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Burnout-Erkrankungen  „Der Druck ist heute viel höher als vor 30 Jahren“

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„Fernseher und PC sind regelrechte Entspannungs-Killer“

Kommen die Menschen eher aus eigenem Antrieb oder auf Anraten ihrer Familien oder Arbeitgeber in Ihre Kliniken?
Viele Patienten merken selbst, dass es so nicht mehr weitergeht und kommen aus eigenem Antrieb in unsere Oberbergkliniken. Oft werden sie dabei durch ihre Familie unterstützt. Dass Arbeitgeber aktiv werden, ist bis dato die Ausnahme. Das passiert noch viel zu selten.

Dafür scheinen Yoga-Kurse und Zeitmanagement-Schulungen bei Arbeitgebern aktuell hoch im Kurs zu sein. Was halten Sie davon?
Da bin ich zwiegespalten. Solche Maßnahmen helfen einerseits, die eigene Widerstandsfähigkeit in belastenden Zeiten zu steigern. Gerade Yoga- und Meditationsübungen können zur Entspannung beitragen. Bewegung, eine gesunde Ernährung und regelmäßige Entspannung sind sehr wichtig, um die eigene Resilienz zu steigern. Andererseits hat das auch immer einen Aspekt von Selbstoptimierung, den ich sehr kritisch sehe. Das Optimieren des eigenen Zeitmanagements wird in seiner Wirksamkeit sehr überschätzt. Es sollte nicht darum gehen, mehr zu leisten oder mehr Druck auszuhalten. Es geht darum, in der Lage zu sein, zu hinterfragen, ob ich mich selbst gerade ausbeute oder in Gefahr bringe. Viele Menschen glauben, sie können alles erreichen, wenn sie sich nur genug anstrengen. Das mündet in einer permanenten Selbstausbeutung. Wer schon überlastet ist, und glaubt, mehr leisten zu können, indem er seinen Tag effizienter einteilt, fährt vor die Wand.

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Wie sieht aus Ihrer Sicht eine angemessene Entspannung aus?
Regelrechte Entspannungskiller sind Bildschirmmedien wie der Fernseher oder der PC, da verfallen wir in eine passive Haltung. Diese Passivität führt zu einem Aufrechterhalten des Stresserlebens. Lesen Sie einen Roman, gehen Sie im Wald spazieren, treffen Sie Freunde oder Verwandte. All das hilft uns, Stress zu verarbeiten.

Kann Stress allein einen Burnout verursachen?
Nein, nicht direkt. Akuter Stress macht uns erst einmal leistungsfähiger. Er ist nicht gesundheitsgefährdend, sondern im Gegenteil eine gute Sache. Akuter Stress treibt uns an und steigert unsere Leistungsfähigkeit, wenn es um die Lösung eines Problems geht. Ist das Problem gelöst, ebbt das Stressempfinden wieder ab. Problematisch ist dauerhafter, chronischer Stress, der auch zu körperlichen Folgeerkrankungen führt: Übergewicht, kardiovaskuläre Erkrankungen, Diabetes. Dieser Stress entsteht vor allem in prekären Arbeitssituationen. Darunter leiden die Mitarbeiter im mittleren Management eher als der CEO. Wer eine Mittlerfunktion hat, hat wenig Freiraum bei der Gestaltung seiner Arbeit, dafür ständig das Gefühl, nicht genug leisten zu können. Dann bleiben noch Anerkennung und Wertschätzung aus, es gibt Ärger daheim – und schon beginnt eine Abwärtsspirale.

Wie ist Ihr Eindruck, hat die Zahl der Burnout-Erkrankungen in den vergangenen Jahren zugenommen – oder wird die Erkrankung nur häufiger diagnostiziert?
Da wir noch keine einheitlichen Kriterien für die Erfassung einer Burnout-Erkrankung anwenden, ist das schwer zu sagen. Fakt ist, dass mehr und mehr Krankenkassen die Diagnose Burnout als Grund für eine Arbeitsunfähigkeit akzeptieren – was zumindest darauf hinweist, dass die Erkrankung ernster genommen wird. Ich vermute auch, dass Burnout-Erkrankungen heute häufiger vorkommen. Mehr und mehr Menschen bis weit in die Mittelschicht hinein erleben zunehmende Unsicherheit. Der Druck ist heute weitaus höher als noch vor 30 Jahren. Viele gut ausgebildete Menschen können sich heute noch so sehr anstrengen, sie werden kein Geld für ein Eigenheim haben und leben in der ständigen Angst, ihren Job zu verlieren. Diese Verunsicherung führt zu Dauerstress, der sich physiologisch und psychologisch auswirkt – und auch die Resilienz am Arbeitsplatz unterminiert.  

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