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Metropolenvergleich Im Ruhrgebiet schlummert das neue Berlin

Der Regionalverband Ruhr bewirbt mitten in Berlin die Offenheit des Ruhrgebiets.  Quelle: Presse

In keiner Region studieren so viele Menschen wie im Ruhrgebiet. Eine neue Studie sagt: Bleiben diese Hochqualifizierten, könnte tief im Westen eine Dynamik entstehen wie im Berlin der Nullerjahre.

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„251.000 Studenten. Und alle haben eine Wohnung.“ Das ist die Botschaft, die in großen weißen Lettern auf dem lilafarbenen Aufbau eines Lastwagens, vor wenigen Tagen vor der Berliner Humboldt-Universität parkte. Darunter der Absender: Metropole Ruhr. 

Die Adressaten sind Berliner Studierende, die unter dem überhitzten Wohnungsmarkt der Hauptstadt leiden - und die der Regionalverbund Ruhr, der elf kreisfreie Städte und vier Kreise in der Region vertritt, nur zu gerne abwerben und tief in den Westen locken würden. Wer das Ruhrgebiet nur aus der Ferne kennt, dem wird dieser Versuch als von vornherein zum Scheitern verurteilt erscheinen. Ist die Region nicht vor allem bekannt für industriellen Niedergang, überschuldete Städte und stillgelegte Zechen? Was soll junge Menschen aus der lebendigen Weltstadt in die graue Provinz ziehen?

Glaubt man den Autoren einer neuen Studie im Auftrag des Regionalverbands Ruhr, die an diesem Donnerstag vorgestellt wird und der WirtschaftsWoche vorab vorliegt, gibt es für einen Umzug gleich mehrere gute Gründe. Nicola Werbeck und Dieter Hecht vom Ruhr-Forschungsinstituts für Innovations- und Strukturpolitik (RUFIS), die die Expertise verfasst haben, sehen die Metropolregion im Westen Nordrhein-Westfalens sogar mit ähnlichen Voraussetzungen ausgestattet, wie das Berlin der frühen 2000er-Jahre.

Lastwagen vor Humboldt Universität Quelle: Presse

Da wären zum einen die günstigen Mieten. Mit 6,26 Euro pro Quadratmeter liegen diese deutlich niedriger als in den Metropolregionen am Rhein, im Rhein-Neckar-Gebiet, in Hamburg, Frankfurt, Stuttgart, München oder eben Berlin-Brandenburg. Auch Kaufpreise für Immobilien seien mit 1796 Euro pro Quadratmeter im Vergleich am günstigsten. „Der Wohnungsmarkt ist ein wichtiger Standortfaktor“, sagt Nicola Werbeck, die an der Fakultät für Wirtschaftswissenschaften unterrichtet. „Aber auch das vielfältige kulturelle Angebot zieht Menschen an.“

Dazu kommt, dass sich die Hochschullandschaft an der Ruhr im Metropolen-Vergleich sehen lassen kann. Je 100 Quadratkilometer finden sich hier die meisten Hochschulen und Forschungseinrichtungen. Ein Indiz für die Qualität akademischer Arbeit in der Region lässt sich an den bisherigen Einreichungen beim Supermaster-Wettbewerb ablesen, den die WirtschaftsWoche gemeinsam mit dem Bundesverband Deutscher Volks- und Betriebswirte ausrichtet. Bislang (Stand: 25.02.) haben aus dem Ruhrgebiet die meisten wirtschaftswissenschaftlichen Absolventen ihre Masterarbeit eingereicht, noch vor den Studierenden aus München, Frankfurt, Berlin, Hamburg oder Köln. 

„Es etabliert sich hier eine neue Wissenskultur“, sagt Nicola Werbeck. Für den spezialisierten Masterstudiengang in ökonomischer Politikberatung etwa kämen Studierende aus vielen Regionen Deutschlands. In der Cybersicherheit habe sich das Horst-Görtz-Institut der Ruhr-Uni Bochum als Ort der Spitzenforschung etabliert. Auch dadurch gewinne das Ruhrgebiet an Strahlkraft.

Und nirgendwo leben so viele Studierende auf engem Raum: 49 gibt es hier pro 1000 Einwohner. Das fördert nicht nur den akademischen Austausch. Es dürfte auch ein Argument für jene Zuzügler sein, die sich in der Region auch einen neuen Freundeskreis aufbauen wollen. 

