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Vorstellungsgespräch: Machen Sie mit beim Smalltalk. Quelle: imago images

Fünf schnelle Rhetorik-Tipps fürs Vorstellungsgespräch

Die schriftliche Bewerbung hat den Vorteil, dass wir vorab an jedem Wort feilen können. Im Job-Interview zählt die spontane Reaktion auf die Fragen der Anderen. Aber Spontanität können Sie planen.

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Unser Kolumnist Marcus Werner ist Fernsehmoderator und Buchautor und arbeitet als Berater für Kommunikation und Persönlichkeitsentwicklung.

Vorstellungsgespräche sind einerseits wie schwarze Magie. Ein Termin dazu kann uns Nächte an Schlaf rauben. Die Vorstellungsgespräche, die gut gelaufen sind, vergessen wir dann aber schnell. Denn danach läuft es meist noch besser: im neuen Traumjob und in Karrieren, die uns glücklich machen.

An einer einzigen Stunde hängt also ziemlich viel. Kein Wunder, dass vielen von uns die Pumpe geht. Weil wir ja nicht so recht wissen, was kommt. Vieles lässt sich vorab allerdings gut überlegen und vorbereiten: Hintergrundwissen über den Gastgeber (über die Firma, die Gesprächspartner und so weiter) und über den Job, Garderobe, rechtzeitige Anfahrt.

Aber trotz guter inhaltlicher und organisatorischer Vorbereitung fühlen sich viele unsicher, ob sie dem spontanen Hin- und Her im Gespräch rhetorisch gewachsen sind. Deshalb hier ein paar universelle Tipps aus meiner Erfahrung. Egal ob für den Job der Lokführerinnen, für Pflege-Azubis, Referentinnen für Vorstandsvorsitzende oder für Bewerber und Bewerberinnen für den Vorstandsposten selbst.

1. Machen Sie den Smalltalk mit

Für die Gastgeber mit dem Jobangebot ist es vielleicht einfach ein schöner sonniger Tag, für Sie geht es um Ihre Zukunft. Da ist es klar, dass die Anderen eher zu lockerer Plauderei aufgelegt sind, als Sie selber. Da könnte man auf die Idee kommen: Ich spare meine Energie für die wichtigen Fragen später. Aber denken Sie dran: Jemand, der Sie nicht kennt, kann Sie nach den ersten ein, zwei Minuten nur auf Basis dessen einschätzen, was Sie zur Begrüßungszeremonie beigesteuert haben. Und der erste Eindruck zählt: Wirken Sie anfangs auf die Anderen zugeknöpft, müssen Sie dieses Image später erst wieder korrigieren. Kommen Sie von der ersten Sekunde an aufgeschlossen und sympathisch rüber, ist Ihnen jeder erst einmal wohl gesonnen.

Die klassische Smalltalk-Frage ist: „Sind Sie gut hergekommen?“ Da können Sie jetzt sagen: „Jaja, alles gut.“ Aber nutzen Sie diese Stelle ruhig für ein paar kurze Beschreibungen: „Im Großen und Ganzen ja. Aber auf das Baustellengewirr hinter der Autobahnabfahrt hatte mein Navi offenbar keine Lust. Insofern bin ich froh, dass ich pünktlich bin. Oder: Ich liebe ja Zugfahrten vor wichtigen Terminen. Da kann ich so schön aus dem Fenster gucken und die Gedanken schweifen lassen.“

Nehmen Sie das Gespräch an. Beim Smalltalk können Sie ganz lässig Dinge von sich preisgeben, die Ihnen für den ersten Eindruck zugute kommen.
Nutzen Sie den Smalltalk auch, um Gemeinsamkeiten mit den Anderen herauszuarbeiten. Da müssen Sie gar nicht heucheln. „Ah, die Keksmischung. Die liebe ich. Vor allem die Röllchen.“ Oder auf die Frage: „Kaffee?“ – „Och, wenn Sie einen mittrinken, gerne.“

