Kinder, Küche, Karriere #1: „Ich will meinen guten Abschluss nicht für die Katz gemacht haben“
„Wenn man das mal an einem Krankheitstag macht, ist das eine Ausnahmesituation und stemmbar. Aber täglich ist das grauenvoll“, sagt Lena über Homeoffice mit Kind (Symbolbild).
Foto: CanvaIn unserer Interview-Reihe sprechen wir regelmäßig mit Berufstätigen, die Kinder haben. Sie berichten darüber, wie sie ihren Job und die Sorgearbeit miteinander vereinbaren, für welches Elternzeit- und Arbeitsmodell sie und ihr Partner sich entschieden haben und was ihnen dabei hilft, sich zu organisieren.
Lena ist 34 Jahre alt und Regionalverkaufsleiterin bei einem Discounter, betreut also mehrere Supermarkt-Filialen. Ihr Mann Roland (35 Jahre alt) arbeitet als Ingenieur bei einem Industrieunternehmen, seit diesem Jahr ebenfalls in einer Führungsposition. Die beiden leben mit ihren zwei Töchtern, die ein halbes Jahr sowie drei Jahre alt sind, in Moers. Zurzeit ist Lena noch in Elternzeit, nach der Geburt ihrer ersten Tochter hat sie bis zu ihrer zweiten Schwangerschaft bereits wieder in ihrem Job gearbeitet.
WirtschaftsWoche: Wie beginnen eure Tage, wenn du nicht gerade in Elternzeit bist?
Lena: Mein Mann fährt morgens früh los – sein Job beginnt schon um 7 Uhr – und ich bringe unsere Tochter zur Kita und fahre von dort aus weiter zur Arbeit. Das ist gegen 7.45 Uhr. Die Kita liegt auf dem Weg, dorthin brauche ich etwa 20 Minuten und zur Arbeit dann noch einmal eine halbe Stunde. Ich arbeite in Duisburg und habe dort zuletzt mehrere Filialen als Regionalverkaufsleiterin betreut, zwischen denen ich hin und her gependelt bin.
Wann müsst ihr aufstehen?
Mein Mann steht gegen sechs Uhr auf, ich meistens gegen viertel nach sechs, halb sieben. Dann mache ich mich fertig, frühstücke etwas und arbeite nebenbei schon mal, schreibe also Mails und führe Telefonate. Meine Tochter isst in der Kita, ich muss sie also nicht so früh wecken.
Wie werdet ihr das machen, wenn die Elternzeit mit deiner zweiten Tochter vorbei ist?
Auf jeden Fall anders. Ich habe eine 75-Prozent-Stelle mit 30 Stunden. Aber die Zeit wurde keineswegs eingehalten, ich habe eher 45 Stunden pro Woche gearbeitet. Zukünftig müssen wir es so handhaben, dass einer von uns die Kinder bringt und der andere sie abholt. Das werden wir dann im Wechsel machen und mit unseren Terminen auf der Arbeit abstimmen. Ich habe nämlich oft auch nachmittags Termine. Generell fürchte ich, dass mein Job mit zwei Kindern nicht machbar ist, wenn der Arbeitgeber nicht mitspielt. Und das ist bei mir leider der Fall. Da gibt es wenig Verständnis für Mütter.
Möchtest du in Zukunft auch weiterhin 30 Stunden arbeiten?
Für mich war immer klar, dass ich 30 Stunden arbeiten möchte. Finanziell wäre es zwar nicht unbedingt nötig, aber man weiß ja nie, was noch passiert und man macht es für seine Rente. Ich will auch meinen guten Abschluss nicht für die Katz gemacht haben. Ich kenne viele Frauen, die nur 20 Stunden arbeiten. 30 Stunden sind eigentlich nur umsetzbar, wenn die Kita nicht nur von 8 bis 15 Uhr auf hat und man das Kind bringen und abholen muss. Außer, man hat einen sehr flexiblen Arbeitgeber und darf auch im Homeoffice arbeiten. Mein Mann und ich ziehen bald um und müssen dann ohnehin nach einer neuen Kita schauen. Schön wäre es, wenn wir dort für beide Töchter einen Platz bekommen würden. Sonst müssen wir die Jüngere erst einmal zu einer Tagesmutter geben.
Wie viel arbeitet dein Mann?
Roland hat eine 40-Stunden-Woche. Er fängt um 7 Uhr an und arbeitet inklusive Pause bis 15.15 Uhr. Natürlich macht er nicht immer um diese Uhrzeit Feierabend, aber – anders als ich – kann er seine Überstunden auch abbauen. Meistens ist er spätestens zwischen 4 und halb 5 zuhause.
