Arbeitsmarkt "Es gibt keinen Fachkräftemangel"

Am Mittwoch erscheint "Mythos Fachkräftemangel" von Martin Gaedt. Im Interview erklärt er, warum Unternehmen und Bewerber nicht zusammenfinden, was Deutschland von Kanada lernen kann und wie sich unbesetzte Stellen auf die Kanalisation auswirken

Younect-Geschäftsführer Martin Gaedt Quelle: Presse

 

WirtschaftsWoche: Herr Gaedt, haben wir in Deutschland zu wenige Fachkräfte?

Gaedt: Nein. In Deutschland und auch in Europa gibt es genügend gut ausgebildete Fachkräfte.

Das heißt, der viel zitierte Fachkräftemangel ist reine Fiktion?

Ja. Es gibt keinen allgemeinen Fachkräftemangel. Die Schlagzeile "Fachkräftemangel" steht seit 1984 in den Medien. Zwar ist es richtig, dass durch den demografischen Wandel weniger Fachkräfte aus Deutschland zur Verfügung stehen werden. Aber wirklich gute Mitarbeiter waren schon immer rar und werden es auch immer bleiben. Daran hat sich nichts geändert.

Warum dann das Gejammer von Unternehmen und Verbänden?

Die Bewerber rennen den Firmen nicht mehr die Türen ein – wie früher. Das schmerzt. Die gönnerhafte Gutsherrenart funktioniert nicht mehr. Die junge Generation ist selbstbewusster geworden. Sie weiß, was sie verlangen kann, sowohl finanziell als auch von der Unternehmenskultur her. Das Internet macht Gehaltsstrukturen, aber auch das Innenleben der Firmen transparenter.

Was hat das mit dem Ihrer Meinung nach gefühlten Fachkräftemangel zu tun?

Nun ja, Bewerber können in Mitarbeiter-Blogs oder Arbeitgeber-Bewertungsportalen lesen, was sie in den Unternehmen erwartet. In den Medien werden immer wieder Beispiele mit einer lobenswerten Unternehmenskultur vorgestellt. Das wirkt sich aus: Schlecker ist tot, dm geht es blendend. Die beliebten Arbeitgeber erhalten immer noch massenhaft Bewerbungen, die anderen nicht.   

Jetzt hat der kleine Handwerksbetrieb aber nicht die gleichen Möglichkeiten wie ein Dax-Konzern oder ein weltweit tätiger Mittelständler, um auf sich aufmerksam zu machen. Haben die im Rennen um die Fachkräfte schon verloren?

Nein. Aber solche Klein- und Kleinstbetriebe müssten sich in Sachen Personalmarketing zusammenschließen. Dabei könnten die verschiedenen Verbände eine wichtige Rolle spielen. Sie könnten Personalgewinnung - analog zu Einkaufsgemeinschaften - in Kooperation organisieren. Stattdessen schalten die Innungen und Kammern teure Werbeanzeigen, um Jugendliche für einen Beruf zu begeistern. So funktioniert das heute nicht mehr.

Die beliebtesten Arbeitgeber der Wirtschaftswissenschaftler
Platz 20: EZB5,1 Prozent der Befragten Wirtschaftswissenschaftler wünschen sich die Europäische Zentralbank als Arbeitgeber. Quelle: dpa
Platz 19: L'Oreal5,2 Prozent der Befragten Wirtschaftswissenschaftler wünschen sich L'Oreal als Arbeitgeber. Quelle: REUTERS
Platz 18: ProSiebenSat.15,4 Prozent der Befragten Wirtschaftswissenschaftler wünschen sich ProSiebenSat.1 als Arbeitgeber. Quelle: dapd
Platz 17: Coca Cola5,4 Prozent der Befragten Wirtschaftswissenschaftler wünschen sich Coca Cola als Arbeitgeber. Quelle: AP
Platz 16: BASF5,6 Prozent der Befragten Wirtschaftswissenschaftler wünschen sich BASF als Arbeitgeber. Quelle: dpa
Platz 15: Ernst & Young 5,6 Prozent der Befragten Wirtschaftswissenschaftler wünschen sich Ernst & Young als Arbeitgeber. Quelle: dapd
Platz 14: Robert Bosch6,0 Prozent der Befragten Wirtschaftswissenschaftler wünschen sich Bosch als Arbeitgeber. Quelle: dpa
Platz 13: Deutsche Bank6,2 Prozent der Befragten Wirtschaftswissenschaftler wünschen sich die Deutsche Bank als Arbeitgeber. Quelle: dpa
Platz 12: Auswärtiges Amt6,2 Prozent der Befragten Wirtschaftswissenschaftler wünschen sich das Auswärtige Amt als Arbeitgeber. Quelle: Creative Commons-Lizenz
Platz 11: McKinsey6,8 Prozent der Befragten Wirtschaftswissenschaftler wünschen sich McKinsey als Arbeitgeber. Quelle: Presse
Platz 10: Siemens8,3 Prozent der Befragten Wirtschaftswissenschaftler wünschen sich Siemens als Arbeitgeber. Quelle: dapd
Platz 9: Adidas8,3 Prozent der Befragten Wirtschaftswissenschaftler wünschen sich Adidas als Arbeitgeber. Quelle: AP
Platz 8: Amazon8,7 Prozent der Befragten Wirtschaftswissenschaftler wünschen sich Amazon als Arbeitgeber. Quelle: dpa
Platz 7: Daimler9,0 Prozent der Befragten Wirtschaftswissenschaftler wünschen Daimler als Arbeitgeber. Quelle: dpa
Platz 7: Lufthansa11,3 Prozent der Befragten Wirtschaftswissenschaftler wünschen sich die Lufthansa als Arbeitgeber. Quelle: dpa
Platz 5: Google11,6 Prozent der Befragten Wirtschaftswissenschaftler wünschen sich Google als Arbeitgeber. Quelle: dpa
Platz 4: Volkswagen12,4 Prozent der Befragten Wirtschaftswissenschaftler wünschen sich VW als Arbeitgeber. Quelle: dpa
Platz 3: Porsche12,7 Prozent der Befragten Wirtschaftswissenschaftler wünschen sich Porsche als Arbeitgeber. Quelle: dpa
Platz 2: BMW14,9 Prozent der Befragten Wirtschaftswissenschaftler wünschen sich BMW als Arbeitgeber. Quelle: AP
Platz 1: Audi17,8 Prozent der Befragten Wirtschaftswissenschaftler wünschen sich Audi als Arbeitgeber. Quelle: REUTERS

Das heißt, im Moment wird die Mehrzahl der kleinen Betriebe nicht wahrgenommen?

Richtig. Und nicht nur die ganz kleinen, sondern auch viele Mittelständler. Es gibt in Deutschland etwa 3,6 Millionen unsichtbare Betriebe. Und die klagen über Fachkräftemangel.

Also, selbst schuld?

Genau.

Gibt es diese unsichtbaren Betriebe in der Stadt und auf dem Land gleichermaßen?

Ja, es gibt auch in den Großstädten haufenweise unsichtbare Unternehmen. Im ländlichen Raum haben die Arbeitgeber aber noch ein anderes Problem.

Welches?

Studenten, die in Kleinstädten beziehungsweise in ländlichen Gegenden studiert haben, würden gerne bleiben. Denken aber, es gäbe dort keine Stellen für sie. Das ist meist falsch. Sie kennen die potenziellen Arbeitgeber nur nicht. Talente ziehen auf gut Glück in die Großstädte, Stellen auf dem Land bleiben unbesetzt.

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