparen. Vor unserer On-Demand-Manufacturing-Plattform waren die Prozesse, bis so ein Bauteil aus der Maschine kommt, sehr aufwändig. Sie müssen kalkulieren, Sie müssen Aufträge anlegen. Da vergehen schon mal acht bis zwölf Stunden Arbeitszeit, ehe das Angebot steht. Und die Wartezeit, bis freie Ressourcen zur Bearbeitung vorhanden sind, kommt dann noch hinzu. Mit Hilfe der Digitalisierung ist es uns gelungen, dass am Ende nur ein bis zwei Stunden menschliche Arbeit auf der Uhr stehen. Da die Lösung Angebote automatisch erstellt, sparen wir rund 150.000 Euro pro Jahr an Personalkosten. Aus unserer digitalen Kompetenz heraus ist sogar ein eigenes Unternehmen entstanden. Mit der up2parts GmbH konnten wir schon wenige Monate nach Unternehmensgründung ein verkaufsfähiges Produkt auf den Markt bringen - up2parts calculation. Damit bringen wir die Digitalisierung in die klassische Fertigungsindustrie.

Herr Spreitzer, was raten Sie Unternehmen für die nächsten Monate?
Spreitzer: Die Digitalisierung nicht auf morgen zu verschieben, weil man vermeintlich gerade keine Zeit hat. Digitalisierte Prozesse sind nicht „nice to have“, sondern überlebenswichtig für die Zukunft. Viele Entscheider haben wenig IT-Expertise und sind deswegen skeptisch oder vorsichtig. Ich kann jedoch nur dazu raten, Lösungen auszuprobieren. In den meisten Bereichen lassen sich mittlerweile sehr schnell und einfach Testumgebungen oder Use Cases erstellen, ganz ohne große Investitionen. Wichtig ist es, anzufangen – am besten mit einem Partner der Erfahrung hat.

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