Wie ging euer Tag später in der Regel weiter?
Meistens war ich für die Arbeit unterwegs, bis ich meine Tochter gegen 15 Uhr abgeholt und dann Zuhause mit ihr gespielt und parallel gearbeitet habe. Wenn mein Mann nach Hause kam, hat er sie dann übernommen und ich konnte weiterarbeiten.
Wann hattest du denn Feierabend?
Ich habe meistens zwei bis drei Stunden von Zuhause aus weitergearbeitet, wenn nicht sogar länger. Oft genug musste ich auch Nachmittagstermine wahrnehmen. Dann hat entweder mein Mann meine Tochter abgeholt oder meine Großeltern haben uns unterstützt und ich kam gegen halb 7 nach Hause.
Wie seid ihr damit umgegangen, wenn eure Tochter krank oder die Kita geschlossen war?
An kitafreien Tagen haben meine Großeltern uns auch geholfen. Wenn das Kind krank war, ist mein Mann eingesprungen, weil wir die Über-Achtzigjährigen keiner Ansteckungsgefahr aussetzen wollten. Bisher war meine Tochter aber zum Glück noch nicht so oft krank. Sie hat im ersten Kita-Jahr nur zwei, drei Mal was mitgebracht. Kinder erholen sich ja auch schnell wieder. Das Pech war eher, dass ich mich oft angesteckt habe. Und als Erwachsener hängt man dann länger durch als die Kinder…
Wann sprechen dein Mann und du euch ab und wie behaltet ihr den Überblick?
Meistens besprechen wir am Wochenende gemeinsam die kommende Woche. Langfristige Termine, über die ich zum Beispiel schon im Januar Bescheid weiß, hält sich mein Mann natürlich schon vorher frei. Es ist notwendig, am Wochenende zu schauen, welche spontanen Termine dazugekommen sind und sich zu arrangieren. Ich glaube, Organisation ist die größte Kunst.
Wie machbar ist Homeoffice mit Kind überhaupt?
Das ist schon eine Herausforderung. Wir haben Glück und unglaublich liebe und einfache Kinder. Nichtsdestotrotz schafft man nicht die Arbeit, die man leisten kann, wenn kein Kind da ist. Man hat als Mama auch oft ein schlechtes Gewissen, wenn man immer am Telefon hängt. In meinem Job muss man unglaublich viel telefonieren. Das ist für ein Kind ja auch nichts. Das merkt ja, dass die Aufmerksamkeit – wenn überhaupt – nur zu 50 Prozent bei ihm ist. Wenn man das mal an einem Krankheitstag macht, ist das eine Ausnahmesituation und stemmbar. Aber täglich ist das grauenvoll. Man kommt im Job nicht dahin, wo man hin will und kann seine Aufgaben nicht in der Geschwindigkeit erledigen, wie man möchte. Und dem Kind kann man auch nicht gerecht werden.
Ich fände auch ein Modell gut, bei dem ich an einem Tag mal nur vier Stunden arbeiten kann, wenn ich an einem anderen zehn Stunden lang unterwegs gewesen bin. Aber das ist bei mir im Unternehmen nicht möglich. Ich bekomme so viele Termine, dass ich häufig nicht mal einen Tag freinehmen kann.
Konntest du das Problem mal ansprechen?
Ja, aber es gab dafür kein Verständnis. Das ist mit Sicherheit nicht überall so, aber an meinem Standort bin ich eine der ersten Mütter in dieser Position. In der Theorie war das super, aber in der Praxis nicht umsetzbar. Es bemüht sich auch niemand darum. Wenn ich gesagt habe, dass ich gerne frühere Termine hätte, um meine Tochter nachmittags aus der Kita abzuholen, hieß es: „Deine Kollegen müssen das machen, also machst du das auch.“
Und hättest du einfach weniger Überstunden machen können?
Nein, das hätte sich in schlechten Kennzahlen niedergeschlagen und dann wäre ich rausgegrault worden. Ich kenne eine Kollegin, der so etwas passiert ist.
Wie viel Zeit verbringen du und dein Mann jeweils mit unbezahlter Sorgearbeit, also mit Kinderbetreuung und -erziehung oder Hausarbeit?
