"Frau Müller muss weg!" Lass doch der Jugend ihren Lauf

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Das wahre Leben und der dumme Naina-Tweet

Unter dem medialen Dauerbeschuss dieser PISA-Panik-Propaganda verlieren Eltern jegliche Gelassenheit im Verhältnis zur Schullaufbahn ihrer Kinder. Angeheizt wird die Angst noch durch Elternratgeber, private Förderinstitute und Websites wie die „Lernplattform“ www.scoyo.de. Die hat eine Forsa-Umfrage in Auftrag gegeben, wonach ein Viertel der Mütter und Väter glauben, dass die „individuelle Förderung“ (die Wundermedizin der Bildungsökonomie) an den Schulen unbefriedigend sei.

„Immer mehr Mütter und Väter nehmen das Heft selbst in die Hand“, jubelt man bei scoyo. „Der Umfrage zufolge können sich insgesamt 83 Prozent aller befragten Eltern vorstellen, ihre Kinder mit zusätzlichen Lernangeboten zu unterstützen. Bei den Eltern sehr guter Schüler sind es sogar 86 Prozent.“ Angst ist bekanntlich ein guter Treibstoff für Geschäfte.

Was vielleicht noch trauriger ist als panische Eltern: Auch die Kinder selbst sind völlig verunsichert. Eine 18-jährige Twittererin, die sich Naina nennt, bekundete vor einigen Tagen ihr Unbehagen daran, dass sie in der Schule nichts über „Steuern, Miete und Versicherungen“ gelernt habe, sondern „Gedichtanalyse“. Naina beklagt, dass sie in der Schule nicht lerne, „wie man auf eigenen Beinen steht“.

Mit diesem Post hat Naina im Internet und in der Boulevardpresse eine Lawine an Aufmerksamkeit ausgelöst. Offenbar fühlen sich ganz viele Menschen in ihren Ängsten bestätigt, dass die Schulen alles falsch machen und nicht auf das Haifischbecken vorbereiten, das das wahre Leben ist. Naina sagt nun, dass sie den Hype nutzen will, um das Schulsystem zu „verbessern“. 14 Jahre PISA-Panik-Propaganda sind offensichtlich auch an den Schülern nicht spurlos vorbeigegangen.

Der einzig angemessene Kommentar stammt von Nainas Schulleiterin: „dumm und fahrlässig“. Man mag dem Mädchen den unreifen Unsinn angesichts ihres Alters verzeihen. Aber traurig ist, dass offensichtlich viele Tausend erwachsene Menschen in Sachen Schule ebenso verunsichert und haltlos sind wie das Mädchen.

Das Gezwitscher zum Thema erinnert nicht zufällig an die Eltern im Film. Nicht nur Frau Müller, sondern das ganz Schulsystem mit seinen angeblich überkommenen Vorstellungen von Bildung genießt kein Vertrauen mehr. Das ist der traurige Erfolg von 14 Jahren Bildungspolitik im Zeichen von PISA und Employability.

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Naina und den besorgten Eltern kann man derweil nur zurufen: Ohne Gedichte und andere unnütze Dinge, die man in der Schule glücklicherweise noch lernt, wäre das Leben nicht lebenswert. Und deswegen machen uns Lehrer in der Schule mit diesen Bildungsinhalten bekannt, weil viele Eltern es nicht können. Steuern, Miete und Versicherungen sind gerade nicht das Leben, sondern Alltag. Wie man den bewältigt und auf eigenen Beinen steht, lernt man noch früh genug und am besten nicht in der Schule. Manchmal kann man sogar seine Eltern fragen.

Wohltuend und befreiend spielen Hübner und Wortmann mit ihrem Film gegen das Panik-Orchester der Bildungsdebatte an. Ihre frohe Botschaft klingt schon zum Vorspann mit einem alten, sehr klugen Volkslied an, das dann als Rap erneut zum Abspann läuft: „Lass doch der Jugend ihren Lauf“.

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