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Rohstoffe Rohstoffmarkt mit neuen Erzfeinden

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Händler auf der Londoner Quelle: REUTERS

Angesichts solcher Summen wirkt die Szene anachronistisch, die sich fast jeden Morgen hier abspielt: Wie vor 130 Jahren sitzen die Metallhändler auf knallroten Ledersesseln im Kreis; manche laufen aufgeregt umher, an jedem Ohr einen Telefonhörer. Andere sitzen scheinbar teilnahmslos herum, kauen Kaugummi. Bis um 11.45; dann läutet eine Glocke, und die kreisrunde Bühne inmitten der Ledersitze füllt sich binnen Sekunden, wie die Tanzfläche einer Szene-Disco.

Die Hits, die hier aufgelegt werden, heißen zum Beispiel: „Biete Kupfer, 7050 Dollar die Tonne, Lieferdatum in drei Monaten.“ Allerdings rollt nach einem Handel an der LME nur in den seltensten Fällen wirklich ein Lkw mit Metallen von A nach B. Gehandelt wird fast ausschließlich mit Kontrakten, die zum Kauf oder Verkauf eines bestimmten Rohstoffs zu einem heute schon festgelegten Preis und an einem genauen Datum verpflichten.

Minen und Abnehmer wie Hüttenwerke sichern sich seit Jahrhunderten mit solchen Liefervereinbarungen („Forwards“) gegen Preisschwankungen ab. Doch die börsengehandelte Version der Forward-Kontrakte – Futures – ist ein perfektes Vehikel für Spekulanten. Der Handel mit ihnen läuft schnell, billig und reibungslos.

Mehr als zwei Drittel aller Kontrakte aus den letzten fünf Jahren sind rein spekulativ, stammen also weder von Erzeugern noch von Verbrauchern, schätzen Londoner Metallhändler. Und – anders als etwa an den Aktienbörsen, wo sie mit Futures ebenso oft auf fallende wie auf steigende Kurse wetten, sind bei Rohstoffen die meisten Spekulanten nur „long“ – sie setzen ausschließlich auf steigende Preise. Das treibt die Kurse.

Physische Käufe statt Derivate

Hinzu kommt: Hedgefonds, Banken und andere Spekulanten kaufen zunehmend Rohstoffe nicht mehr nur als Kontrakte an den Börsen, sondern physisch, in Barren, Brammen, Knüppeln oder Platten. „Damit treiben sie nicht nur die Preise hoch, sie entziehen dem Markt Material“, sagt Einkäufer Hölandt. Zwar ist auch die physische Spekulation mit Rohstoffen nicht neu; immer wieder gab es sogar die Manipulation einzelner Märkte. Die Hunt-Brüder, beide Dollar-Milliardäre, brachten in den späten Siebzigern 15 Prozent der Welt-Silbervorräte unter ihre Kontrolle – und verloren dabei ein Vermögen.

Wegen der hohen Kosten für Lager, Transport und Versicherung lohnte der physische Kauf im großen Stil bislang nur bei Edelmetallen oder für sehr kurze Zeiträume. Noch vor wenigen Jahren mussten Rohstoffhändler pro Jahr rund eine Million Euro für das Lagern, Versichern und Transportieren von Kupfer, Nickel oder Zink im Wert von zehn Millionen Euro aufwenden. Weil die Rohstoffpreise aber viel schneller gestiegen sind als Frachtraten, Versicherungsgebühren und Lagermieten, lohnt das Spiel jetzt auch mit Rohstoffen, die bislang als zu groß, zu schwer und zu billig galten, etwa die wichtigen Industriemetalle Kupfer, Nickel und Zink. „Die Kosten für Lager, Transport und Versicherung sind auf rund drei Prozent des Materialwerts gesunken“, schätzt Commerzbank-Analyst Eugen Weinberg.

Große globale Rohstoffhändler nehmen immer wieder solche Metalle oder auch Öl physisch aus dem Markt, um das Angebot zu verknappen, berichten Branchenexperten. Wichtige globale Spieler sind etwa die öffentlichkeitsscheuen Schweizer Konzerne Trafigura und Glencore. Die Geschäfte des weltgrößten Rohstoffhändlers Glencore laufen blendend: Im ersten Quartal etwa stieg der Nettogewinn zum Vorjahr um 150 Prozent auf 1,1 Milliarden Dollar. Mit einer Wandelanleihe haben sich gerade Singapurs Staatsfonds GIC, die US-Fondsgesellschaft BlackRock und das chinesische Bergbauunternehmen Zijin Mining an Glencore beteiligt. Der Börsengang ist geplant, er wäre ein Umbruch für die Rohstoffhandelshäuser, die sich derzeit noch durchweg im Besitz der Gründer und Mitarbeiter befinden.

Der rohstoffverbrauchenden Industrie ist die Macht der Rohstoffhändler suspekt. Ein großer Händler soll Anfang der 2000er-Jahre die komplette Welt-Jahresproduktion Kupfer, damals rund zwölf Millionen Tonnen, über Monate eingelagert haben, raunt der Vorstand einer großen Aluminiumhütte. Die Industrie habe wochenlang den künstlich erzeugten Knappheitspreis zahlen müssen.

Die großen Investmentbanken mischen mit: JP Morgan und Barclays -kauften 2009 Öltanker, um damit Rohöl so lange aus dem Markt nehmen zu können, bis ihnen der Preis günstig erscheint. Goldman Sachs beteiligte sich an Metro International, einem Logistikunter-nehmen, das zahlreiche Lagerhäuser betreibt und Marktteilnehmer an der London Metal Exchange ist. Auch JP Morgan kaufte einen solchen Logistiker: Henry Bath.

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