Für gewisse Tätigkeiten haben wir einen festen Tag in der Woche verabredet, zum Beispiel putzen wir donnerstags das Bad. An einem anderen Tag in der Woche machen wir einen Großeinkauf. Roland kocht oft und unsere Tochter schaut dabei zu. Ansonsten muss man sagen: Wenn beide Partner berufstätig sind, bleibt im Haushalt einfach auch mal das eine oder andere liegen und es sieht nicht immer so aus, wie man es sich eigentlich wünscht. Ich habe tatsächlich eine Zeit lang auch schon morgens um 6 Uhr das Bad geputzt, während meine Tochter noch schlief, weil ich dann wusste, ich habe es erledigt.
Wann habt ihr Feierabend in Bezug auf eure Care-Arbeit?
Unsere Tochter schläft relativ lange, ich muss sie gegen halb acht 8 aufwecken. Dafür ist sie abends länger wach und schläft meist erst gegen halb 9. Beim Baby ist das noch nicht so planbar. Wir haben so gesehen noch anderthalb bis zwei Stunden einen gemeinsamen Abend als Paar. Allerdings hat man im Leben ja immer etwas zu erledigen. Ich führe eine To-Do-Liste über Dinge, die wir noch machen müssen, zum Beispiel einen neuen Stromvertrag abschließen oder eine Winterjacke für das Kind kaufen. An einem Abend arbeiten wir etwas von der Liste ab und an einem anderen Abend entspannen wir und schauen eine Serie.
Wenn du sagst, du führst die Liste: Ist es auch so, dass du mehr an die „unsichtbaren“ Aufgaben im Familienalltag denkst oder habt ihr das fair aufgeteilt?
Wir teilen uns die Aufgaben grundsätzlich gut auf. Aktuell mache ich etwas mehr, aber das finde ich auch okay, weil ich ja in Elternzeit bin. Ansonsten hat jeder so ein bisschen seine Bereiche: Roland kann gut kochen, aber er merkt eher selten, dass die Toilette geputzt werden muss. (lacht) Mich stört das nicht, Hauptsache, er macht was. Das Organisatorische mache eher ich. Ich glaube, bei ihm würde viel in Vergessenheit geraten, wenn ich das nicht aufschreiben und auch mal sagen würde: „Komm, erledige das mal“.
Wofür versucht ihr, euch einzeln oder gemeinsam Zeit zu nehmen – neben den üblichen Alltagsaktivitäten? Wie oft klappt das?
Seitdem die Kleinste auf der Welt ist, haben wir noch nichts zu zweit gemacht, weil ich noch stille. Aber davor, nach dem Abstillen des ersten Kindes, sind wir am Montagabend immer tanzen gegangen. Wir haben vor unserer Hochzeit einen Kurs angefangen und dann festgestellt, dass wir es schön finden, einen Abend in der Woche für uns zu haben und rauszukommen. Auch, wenn es nur eine Stunde ist. Wir waren auch immer mal wieder alleine essen und im Kino. Währenddessen hat meine Mama auf unsere Tochter aufgepasst. Solche Dinge nehmen wir uns regelmäßig heraus, ungefähr einmal im Monat. So werden wir es auch machen, wenn ich wieder abgestillt habe. Dann müssen wir nur schauen, ob sich die Oma das zutraut mit zwei Kindern. Ansonsten machen wir auch mal was einzeln, aber das meiste schon zusammen. Wir haben viele Freunde mit Kindern, treffen uns mit ihnen sonntags zum Kaffeeklatsch und samstags zum Grillen und dann haben Kinder und Erwachsene Spaß dabei. Als ich noch gearbeitet habe, habe ich aber immer gesagt, dass ich am Wochenende maximal eine Verabredung schaffe. Das war mir sonst zu viel. Zumal ich oft auch samstags arbeiten musste. Ich brauche auch mal Zeit, um runterzukommen oder mein Kind auch mal nur für mich zu haben.
Wie viel Elternzeit hast du genommen?
Bei unserer ersten Tochter hatte ich 14 Monate Elternzeit. Da von Anfang an klar war, dass erst ab August Kita-Plätze frei werden, wenn man nicht das Glück hat, unterjährig einen Platz zu bekommen – und das Risiko kann man einfach nicht eingehen – habe ich bis Ende August Elternzeit gehabt. Jetzt gerade habe ich anderthalb Jahre Elternzeit. Ich hätte es auch wieder 14 Monate lang gemacht, ich fand das perfekt und das Alter auch super für meine Tochter, um zur Kita zu gehen. Aber man kann sich nicht aussuchen, wann das Kind geboren wird. Deswegen habe ich auch wieder bis Ende August Elternzeit genommen.
Hat dein Mann auch Elternzeit genommen?
Ja, in beiden Elternzeiten hatten wir zwei Monate gleichzeitig. Wenn man es sich leisten kann, kann ich das nur empfehlen.