2. Rechnen Sie mit einem Kaltstart

Wie wird das Gespräch wohl beginnen? Manche Gastgeberinnen und Gastgeber holen erstmal ein wenig aus, beschreiben den Job, für den Sie sich bewerben, reden über die Firmenphilosophie und geben Ihnen die Gelegenheit, Ihren Stuhl erst einmal etwas warm zu sitzen. Aber es kann auch anders laufen – ohne bösen Hintergedanken. Weil unterstellt wird, dass alle wissen, worum es geht. Da kann die erste Frage lauten: Sie interessieren sich also für einen Job bei uns. Warum?
Diese zugeben wenig originelle Frage entlockt einem schnell eine Antwort im Stil eines langweiligen Bewerbungsanschreibens: zu Ihrer Freude, dass die Stelle frei ist, Ihrer Qualifikation, den neuen Job als nächsten logischen Schritt in Ihrer Karriere. Aber das wissen die Anderen wohl schon dank Ihrer vorab eingereichten Unterlagen. Überraschen Sie mit knackigen persönlichen Antworten auf den Punkt. Etwa mit einer Geschichte aus Ihrem Leben, die klar macht, woher Ihr Interesse an der Materie kommt:

„Güterverkehr klingt vielleicht für viele hölzerner als etwa der Personenverkehr. Aber ich durfte mal einen Tag an einem Verladebahnhof dabei sein und war begeistert von…“
Schwärmen Sie dabei ruhig. Unterhalten Sie die Anderen. So entwickelt sich am ehesten ein Gespräch, weil bei Bedarf nämlich Nachfragen kommen. Auf die Sie dann wiederum knackig antworten können.

Eine andere typische Einstiegsfrage: „Warum sind Sie der/die Beste für die Stelle?“ Diese Frage spornt unangenehm zu Superlativen an. Lassen Sie sich nicht drauf ein. Sagen Sie als erstes etwas im Sinne: „Ich kenne die anderen Bewerber ja nicht. Ich halte mich aber für hervorragend qualifiziert wegen…“ Danach können Sie ganz in Ruhe von sich erzählen – ohne den Drang, sich über andere zu erheben.

Also, legen Sie sich vorab zurecht: Warum dieser Job und warum sind Sie dafür geeignet? Diese beiden Aspekte kommen natürlich praktisch immer vor.



3. Fangfragen: Denken Sie an Ihr Ziel

Je nach Mentalität der Teilnehmenden kann ein Vorstellungsgespräch auch zu einem kleinen Machtspiel werden. Symptom: Das Spiel mit den Fangfragen. Die Fragesteller dürfen fast alles, Sie fühlen sich dann oft als der oder die Getriebene. Brechen Sie da rhetorisch aus. Denken Sie an das Motto: Du darfst fragen, was du willst. Und ich darf antworten, was ich will.

In Schulzeiten haben wir gelernt: Eine sehr gute Antwort ist die, die aus Fragestellersicht volle Punktzahl gibt. Im Interview (sei es für einen Job oder auch ein journalistisches) gilt: volle Punktzahl, wenn die Antwort dem Ziel des Antwortenden dient.

Ihre Antworten sollen Ihnen nützen

Klassiker wie „Was ist Ihre größte Stärke/Schwäche?“ sollte keiner so beantworten, dass der Andere maximalen Erkenntnisgewinn in der Sache hat. Die beste Antwort ist die, die Ihnen nützt. Und oftmals geht es bei Fangfragen nicht um die sachlich korrekte Antwort, sondern um die Frage: Wie geht der Bewerber damit um?

Die Antwort auf die Frage nach der Stärke etwa entlarvt im Zweifel den Angeber. Und bei der Frage nach der Schwäche sind Sie nicht gut beraten, etwas preiszugeben, was Ihre Qualifikation in Frage stellt („Ich lasse mir nichts von anderen sagen“). Standard-Antworten wie „Ich bin immer so ungeduldig und perfektionistisch“ sind als Klassiker wiederum ausgelutscht.

Denken Sie an Ihr Ziel. Sie wollen überzeugen. Das gelingt etwa bei der Frage nach Ihrer Schwäche, wenn Sie dann eine Situation schildern, die jeder nachvollziehen kann und dann denkt: Ja, das macht menschlich. Oder sogar: Das kenne ich von mir. Etwa so: „Ich habe gemerkt, dass ich im Homeoffice echt nicht gut abschalten kann.“ Liefern Sie dann direkt die Lösung mit: „Aber ich habe mir angewöhnt, beim selbstgesteckten Feierabend Laptop und Unterlagen komplett wegzuräumen. Der Esstisch ist dann wirklich wieder 100 Prozent Esstisch.“

Auf diese Weise können Sie sogar heiklere Schwächen zugeben. Weil Sie sie vorbildlich im Griff haben: „Ich weiß, Delegieren liegt mir nicht im Blut. Dabei kann das Prozesse ausbremsen, wenn vieles bei mir aufläuft. Aber ich habe mir systematisch angewöhnt, Aufgaben abzugeben und habe nur gute Erfahrungen damit gemacht. Ich habe dann viel mehr Zeit für Neues.“

