Freiberuflich arbeiten: Wachsende Unzufriedenheit: So geht es Deutschlands Selbstständigen
Die wirtschaftlich unsicheren Zeiten setzen den rund 1,5 Millionen Selbstständigen in Deutschland zu. Angesichts von Jobstreichungen und knappen Budgets in den Unternehmen erleben sie aktuell mehr Stillstand als Aufbruch. Zu diesem Ergebnis kommt eine umfangreiche Befragung des Jobportals freelance.de unter 2850 Freiberuflern. Der Report, über den die WirtschaftsWoche exklusiv vorab berichtet, gibt Aufschluss darüber, wie Selbstständige die Auftragslage einschätzen, welche Preise sie verlangen können – und welche Bereiche die lukrativsten sind.
Im Vergleich zu den Vorjahren zeigt sich 2025 ein deutlich angespannteres Stimmungsbild – sowohl finanziell als auch mit Blick auf die Projektlage und die politische Unterstützung. Gaben vor zwei Jahren noch 59 Prozent an, ihre Stundensätze in den vergangenen zwölf Monaten erhöht zu haben, sind es jetzt nur gut ein Viertel. 2023 waren noch 70 Prozent zufrieden mit ihrer finanziellen Situation, mittlerweile ist es noch die Hälfte der Befragten.
Die Stundensätze über alle Fachbereiche hinweg sind im Vergleich zum Vorjahr immerhin um knapp zwei Euro auf 100,50 Euro gestiegen. Am meisten Geld können Bildungsexperten und Coaches verlangen. Ihr durchschnittlicher Stundensatz beträgt 124 Euro. Im Einkauf sowie in der Logistik und Lagerhaltung sind es knapp 116 Euro.
Obwohl das Arbeiten als Selbstständige für maximale Selbstbestimmung steht, verdienen Männer und Frauen unterschiedlich viel. Während männliche Freelancer 2025 im Schnitt gut 102 Euro in der Stunde verdienen, liegt der durchschnittliche Stundensatz für Frauen acht Euro niedriger – ein Gender Pay Gap von rund elf Prozent. Den Daten von freelance.de zufolge hat sich das strukturelle Problem der ungleichen Bezahlung damit nicht entschärft. Die Lücke ist ähnlich groß wie in den vergangenen Jahren.
Daten zu Gender Pay Gap variieren
Ein etwas anderes Bild ergibt sich aus den Ergebnissen des parallel durchgeführten Freelancer-Kompasses des Konkurrenten Freelancermap, einer ähnlichen Befragung mit rund 3000 Teilnehmern. Demnach schließt sich die Lohnlücke zwischen Männern und Frauen kontinuierlich, auf nun drei Prozent. Männer verbesserten ihre durchschnittliche Vergütung von 102 Euro im Jahr 2024 auf 105 Euro, Frauen steigerten ihr Gehalt im gleichen Zeitraum im Schnitt von 98 auf 102 Euro. Vier von fünf Befragten waren grundsätzlich zufrieden mit ihrer Situation als Selbstständige.
In den Daten von freelance.de zeigt sich, dass die Geschlechterunterschiede vor allem im Marketing und in der Verwaltung besonders groß sind. Hier verdienen Männer durchschnittlich 16 beziehungsweise 35 Euro mehr. Die IT und das Bildungswesen sind hingegen für Frauen lukrativer, wenngleich mit deutlich geringerem Abstand.
Insgesamt haben deutlich weniger Freiberufler ihre Stundensätze erhöht als in den Vorjahren. Die große Mehrheit, 62 Prozent, hat ihr Honorar unangetastet gelassen. Elf Prozent senkten ihre Preise sogar.
Im vergangenen Jahr führte das in 44 Prozent der Fälle zu einem Überschuss von weniger als 50.000 Euro. Knapp ein Drittel machte mehr als 100.000 Euro Gewinn.
Zufrieden mit den Einnahmen als Selbstständige sind noch 53 Prozent. Der Anteil derer, die unzufrieden mit ihrem finanziellen Ergebnis sind, ist jedoch seit 2023 von zehn auf 23 Prozent gestiegen.
Auch über die Zukunft urteilen mehr Freiberufler skeptisch. Auf die Frage, welche Auftragslage sie für dieses Jahr erwarten, sagten fast zwei Drittel: eher oder sehr schwer. 2024 lag dieser Wert bei weniger als der Hälfte, 2023 bei knapp einem Viertel.
Da verwundert es kaum, dass Auftragslage und finanzielle Unsicherheiten die größten Stressfaktoren für Selbstständige sind. Knapp ein Drittel stresst außerdem der Zeitdruck bei Projekten.
Trotz all der Widrigkeiten hat das freie Arbeiten nach wie vor viele Vorteile. Die Hauptmotive für die Befragten liegen eben in jener Unabhängigkeit. Ebenfalls rund drei Viertel freuen sich darüber, Arbeitszeit und Arbeitsort flexibler wählen zu können.
Der Weg in die Selbstständigkeit
Wer darüber nachdenkt, den Schritt in die Selbstständigkeit zu wagen, sollte ausreichend finanzielle Puffer haben. Wie groß genau, das hängt von den persönlichen Lebensumständen ab: Wie viele Kinder sind zu versorgen, wie viele Familienangehörige zu pflegen, wie viele Kredite abzubezahlen? Unabhängig davon hat Hartmut Walz, Verhaltensökonom mit Schwerpunkt Finanzen, eine Faustregel: Es sei „erstrebenswert, sechs bis zwölf Monate ohne Einkommen überleben zu können“, sagt er. Rund 22.300 Euro, so viel empfehlen die von Freelancermap Befragten durchschnittlich als Rücklage.
Vorausschauend zu wirtschaften bleibt eine Kernkompetenz, auch wenn das Business in Gang gekommen ist. Denn größtmögliche Freiheit hat auch Nachteile: viel Bürokratie, Papierkram für Versicherungen, Steuern, Angebote, die man selbst erstellen muss – und die Notwendigkeit, privat fürs Alter vorzusorgen. „Ist das Vermögen nicht groß genug, bleibt am Ende des Geldes zu viel Leben übrig“, weiß Hartmut Walz. Im Schnitt legen Selbstständige deswegen monatlich 1100 Euro zurück. Die meisten Euro investieren sie in Wertpapiere, die gesetzliche Rentenversicherung und Immobilien.
Erstpublikation: 02.04.2025, 08:26 Uhr.