Bildung Stoppt die Noteninflation!

Der Hochschulverband problematisiert endlich die Entwertung guter Noten. Diese Inflation schadet der gesamten Gesellschaft. Sie ist eine Folge falscher Bildungspolitik, die an den Schulen beginnt.

Was wirklich hinter Lernmythen steckt
Bloß nicht mit den Fingern rechnen Quelle: Fotolia
Eine Lehrerin schreibt mit Kreide an die Tafel Quelle: dpa
Schüler mit dem Smartphone auf dem Schulhof Quelle: dpa
Fehler helfen beim LernenWer sich beim Lernen häufig verhaspelt und die Lösung raten muss, lernt trotzdem was. Eine kanadische Studie hat gezeigt, dass die Gedächtnisleistung sogar von den Fehlern profitiert. Dies gilt allerdings nur, wenn die Raterei nicht völlig ins Kraut schießt, sondern nur knapp an der richtigen Lösung vorbei ist. Wer häufig fast richtige Vermutungen anstellt, dem helfen diese wie kleine Brücken beim Erinnern an die korrekte Information. Diesen Vorteil konnten die Forscher sowohl bei jüngeren als auch bei älteren Probanden feststellen. Wer sich selbst herantastet, profitiert davon also mehr, als wenn ihm die richtige Antwort vorgesagt wird. Quelle: Fotolia
Texte wiederholt zu lesen, heißt viel zu lernen Quelle: dpa
Gelerntes erzählen, hilft es sich zu merken Quelle: AP
Hochbegabte sind LernüberfliegerWer einen ungewöhnlich hohen IQ hat, ist in der Schule noch lange kein Überflieger. Weil viele Hochbegabte in der Schule unterfordert sind, markieren sie den Klassenclown und bekommen entsprechend schlechte Noten. Quelle: Fotolia

Man muss nun wahrlich nicht Präsident des Hochschulverbandes sein, um das Problem zu erkennen: An den Hochschulen grassiert mit beängstigender Dynamik eine Inflation der Noten. Ein „Summa cum Laude“ („Mit höchstem Lob“) für die Doktor-Arbeit ist längst nicht mehr die seltene Auszeichnung für das hochbegabte Genie, das es einst war. Und „Magna cum Laude“, eigentlich als eine glatte „Eins“ gedacht, ist schon das Mindeste für einen Promovenden, wenn er nicht blamiert dastehen soll.

Vor den Folgen dieser Entwertung warnten vereinzelte Professoren und Publizisten schon seit Jahren, als die Entwertung noch nicht die absurden Ausmaße der Gegenwart angenommen hatte. Sie blieben von Bildungspolitikern und -funktionären ungehört. Nun hat endlich Hochschulverbandspräsident Bernhard Kempen das Problem aufgenommen. Zur Entschuldigung für diese Verspätung mag man anführen, dass in seinem Fach, der Rechtswissenschaft, die Inflation seltsamerweise nicht oder kaum stattfindet.

Die Inflation beginnt natürlich nicht erst mit den Klausuren der Universitäten. Dort setzt sich ein Wahnsinn mit Methode fort, der in den Schulen beginnt.

Können Sie diese PISA-Aufgaben lösen?

Kempen weist den verbreiteten Begriff „Akademisierungswahn“ zurück. Er muss schließlich denen unter die Augen treten, die dafür in erster Linie verantwortlich sind: Die Bildungspolitiker. Man kann in diesem Fall allerdings durchaus von einem Wahn sprechen. Spätestens seit dem so genannten PISA-Schock von 2000 sucht die deutsche Bildungspolitik weitestgehend einhellig das Heil in immer weiter geöffneten Toren der Hochschulen. Die Erhöhung des Anteils der Abiturienten und der Zugangszahlen zu den Universitäten wurde – in folgsamer Hörigkeit gegenüber der OECD – mit erfolgreicher Bildungspolitik verwechselt. Für Politiker ist es stets bequem, den scheinbaren Erfolg mit Statistiken zu belegen.

Lehrer werden korrumpiert

Mehr Kinder mussten also zum Abitur geführt werden. Bildungspolitiker – in Nordrhein-Westfalen ist man hier besonders hemmungslos – garnieren das gerne noch mit der kümmerkitschigen Botschaft: „Kein Kind darf zurückbleiben“. In der Praxis ist das verführerisch einfach zu schaffen, denn das Kriterium fürs Scheitern bestimmen dieselben, die das Scheitern abschaffen wollen. Wer kann da schon widerstehen.

Die Ministerialbürokratie macht also auf höchsten Wunsch hin ihren Lehrern in kaum verklausulierter Weise deutlich, dass Schüler nicht durch schlechte Noten „demotiviert“ werden sollen. Die kommen diesem Wunsch umso lieber nach, als jedes „mangelhaft“ (die Note „ungenügend“ ist ohnehin so gut wie abgeschafft) für den benotenden Lehrer höchst arbeitsintensive Förder-Aktivitäten nach sich zieht.

Was Schüler in der neunten Klasse können sollen

Die Folge ist ein Anstieg der Abiturientenzahlen und ihrer Durchschnittsnoten. Dass diese nichts mit besseren Unterrichtsmethoden oder anderen pädagogischen Erfolgen zu tun haben, liegt nicht nur für die Professoren auf der Hand, bei denen die neuen Abiturienten dann verständnislos in der Vorlesung sitzen. „Oft müssen die Universitäten den Unterricht der Oberstufe nachholen“, sagt Kempen.

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