Gründer in Baden-Württemberg: Schaffe, schaffe, Start-up baue
Unterschätzte Metropolregion: Rund um Stuttgart sind viele Weltmarktführer zu Hause.
Foto: imago imagesDas Start-up ist gewachsen – doch bleibt sich bei der Einrichtung treu: Immer noch arbeiten einige Mitarbeiter von Flip an Schreibtischen, die in den Anfangstagen selbst zusammengezimmert wurden. „Wir wollen nicht für Luxusmöbel Geld ausgeben, wir wollen in die richtigen Dinge investieren“, betont Gründer Benedikt Ilg. Von den mittlerweile 150 Mitarbeitern, die eine App für Mitarbeiterkommunikation bauen und verkaufen, sitzen die allermeisten im Stuttgarter Büro: „In der Hinsicht sind wir sicher ein sehr schwäbisches Unternehmen“, sagt Ilg.
Das gilt für einige Gründungen in und um Stuttgart herum. Die Region hat sich später als andere deutsche Großstädte als Metropole für Start-ups positioniert. Jetzt aber steigt nicht nur das Interesse bei etablierten Unternehmen, die in Partnerschaften mit den Gründern eine Art sehen, den Strukturwandel zu meistern. Und jetzt nehmen auch die Fördermöglichkeiten an Fahrt auf. Mit Start-ups wie Laserhub, Anydesk oder Sparetech arbeiten sich einige Gründungen gerade erfolgreich voran. Und plötzlich finden sogar Investoren Sparsamkeit sexy: „Jetzt, wo die Großwetterlage nicht optimal ist, ist das schwäbische Unternehmertum ein klarer Wettbewerbsvorteil“, zeigt sich Flip-Gründer Ilg überzeugt. Gute Aussichten für die regionale Gründerszene.
Besonders hilfreich ist in jedem Fall die physische Nähe zu potenziellen Kunden, trotz überwiegend digitaler Geschäftsmodelle. 71 Prozent der baden-württembergischen Start-ups arbeiten eng mit etablierten Unternehmen zusammen, zeigte eine Sonderauswertung des Deutschen Start-up-Monitors in diesem Frühjahr, einige Prozentpunkte mehr als im Bundesschnitt. Zu den frühen Nutzern von Flip zählten etwa Autobauer Porsche, Zulieferer Mahle oder die Württembergische Versicherung, alle nur wenige S-Bahn-Stationen vom Flip-Büro entfernt. Die ersten Verträge brachten schnell erste Umsätze für das Start-up. Und, noch relevanter, die entsprechende Reputation: „Man braucht einen gewissen Kundenstamm, damit sich das Vertrauen bei den Unternehmen einstellt“, sagt Ilg, „das hat uns Stuttgart ermöglicht.“
Schmerzvolle Erfahrung als Startvorteil
Die Verbindung zwischen etablierten Unternehmen und Start-ups ist auch noch aus einem anderen Grund eng. Viele Gründerinnen und Gründer haben zumindest ein Stück weit Karriere in den Konzernen gemacht, bevor sie ihr eigenes Unternehmen starteten. Viele Probleme, die sie heute lösen wollen, haben sie in der Praxis selbst erlebt. „Den Schmerz des Kunden selbst erfahren zu haben, ist entscheidend, um mit der nötigen Ernsthaftigkeit zu gründen“, sagt Lukas Biedermann.
Er und sein Mitgründer Martin Weber arbeiteten als interne Berater bei Porsche unter anderem daran mit, die Produktion des Modells Macan in Leipzig mit aufzubauen. Immer wieder stockte das Projekt: „Da haben wir das Problem im Ersatzteilmanagement das erste Mal erlebt“, sagt Biedermann. Die Plattform ihres Start-ups Sparetech listet nun alle benötigten Bauteile aus der Produktion auf – und zeigt auf, wo und wie sie beschafft werden können. Zunächst arbeiteten sich die Gründer in der Autobranche vor, heute gehören zudem Unternehmen wie Bosch oder Festo zum Kundenstamm. Doch seit diesem Jahr hat Sparetech andere Branchen erschlossen, etwa die Lebensmittelindustrie.
Zwischen alten Wurzeln und neuen Geschäftsmodellen
Diese Erweiterung ist auch für das Stuttgarter Ökosystem eine spannende Frage: Wie nah will man an der alten Industrie dranbleiben, wie viel neues muss kommen? Viele bestehenden Firmen entstammen dem produzierenden Gewerbe, einige davon haben mit dem Auto zu tun. „Unsere Aufgabe ist es, Stuttgart als Innovationsmetropole zu positionieren“, sagt Bernhard Grieb, Leiter der städtischen Wirtschaftsförderung, „dabei stehen smarte Technologien im Mittelpunkt und das Thema Mobilität wird natürlich über das Auto hinausgedacht." Nah an der Branche, aber mit einem neuen Geschäftsmodell, sind Start-ups wie der Auto-Abo-Dienst Vivelacar unterwegs. Etwas weiter weg ist das Wasserstoffflugzeug H2Fly, das aus dem Deutschen Zentrum für Luft- und Raumfahrt (DLR) ausgegründet wurde.