In welcher Spanne liegt euer verfügbares Netto-Haushaltseinkommen pro Monat?
Wenn wir beide arbeiten, liegen wir in der Spanne zwischen 8000 und 9000 Euro Netto-Haushaltseinkommen pro Monat. Ich habe nur zwölf Monatsgehälter, mein Mann hat 13 Monatsgehälter und bekommt auch Boni.
Gibt es ein (großes) Gehaltsgefälle zwischen euch?
Wenn wir beide 40-Stunden-Wochen hätten, würden wir in etwa gleich viel verdienen. Dadurch, dass ich eine 30-Stunden-Woche habe, verdiene ich weniger. Davon habe ich meine Entscheidung, wie viel Elternzeit ich machen möchte, aber ehrlich gesagt nicht abhängig gemacht. Wenn mein Mann mehr Elternzeit hätte machen wollen, hätte er das hoffentlich gesagt. (lacht) Ich habe das Kind neun Monate in mir getragen und hätte mir nicht vorstellen können, es meinem Mann nach der Geburt zu geben und zu sagen: „So, du machst jetzt weiter und ich gehe arbeiten“. Andererseits bin ich auch nicht die Mama, die drei Jahre lang zuhause bleibt. 14 Monate waren echt eine tolle Zeit.
Wie wohnt ihr?
Wir wohnen gerade noch in einer Mietwohnung. Die Wohnung ist günstig: 130 Quadratmeter, voll unterkellert, riesiger Garten, 1600 Euro warm. Wir wohnen hier erst seit zwei Jahren, haben aber kürzlich eine Bestandsimmobilie am Niederrhein gekauft, die kernsaniert wird. Dort haben wir dann 170 Quadratmeter. Wir machen viel in Eigenleistung. Darauf haben wir auch Lust, aber mit zwei Kindern ist das schon auch eine Herausforderung. Die Elternzeit hilft zeitlich einerseits natürlich dabei, aber andererseits bekomme ich ja nur zwölf von 14 Monaten Elterngeld, sodass nächstes Jahr eine kleine finanzielle Lücke entsteht.
Welche Auswirkungen hat euer Vereinbarkeitsmodell auf deine Karriere?
In meinem Unternehmen wird es Müttern, die auf Positionen wie ich sitzen, nicht leicht gemacht. Das höre ich auch von Kolleginnen. Ich glaube aber nicht, dass ich schlechtere Chancen als andere habe, wenn ich mich auf einen neuen Job bewerbe. Man muss das richtige Unternehmen finden. Außerdem muss man sich auch selbst Mühe geben: Ich bin nicht die Art Mama, die sich sofort einen freien Tag nimmt, wenn das Kind krank ist. Ich versuche eher, erstmal umzuorganisieren. Aber es ist eine große Herausforderung, nach der Elternzeit wieder in den Job reinzukommen. Unternehmen sind sehr schnelllebig, man macht wieder eine Einarbeitung, fängt neu an. Und auch die Umstellung, ein Jahr lang zuhause gewesen zu sein und dann plötzlich wieder arbeiten zu gehen, ist nicht zu unterschätzen – auch emotional. Das ist heftig. Ich bin froh, dass ich nach dem ersten Kind zwischendurch wieder arbeiten gegangen bin. Eine Kollegin von mir ist direkt nach ihrer ersten Elternzeit schwanger geworden und dann erst nach vier Jahren wieder zurück in den Job gekommen. Das stelle ich mir sehr schwer vor.
Gibt es etwas, das ihr ganz anders gemacht habt, als ihr euch das vorher vorgestellt habt?
Ehrlich gesagt, haben wir vorher nie so viel darüber geredet, wie wir uns das vorstellen. Man wird da einfach so reingeworfen. Aber ich glaube, genau das macht es auch aus. Davon sind wir beide überzeugt: Wenn man einfach macht und nicht zu viel nachdenkt, funktioniert es gut. Wir versuchen, unser Leben so anzupassen, dass wir glücklich sind. Sicher gibt es auch Leute, die es viel zu spät finden, wenn ihr Kind erst um 21 Uhr ins Bett geht. Aber für uns passt es und wir genießen es so. Was man vorher übrigens auch nie weiß, ist: Wie ist der Partner wirklich, wenn ein Kind da ist? Bei uns ist das große Glück, dass wir uns bei 99 Prozent aller Dinge einig sind.
Hinweis: Weil die Interviewpartnerinnen sehr persönliche Erfahrungen sowie konkrete Einblicke in ihre Finanzen teilen, möchten sie anonym bleiben. Die vollständigen Namen sind der Redaktion bekannt.