Aya Jaff beim Innovation Day: „Die drei Monate wollte man mir nicht geben“
Ohne gesunden Größenwahn geht es nicht, sagt Aya Jaff.
Foto: WirtschaftsWocheMit Listen, die die Besten auszeichnen, ist es so eine Sache: Sie können Fluch und Segen zugleich sein für die Prämierten. Wer mit 25 Jahren zum Beispiel mal auf der „Forbes 30 under 30“ gelandet ist, verspürt noch Jahre danach den Druck, dieser Auszeichnung gerecht zu werden. Hinzu kommt das Gefühl der Ungerechtigkeit, das opake Bewertungskriterien bei denjenigen hinterlassen, die nicht ausgezeichnet wurden. Bei Aya Jaff hat man zumindest den Eindruck, dass die 30-Jährige so viele Aktivitäten verfolgt, dass irgendeine schon die frühe Aufmerksamkeit rechtfertigen wird, die sie 2019 erhielt, als sie sich auf eben jener Liste wiederfand.
Beim WirtschaftsWoche Weltmarktführer Innovation Day in Erlangen spricht Jaff darüber, wie es dazu kam. Fazit: Ohne gesunden Größenwahn geht es nicht.
Jaff weiß, wovon sie redet. Ihre Karriere hat sie schon früh ins Silicon Valley und die dortige Start-up-Szene geführt – und wieder zurück.
Einzige Bewerberin
Die 1995 im Nordirak geborene Kurdin emigriert mit ihrer Familie ins fränkische Schweinfurt, als sie zwei Jahre alt ist. Sie studiert Wirtschaftsinformatik an der Technischen Hochschule Nürnberg. Das Studium bricht sie ab, ihre Programmierfähigkeiten aber setzt sie weiter ein. In Zusammenarbeit mit der Eliteuniversität WHU und Telefónica entwickelt sie eines der größten Social-Trading-Börsenspiele namens Tradity. Sie erhält ein Stipendium für Start-up-Unternehmer an der Draper University im Silicon Valley.
Weltmarktführer Innovation Day in Erlangen: Aya Jaff im Gespräch mit WiWo-Journalisten Kristin Rau.
Foto: WirtschaftsWocheJaff hatte sich als einzige Frau beworben. Eigentlich hätte sie in Kalifornien mit einer Business-Idee auftauchen sollen. Hatte sie aber nicht. Tim Draper, Gründer der Universität und Investor bei Tesla, Baidu, Twitter oder SpaceX, ist von ihrer Chuzpe dennoch so fasziniert, dass er ihr einen Arbeitsvertrag anbietet. Jaff nimmt an – und geht nach einem halben Jahr zurück nach Deutschland, um dort Sinologie und Wirtschaftsökonomie zu studieren.
Der Ruhm aber bleibt. Sie landet 2019 auf der „Forbes 30 under 30“-Liste, sowie auf der „20 under 20 Digital Pioneer“-Liste der Fachzeitschrift t3n betitelt. Dementsprechend oft landet ihr Gesicht auf dem Titelbild diverser Magazine, und Frauenmagazine reißen sich um Porträts von „Miss Code“. Den Titel weist Jaff übrigens als „sexistisch“ zurück – denn er würde ihr Geschlecht unnötig in den Vordergrund rücken.
„Typisch deutsch“
Heute beschäftigt sich Jaff vor allem mit Geschlechter- und Generationen-Gerechtigkeit und künstlicher Intelligenz. Eines ihrer Start-up-Projekte ist jüngst daran gescheitert, dass Jaff es ablehnte, „einen Algorithmus von Menschen aus dem Globalen Süden trainieren zu lassen“. „Die drei Monate mehr, die es gebraucht hätte, um ethischen Werten gerecht zu werden, wollte man mir nicht geben“, sagt sie auf der Bühne in Erlangen.
Mittlerweile sieht sie die Diskussionen um die vielfältigen ethischen Aspekte künstlicher Intelligenz zwar als „typisch deutsch“, aber eben auch als Stärke. „Ich glaube, gerade durch die vielen Fragen, die wir uns stellen, können wir einen Mehrwert schaffen.“
Derzeit ist Jaff beim Pre-Idea Fellow-Programm von EWOR als Mentorin und Partnerin. EWOR steht für „Entrepreneurial World“ und ist eine Inkubator-Plattform, die darauf abzielt, junge Unternehmer zu unterstützen. Das Programm richtet sich an junge Gründer ohne konkreten Geschäftsplan. Sie unterstützt die Teilnehmer darin, eigene Ideen zu entwickeln und sich im Start-up-Universum besser zurechtzufinden.
Ihre Erfahrungen mit der deutschen Start-up-Szene sind differenziert. Potenzial sei reichlich vorhanden, sagt sie. „Aber die Investmentsummen sind dann oft enttäuschend, und ein Bruchteil dessen, was in Kalifornien täglich über den Tisch geht.“ Eins aber sei auf beiden Seiten des Ozeans gleich: Einen gesunden Größenwahn brauche man als Gründer, sowohl in den USA als auch in Deutschland.
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