Diagnose Burn-out: So finden Sie nach dem Burn-out zurück in den Alltag
Aus heutiger Perspektive, sagt Amelie Kersten, sei das „kompletter Wahnsinn“ gewesen: Drei Jahre lang holte sie neben einem Vollzeitjob in der Gastronomie abends das Abitur nach. Anschließend pendelte sie für das Studium zwischen Hamburg und Köln. Und auf den permanenten Stress folgte bald die Diagnose: Burn-out. „Ich komme aus einer Akademikerfamilie und hatte den großen Drang, mich zu beweisen“, erklärt sich Kersten die enorme Belastung, die sie sich über lange Zeit auferlegt hat. Zunächst sträubte sie sich gegen eine stationäre Behandlung. „Ich hatte keine Zeit dafür und habe meine Erkrankung dadurch sehr verschleppt“, erzählt sie. Auf die Therapie folgte aber schließlich der Ausstieg – mit Alpakas an der Nordseeküste.
Ursachen von Burn-out
Burn-out tritt meist auf, wenn Stress im Beruf auf Dauer nicht bewältigt werden kann, wie Psychologe David Surges von der Techniker Krankenkasse (TK) erläutert. Eine typische Folge sei eine emotionale Erschöpfung, Antriebsschwäche, Energielosigkeit. Wer daran erkranke, entwickle oft eine Gleichgültigkeit gegenüber seinem Job. Und gerate in einen Teufelskreis: Durch den Burn-out bleiben Erfolgserlebnisse aus, was wiederum an der Sinnhaftigkeit der Arbeit zweifeln lasse – und das Gefühl verstärke, ständig zu versagen.
Auch Kersten hat anfangs unter extremer Erschöpfung und Schlaflosigkeit gelitten. Dann seien starke depressive Verstimmungen hinzugekommen. Es wurde so schlimm, dass sie, damals Studentin mit Nebenjob in einer Werbeagentur, überzeugt war, einen Tumor zu haben. „Was mich am meisten schockiert hat, war mein sehr schlechtes Gedächtnis. Ich erinnere viele Dinge nicht mehr“, erzählt sie.
Erst, als Kersten für den Master nach Hamburg zurückkehrte, kam die Wende. Sie erhielt einen Therapieplatz, nahm Medikamente – und kehrte schweren Herzens ihrem Wunschberuf den Rücken. „Ich hatte immer davon geträumt, kreativ in der Werbung zu arbeiten“, sagt Kersten. Sie habe dort aber nicht gut mit dem Stress umgehen können. Also zog Kersten zurück in ihren Heimatort Büsum an der Nordseeküste und eröffnete den Hof Alpakamar. Dort führt sie Laien an die Tiere heran, gibt Yogakurse oder coacht Führungskräfte wie Berufsanfänger in der Stressbewältigung.
Von der Flucht aus dem Beruf hält Rainer Hellweg, der den Fachbereich Experimentelle Psychiatrie an der Charité Berlin leitet, hingegen wenig – zumindest dann, wenn sie ins Nichtstun führt. „Lebens- oder Arbeitsvermeidung ist selten hilfreich.“ Er warnt deshalb ältere Betroffene, direkt in die Frühverrentung zu wechseln. Denn die behindere eine Therapie sogar. „Ziel der Therapie ist es ja, dass die Leute wieder in die Realität hineinkommen“, betont Hellweg. Besonders wichtig ist die Rückkehr in den Beruf ihm zufolge bei Menschen, die nicht an Burn-out, sondern an Depression leiden.
Die Übergänge zwischen beiden Erkrankungen sind oft fließend. Eine Depression zeichnet sich Hellweg zufolge vor allem dadurch aus, dass sich die Erkrankten nicht mehr an Dingen erfreuen können, die ihnen zuvor durchaus Freude bereitet haben.
Burn-out oder Depression?
„Burn-out ist keine Erkrankung im klassischen Sinne“, unterstreicht auch Experte Surges. Häufig überschneide sich das Leiden mit Depression oder einer Anpassungsstörung. Wer sich dann mit der Frühverrentung selbst quasi zum Nichtstun verdonnert, riskiert laut Hellweg, dass die Erkrankung chronisch wird. Denn die krankhafte Unfähigkeit zur Freude betreffe schließlich auch das Privatleben.