Ebenfalls am Thema Wasserstoff arbeitet das junge Unternehmen Globe Fuel Cell Systems, das im ersten Schritt Gabelstapler mit Brennstoffzellen entwickelt. „Born at Mercedes-Benz“ schreibt das Start-up auf seine LinkedIn-Seite. Heute gehört es zum Company-Builder 1886Ventures, der ursprünglich von dem Autohersteller ins Leben gerufen wurde – aber vor knapp zwei Jahren mehrheitlich von einer Gesellschaft des GFT-Gründer Ulrich Dietz übernommen wurde.
Auch Initiativen wie die „Startup-Autobahn“, unterstützt von Firmen wie Mercedes Benz, Porsche, Webasto oder Bosch, zeigen: Die Grenzen zwischen bestehenden Unternehmen und Start-ups verschwimmen immer wieder. Im Guten wie im Schlechten. „Wenn man die Straße herunterguckt, sieht man eben auch überall Konkurrenten im Werben um Mitarbeiter“, sagt Flip-Gründer Ilg. Auch Konzerne und Mittelständler suchen nach Datenwissenschaftlern und Geschäftsmodellentwicklerinnen – und locken mit internationalen Karrieren und guten Gehältern.
Ringen um den richtigen Raum
Schlecht stehen die Start-ups vor Ort nicht da – Anydesk erhielt im Winter 60 Millionen Euro Risikokapital, Flip im Frühling 30 Millionen. Doch laut Start-up-Monitor klagen im deutschlandweiten Vergleich viele Gründer aus Baden-Württemberg über den schwierigen Zugang zu Wagniskapital. Und das, obwohl die privaten Vermögensverwaltungen vieler Familienunternehmer in der Region gut gefüllt sein dürften. „Das Geld kommt, aber es kommt nicht unbedingt aus Baden-Württemberg“, beobachtet Sparetech-Gründer Biedermann.
Ebenfalls ein Nachteil: Im engen Talkessel von Stuttgart ist der Raum knapp und teuer. „Innovation braucht Freiraum – aber eben auch Raum“, sagt Sparetech-Gründer Biedermann. Das gilt zum einen für nötige Büroflächen, die Gründer vergleichsweise flexibel verkleinern und vergrößern können. Und zum anderen für Möglichkeiten, dass auch Hardware-Start-ups sich ausprobieren können. „Es geht der Raum für die Start-ups, die eigene Testanlagen haben oder Fläche für ihre Produktherstellung benötigen“, sagt Grieb. Diese Aufgabe hat sich der Wirtschaftsförderer, seit März im Amt, vorgenommen.
Eine andere Herausforderung für die Wirtschaftsförderer: Einen Überblick über die vielen kleinteiligen Angebote in und um die Landeshauptstadt herum zu schaffen. Viele Initiativen bemühen sich um Gründerinnen und Gründer. Von EnBW mit aktiver Beteiligungsgesellschaft über IT-Dienstleister GFT mit ihrer Digitalinitiative CodeN, die KI-Forschungskooperation Cyber Valley mit Standorten in Stuttgart und Tübingen und die Angebote der Hochschulen bis zum eigenen M-Tech-Accelerator. Im November fängt ein eigener Start-up-Koordinator in seiner Abteilung an: „Seine Aufgabe ist es, die vielen Akteure und Unterstützungsangebote zu koordinieren und mögliche Förderlücken zu identifizieren“, sagt Grieb.
Eine Herde Hidden Champions statt eines Einhorns
Die Start-up-Szene steht so vielleicht vor dem nächsten Sprung. Noch ist sie vergleichsweise jung. Als Mentoren und Sparringspartner dienen eher frühere Führungskräfte oder Familienunternehmer als routinierte Start-up-Spezialisten. Manche Fehler müssen die Stuttgarter daher selbst zum ersten Mal machen. In Berlin finanzieren dagegen frühe Mitarbeiter aus dem Rocket-Internet-Universum heute reihenweise Start-ups, in München betätigen sich Personio-Chef Hanno Renner, die Celonis- oder die Flixbus-Gründer als Business Angels.
Das Stuttgarter Einhorn, also ein Start-up mit einer Milliarden-Bewertung, fehlt. Noch. Als besonders aussichtsreicher Kandidat gilt das Start-up Anydesk, das von ehemaligen Teamviewer-Mitarbeitern gegründet wurde und zuletzt von Investoren mit etwa 600 Millionen Euro bewertet wurde. Einige andere Gründungen dürften aber bereits den Bereich der dreistelligen Millionenbewertung erreicht haben. Beobachter in Baden-Württemberg deuten daher den Fakt des fehlenden Super-Start-ups kurzerhand zur Stärke um: „Klar ist es schön, wenn man einen Weltkonzern oder ein Unicorn vor der eigenen Haustür hat“, sagt Wirtschaftsförderer Grieb. „Aber für uns ist es auch wichtig, dass die Mittelständler der Zukunft in Stuttgart sitzen. Dadurch erhöhen wir vor allem die Krisenresilienz des Standortes.“
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