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Start-ups in der Coronakrise Liquiditäts-Winter nach goldenen Jahren

Waren bis vor kurzem noch stolz darauf, mit dem Staat so wenig wie möglich zu tun zu haben: Gründer und Kreative im Berliner Café St.Oberholz. Quelle: dpa Quelle: dpa

Lange zelebrierten Tech-Start-ups den freien Markt. In der Krise rufen sie nun besonders laut nach dem Staat. Wo gestern noch die beste Börsenstory zählte, rettet sich jetzt, wer am schnellsten KfW-Anträge stellt.

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„Viele Telefonate, viele WhatsApp-Nachrichten – aber auch abendliche Videocalls mit dem einen oder anderen Gläschen Wein“ hätte es in den vergangenen Tagen mit dem Start-up-Beauftragten des Bundeswirtschaftsministeriums, Thomas Jarzombek, gegeben, berichtet Christian Miele, Präsident des Bundesverbands Deutsche Startups. Es gab schließlich einiges zu bereden: Ein Großteil der deutschen Start-up-Szene fürchtet in der Coronakrise das Aus. Eine Umfrage unter gut 1000 Digitalunternehmen, die der Verband nun vorstellte, belegt das. Gut drei Viertel der Start-ups sehen sich demnach in ihrer Existenz bedroht, einem Großteil droht nach eigener Einschätzung bereits in den kommenden sechs Monaten eine akute Gefährdung. „Wir haben festgestellt, dass das Bild dramatischer ist, als wir es für möglich gehalten haben“, kommentiert Miele die Ergebnisse.

Es droht der Crash eines mühsam aufgebauten Ökosystems. Die vergangenen Jahre waren golden: Jedes Jahr stieg die Summe des eingesammelten Kapitals – für 2019 vermeldete etwa die Beratungsgesellschaft EY 6,2 Milliarden Euro Risikokapital, ein Plus von etwa 36 Prozent. „Es ist sehr viel und ausreichend Liquidität im Markt – mit weiterhin stark ansteigender Tendenz“, sagte EY-Partner Peter Lennartz noch im Januar. Gründer kokettierten mit Millionen-Investments und Milliarden-Bewertungen, einige der besonders schnell wachsenden Digitalunternehmen fingen an, sich Pläne für einen Börsengang zurecht zu legen.

Start-ups stehen am Scheideweg

Jetzt ist alles anders. Geschäftskunden stornieren Verträge und stoppen Innovationsprojekte. Wer für dieses Frühjahr eine neue Finanzierungsrunde eingeplant hatte, der muss bangen. „Wir wollten die eigentlich im April abschließen“, sagt Amelie Vermeer, Mitgründerin von Spoontainable, „aber das wird sich herauszögern – oder sogar abgesagt.“ Umsätze macht das junge Unternehmen aktuell keine: Die essbaren Löffel aus Nahrungsfasern trafen in der Gastronomie den Nachhaltigkeitstrend – jetzt sind die Läden geschlossen und die Gastwirte kämpfen selbst um ihre Existenz. Immer mehr Geld floss in den vergangenen Jahren auch von ausländischen Investoren, vor allem aus den USA. Die werden ihr Investment nun massiv zurückfahren. Das wird vor allem größere Start-ups, die zweistellige Millionenbeträge brauchen, in diesem Jahr vor enorme Probleme stellen, zeigt eine aktuelle Erhebung des Dateninformationsdienstes Dealroom.

Die Branche, die sich gerne als Disruptor von etablierten Geschäftsmodellen positioniert, reiht sich daher ein in die Reihe der hilfesuchenden Unternehmen. Zwei Drittel der vom Startup-Verband befragten Unternehmen planen, Hilfsmaßnahmen zu beantragen. „Mit jedem neuen Angebot steigt dieser Wert sicher noch mal an“, heißt es dazu vom Verband. Denn die erste große Hilfswelle des Staates lief für viele Start-ups ins Leere: An Kredite über die Förderbank KfW kommen sie kaum heran. Zum einen wiesen die meisten Digitalunternehmen zum Stichtag 31. Dezember 2019 planmäßig Verluste auf – schließlich steht das Wachstum im Fokus. Zum anderen fehlt vielen der jungen Firmen schlicht ein enger Draht zu einer Hausbank.

Die Start-up-Szene steht daher jetzt vor einem Drahtseilakt: Passende  staatliche Hilfen sind nötig, um viele der hochinnovativen jungen Unternehmen durch die Liquiditätskrise zu retten. Ein Gießkannenprinzip aber würde auch vielen Start-ups helfen, die es wegen eines schlechten Produkts oder einer wackeligen Strategie allein schlicht nicht bis zur nächsten Finanzierungsrunde geschafft hätten. „Die Start-up-Szene ist am Scheideweg“, sagt Verbandspräsident Miele, „wir müssen zeigen, dass wir verantwortungsvoll mit den Geldern umgehen.“ Noch drastischer formuliert es Jarzombek, der als Beauftragter des Wirtschaftsministeriums für die Digitale Wirtschaft und Start-ups der erste Ansprechpartner auf Regierungsseite ist: „Wir können nicht das Steuergeld von Busfahrern und Krankenschwestern in Firmen geben, die dann nur drei Monate länger künstlich beatmet werden.“ Die intensiven Verhandlungen haben dabei bereits einiges in Bewegung gebracht – der Verband lobt ausdrücklich die unbürokratische Hilfe der Politik. 

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