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„Hinterland of Things“ „Deutschland ist nicht mehr nur Copy-Cat-Nation“

Sorgte für Stimmung: Gründer Justin Halsall auf der „Hinterland Stage“. Quelle: Benjamin Janzen

Die einen haben frische Ideen, die anderen wertvolle Kontakte: In Ostwestfalen haben Gründer und traditionsreiche Mittelständler ein eindrucksvolles Netzwerk geschaffen.

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Oscar Jazdowski kennt Deutschland inzwischen so gut, dass er sogar mit dem alten Scherz vertraut ist, dass es Bielefeld gar nicht gebe. „Unglaublich“, sagt der gebürtige Brite. „Dabei ist hier in der Gegend doch so viel los.“

Seit 18 Monaten baut Jazdowski das deutsche Geschäft für die Silicon Valley Bank auf. Das Unternehmen hilft Start-ups, aber auch Traditionsunternehmen nicht nur finanziell, sondern auch mit Kontakten, ihr Geschäft entweder groß zu machen – oder neu zu erfinden. Und dazu lohnt sich mittlerweile auch mal ein Ausflug nach Bielefeld. 

Deshalb ist Jazdowski wie Hunderte andere Vertreter der Gründerszene an diesem regnerischen Donnerstag in einen alten Lokschuppen nahe des Bielefelder Hauptbahnhofs zur Konferenz „Hinterland of Things“ gekommen. Die einen haben frische Ideen mitgebracht, die anderen wertvolle Visitenkarten, aus denen sich im besten Fall später Ratschläge, Aufträge oder gar Finanzierungsrunden ergeben.

Zoe Adamovicz, Christian Leybold und Oscar Jazdowski (von links nach rechts). Jazdowski kennt sogar den Witz, dass es Bielefeld gar nicht gebe. Quelle: Benjamin Janzen

Die Lokschuppen-Versammlung ist damit das Abbild einer in Deutschland einzigartigen Verbindung, die sich in den vergangenen Jahren in Ostwestfalen herausgebildet hat: Eine hohe Dichte heimlicher Weltmarktführer trifft hier auf eine vitale Gründerkultur, wie man sie sonst jenseits der Metropolen vergeblich sucht. So ist ein einzigartiges Netzwerk entstanden: Etablierte regionale Firmen wie Oetker oder Miele stellen in Hackathons ihre Probleme vor, damit Start-ups sich daran machen, diese zu lösen. Sie helfen beim Erstellen von Businessplänen.  Sie statten Co-Working-Spaces aus – und vergeben Risikokapital.

Pitch vorm Chef

Einer, der mehrere Unternehmerfamilien wie etwa Oetker, Porsche oder Otto davon überzeugt hat, ihr Geld in Risikokapitalfonds zu geben, ist Christian Miele, Partner bei e.ventures. „Für viele ist das mehr als ein Investment“, betont er. „Das ist ein wichtiger Teil der Unternehmensstrategie geworden, um gewisse Entwicklungen auf dem Radar zu haben.“ Denn in einer Zeit, in der neue Technologien etablierte Geschäftsmodelle durcheinanderbringen, brauchen nicht nur die Start-ups die Mittelständler – sondern auch die Mittelständler die Start-ups.

Und aus Sicht von Christian Miele, dessen Ururgroßvater einst im nahen Gütersloh jenes Unternehmen gegründet hat, das nun in aller Welt für seine Haushaltsgeräte geschätzt wird, gebe es in Deutschland inzwischen eine Menge Start-ups, die echte Innovationen hervorbringen: In Berlin und München, aber durchaus auch mal in Chemnitz. „Deutschland ist nicht mehr nur die Copy-Cat-Nation.“

Bei Wago, einem Anbieter von Automatisierungstechnik, sehen sich alle Geschäftsbereiche systematisch nach Start-ups um, erzählt Mareen Vaßholz. Aber nicht immer muss der Anstoß von außen kommen. Vaßholz, die den Titel „Digital Transformation Manager“ trägt, hat dafür gesorgt, dass sie nun auch im Unternehmen genauer nach Innovationen suchen. Kurz vor Weihnachten haben sie Boxen verteilt – mit einer Anleitung zum Design Thinking. Die soll Mitarbeitern mit einer guten Idee helfen auszuloten, ob sie sich da nur ein tolles technisches Tool ausgedacht haben – oder wirklich an der Lösung eines Problems dran sind.

Nach acht Wochen haben elf Mitarbeiter ihre Ideen vor einer Jury aus dem oberen Management gepitcht. Ein Hauch von „Die Höhle der Löwen“. Statt eines Investors wie bei der Fernsehshow gab’s bei Wago einen Sponsor – und der besorgt dem Mitarbeiter im Unternehmen nun genau das, was dieser für die Umsetzung seiner Idee braucht: ein bisschen Zeit oder ein bisschen Budget. Sieben Ideen aus den Pitches werden nun bei Wago umgesetzt – und helfen irgendwann vielleicht einmal dabei, den Vertrieb zu vereinfachen oder die Produkte zu verbessern.

Wenn der Rivale Millionen einsammelt

Vor einem Jahr hätte das noch nicht geklappt, räumt Vaßholz ein. „Dass wir viele Ingenieure mit tollen Produkt- oder Geschäftsideen haben, wissen wir – aber die Kollegen aus dem Vertrieb oder der Produktion hatten wir dafür nicht sofort auf dem Radar.“

„Vorsicht und Tiefgründigkeit, das sind eben Stärken, die uns groß gemacht haben“, begründet Jan-Hendirk Goldbeck, Managing Partner beim Bauunternehmen Goldbeck, warum noch nicht jeder traditionsreiche Mittelständler so wendig ist wie ein Start-up aus dem Silicon Valley. Man könne das gerade ganz gut an der Ankündigung von Elon Musk sehen, in der Nähe von Berlin eine Giga-Factory für Tesla hochzuziehen. „Die deutschen Ingenieure hören: Autofabrik. Aber Musk sagt: schnell.“

Denn letztlich, das wissen sie in Ostwestfalen, hängt der Wohlstand der Region auch von der Frage ab, ob sich die Familienunternehmen im weltweiten Wettbewerb behaupten. Der wichtigste Rivale von Goldbeck beispielsweise sitzt im Silicon Valley – und hat kürzlich mehr als 800 Millionen US-Dollar in einer von Softbank angeführten Finanzierungsrunde eingesammelt. Als Jan-Hendirk Goldbeck das hörte, da musste er doch etwas schlucken, wie er nun einräumt. „Wenn Geld gar keine Rolle mehr spielt, nun ja, da kommen wir mit unserer umsichtigen Art zu investieren natürlich nicht mehr ganz mit.“ Und, ja, das könne einem schon Angst machen.

Das Silicon Valley, Banker Oscar Jazdowski winkt ab, das sei ohnehin einzigartig. „Damit kann sich keine Region wirklich vergleichen“, sagt er. Es klingt ein wenig, als wolle er den Ostwestfalen etwas Mut machen. Und es scheint zu wirken. Gerade in Sachen Selbstmarketing haben sie sich hier in Bielefeld schon etwas vom Valley abgeschaut. Das größte Problem von Ostwestfalen sei vermutlich, dass sie Ostwestfalen sind, sagt Mareen Vaßholz. „Wir reden nicht viel über das, was wir gut können. Zum Glück ändert sich das gerade.“

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