4. Betreten Sie die Metaebene

„Sind Sie für diesen Job nicht eigentlich überqualifiziert?“ Es gibt Momente in Vorstellungsgesprächen, da fängt das Hirn an zu rattern: Ist das eine Fangfrage? Die Antwort kenne ich nicht. Wollen die mich provozieren? Das Ergebnis mitunter: Langes Schweigen, rote Birne, stammeln, äh, äh, ömm. Die Rettung ist hier oft das Ausweichen auf die Metaebene: Reden Sie über das Gespräch. Das mag in einem Fernsehtalk der letzte Rettungsanker sein, in trauterer Runde bei einem Vorstellungsgespräch ist das aber letztendlich ein sympathisches Eingeständnis von Irritation. Und letztendlich Zeichen von Professionalität. Sagen Sie, wie Sie das Gespräch empfinden: „Ich habe gerade das Gefühl, Sie meinen die Frage gar nicht ernst, sondern wollen meine Nerven nur testen. Kann das sein?“

Das Gleiche, wenn Sie das Gefühl haben, die Atmosphäre kippt. Sprechen Sie es an, bevor es ohne Sie nachbesprochen wird: „Sie wirken auf mich gerade etwas skeptisch. Habe ich etwas gesagt, was Sie hat aufhorchen lassen? Ich möchte, dass Sie mich richtig verstehen.“

Über das Gespräch sprechen – die Rettung vor unausgesprochenen Gedanken, die einen verstummen und schüchtern oder unsicher wirken lassen.

5. „Haben Sie noch eine Frage?“ – „Ja!“

Oft fühlen sich die Anbieter einer vakanten Stelle in der überlegenen Position. Denn die haben ja schon einen Job in dem Unternehmen, in das Sie erst vordringen wollen. Dieses Überlegenheitsgefühl kann von Zeit zu Zeit durchblitzen, wenn durchgängig davon gesprochen wird, was der Bewerber für das Unternehmen tun kann und was von ihm erwartet wird. Gönnen Sie den Anderen dieses gute Gefühl, am längeren Hebel zu sitzen. Aber nur so lange, wie es Ihnen nicht schadet.

Dieses Über- und Unterordnungs-Gefühl mit klarer Wir-fragen-Sie-antworten-Systematik hindert mitunter Bewerber nicht nur daran, angemessen über Aufstiegs- und Gehaltsfragen zu sprechen, zu Arbeitszeiten, Urlaub und Homeoffice. Es nimmt ihnen manchmal auch die Möglichkeit, eigene Visionen zu entwerfen zum Inhalt der Arbeit, zur Zukunft der Branche und so. Aber es gibt immer diesen einen Moment: „Haben Sie noch Fragen?“ Wer hier nein sagt, vergibt eine wertvolle Chance, dem Gespräch bei Bedarf am Ende noch eine Wendung zu verpassen.

Der Haben-Sie-noch-eine-Frage-Moment ist Ihre Freifläche. Sie dürfen Fragen stellen, aber Sie dürfen auch einfach Dinge sagen wie: „Fragen nicht, aber ich würde gerne noch etwas erzählen/loswerden/vorschlagen.“ Und dann bringen Sie unter, was Sie unbedingt noch loswerden wollen, etwa, um noch mehr für sich selber zu werben, Gemeinsamkeiten abzuklopfen oder herauszustellen oder auch, um eine Schieflage im Gespräch geradezurücken (hier gerne auch auf der Metaebene) und unschön im Unklaren wabernde Missverständnisse abzuräumen. Die Frage nach der Frage wird so Ihr großes Finale auf der Bühne.

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Steigen Sie beim Smalltalk mit ein, rechnen Sie damit, zu Beginn ist kalte Wasser geworfen zu werden und paddeln Sie energisch los, machen Sie Antworten auf Fangfragen zu Werbebotschaften, wechseln Sie im Zweifel selbstbewusst auf die Metaebene und reden Sie über das Reden. Und sagen Sie niemals nein, wenn Sie noch Redezeit bekommen.

Wenn Sie das so ausprobieren, bleiben Sie danach bestimmt in guter Erinnerung. Viel Erfolg.

Mehr zum Thema: Ein Auftritt von Armin Laschet bei Markus Lanz hat gezeigt, wie brenzlig es wird, wenn man auf Nachhaken rhetorisch nicht vorbereitet ist. Was tun, wenn der Fragesteller in Schlachtlaune ist? Was Sie von Laschets Rhetorik lernen können.

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