Kersten konnte ihrem Burn-out zumindest zeitweise kleine Fluchten abtrotzten. „Wenn es mir sehr schlecht ging, habe ich immer kleine Ausflüge in Tierparks gemacht“, erinnert sie sich. Irgendwann stellte sie fest: Ihr vermeintlicher Traumjob in der Werbung war bloß eine „Karriere“, die ihr der Kopf diktiert hatte. Ihre Intuition aber habe sie während der schweren Zeit zu den Tieren gezogen. „Ich denke einfach, ich bin damals aus Versehen in der falschen Branche gelandet, weil ich so überromantisierte Vorstellungen davon hatte“, sagt sie heute. Zwar sei es schwer gewesen, die gewohnte Sicherheit aufzugeben – und den Schritt in die Selbstständigkeit zu wagen: „Andererseits habe ich eine große Erleichterung gespürt, zu all den Dingen Tschüss zu sagen, die mir mal so wichtig waren.“
Genau darauf kommt es laut dem Psychologen Surges an: herausfinden, was den Burn-out verursacht hat - und diese Aspekte ändern. „Ein Berufs- oder Arbeitgeberwechsel kann daher unter Umständen sinnvoll sein“, sagt er – allerdings nur, wenn das Umfeld dort gesünder ist, also mit weniger Stress und einer guten Fehlerkultur. Surges betont außerdem: Nicht die Tätigkeit allein ist entscheidend, sondern, wie ein Mensch individuell mit stressigen Situationen umgeht.
Perfektionisten oder Menschen, die sich schwer abgrenzen können, sind deshalb laut Surges stärker gefährdet, an Burn-out zu erkranken. „Es ist nicht unsere Aufgabe, jedem Job gewachsen zu sein“, unterstreicht seine Kollegin Sabine König. Die Psychologin nimmt deshalb auch Vorgesetzte in die Pflicht, Positionen mit Beschäftigten zu besetzen, die dafür die besten Fähigkeiten mitbringen.
Burn-out: Rückkehr mit Therapie
Weitreichende Entscheidungen über die Karriere sollten nach Ansicht des Charité-Mediziners Hellweg aber warten, bis es dem Patienten besser geht. „Vor allem bei depressiven Menschen wäre ich erst einmal vorsichtig, denn sie unterschätzen sich typischerweise“, warnt er – und drängt auch deshalb bei seinen Patienten darauf, dass sie sich nach der Rückkehr in den Beruf weiter betreuen lassen. Sollten doch wieder negative Gefühle und Gedanken auftauchen, könne gemeinsam mit dem Psychologen nach den Ursachen geforscht werden. „Depressive neigen dazu, automatisch Gedanken zu entwickeln: Alle sind gegen mich, alles ist zu viel“, sagt Hellweg. „Da gibt es gewisse Techniken, um mit positiven Gedanken dagegenzusetzen.“
Wenn eine Linguistin von der Werbeagentur auf den Alpakahof wechselt, könne das durchaus sinnvoll sein, sagt Hellweg. Etwa, um „sich Alternativen zu schaffen und etwas auszuprobieren.“ Entscheidend sei, wie man sich dabei fühle. Dazu gehört für den Psychiater nicht nur der Blick nach vorn, sondern auch nach hinten. „Wichtig ist, dass man nicht resigniert oder gar verbittert auf den bisherigen Beruf zurückblickt.“
Kersten hat genau das geschafft. Sie sei nicht mehr wütend auf die Menschen, die ihr das Leben unnötig schwer gemacht hätten. „Sie wussten nicht, was bei mir privat so los war“, sagt die Unternehmerin. Bei dem Neuanfang half ihr ihre optimistische Grundeinstellung. „Ich war immer sehr mutig, in all meinen Entscheidungen im Leben“, stellt Kersten fest.
Für Betroffene stellt sich dennoch oft die Frage: Bin ich jemals richtig geheilt? Kersten sagt lieber, sie sei „gesundet“. Merkt sie, dass es ihr wieder schlechter geht, ziehe sie die Bremse. „Viel früher als vorher.“ Sie nehme sich bewusst Zeit für sich. Kerstens Rat: bloß nicht im Bett liegen, sondern raus an die frische Luft, auch, wenn es schwerfällt. Wenn sich bei Kersten wieder Schlafprobleme einstellen, meditiert sie, manchmal mithilfe einer App. Und noch einen Rat hat die Unternehmerin: Beim Comeback nach dem Burn-out dem Bauchgefühl zu vertrauen. „Der Mensch an sich ist nicht so fest gebunden, wie er manchmal glaubt“, sagt sie.
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