Ob das große Potenzial des Ruhrgebiets ausgeschöpft wird, ist fraglich 

In der Theorie klingt das alles gut: Günstige Mieten für Start-ups und ihre Mitarbeiter, ein breites kulturelles Angebot und eine dichte, gut vernetzte Hochschullandschaft gelten als der perfekte Nährboden für das, was der US-Ökonom Richard Florida einst als „creative class“ bezeichnete. Diese kreative Klasse bilden Forscher, Künstler und Unternehmer, die einem Standort oft besonders viele Innovationen und damit überdurchschnittliches Wachstum bescheren. Rund 71 Prozent der in der aktuellen Studie befragten 500 Unternehmen sehen auch deshalb großes bis sehr großes Potenzial im Ruhrgebiet. 

Ob dieses aber vollständig ausgeschöpft wird, hängt vor allem von einer Frage ab: Werden die jungen Menschen, die heute dort studieren, morgen auch noch dort leben? Gewiss nur dann, wenn sie nach ihrem Abschluss einen Job finden, der ihnen gefällt. Für Dieter Hecht, Professor für Volkswirtschaftslehre an der Hochschule Bochum, ist dies der entscheidende Punkt. „Die jüngsten Untersuchungen aus dem Jahr 2015 zeigen, dass es immer noch einen Brain Drain im Ruhrgebiet gibt“, so Hecht. Das heißt: Mehr Studierende wandern ab als zu.

Die Ursache dafür liegt seiner Ansicht nach allerdings nicht in der mangelnden Attraktivität des Ruhrgebiets. „Wir denken, es gibt zu wenig Arbeitsplätze für Hochqualifizierte“, so Hecht. Doch auch das könnte sich bald ändern. In Bochum siedelt die Max-Planck-Gesellschaft derzeit ein neues Forschungsinstitut für Cybersicherheit an, an dem Absolventen arbeiten könnten. Außerdem wolle der IT-Sicherheitsanbieter Escrypt auf einem Gelände, das früher dem Autobauer Opel gehörte, 2000 Stellen für Softwareentwickler schaffen.

„Wer schon im Studium über Praktika und Projektarbeiten Kontakt zu Arbeitgebern hat, tut sich bei der Jobsuche leichter“, sagt Nicola Werbeck mit Blick auf diese Neuansiedlungen. Ob das den Brain Drain aber stoppen kann, sei unklar, so die Betriebswirtin. Mehr wisse man erst im Juni 2020, bis dahin sollen aktuellere Daten zur Zu- und Abwanderung erhoben sein.

So imposant die aggregierten Zahlen der Region klingen, so ernüchternd fallen die Bilanzen der einzelnen Städte aus. Das zeigt ein Blick auf das jährliche Städteranking der WirtschaftsWoche, wo Gelsenkirchen, Bottrop, Hamm, Hagen oder Herne seit Jahren auf den hinteren Plätzen rangieren. Die Autoren der aktuellen Studie kennen diese Probleme. Aber sie sehen in der Metropolregion mehr als nur die Summe der einzelnen Städte darin. Vergleiche man etwa die Zahl an Theaterplätzen, so Dieter Hecht, könnte jede einzelne Stadt zwar nicht mit Berlin mithalten. „Aber dort betrachtet man ja auch nicht Spandau und Kreuzberg getrennt.“ Wobei der Vergleich, wie Hecht selbst einräumt, ein wenig hinkt: „Bislang ist der öffentliche Nahverkehr noch sehr verinselt, die Fahrpläne sind schlecht aufeinander abgestimmt.“

Ob das Ruhrgebiet nun wirklich zur international angesehenen innovativen Metropole wird, wie es die Bundeshauptstadt geschafft hat, bleibt abzuwarten. Zunächst sei jetzt Imagearbeit nötig, um zu zeigen, dass das Bild von „Kohle, Stahl und wenig Umweltqualität“ nicht mehr stimme. Und das neue Bild? „Wir haben ähnliche Voraussetzungen“, sagt Dieter Hecht, „aber was aus der Region wird, das ist noch offen.“

So viel Arbeit, so wenig Aufmerksamkeit: Knapp 138.000 Studenten haben im vergangenen Jahr den Master an einer deutschen Hochschule gemacht – doch die meisten Masterarbeiten verschwinden nach dem Abschluss auf ewig in der Versenkung. Schade eigentlich. Denn tatsächlich schlummern in vielen Arbeiten wertvolle Ideen – und diese Ideen haben eine Bühne verdient. Deshalb suchen wir auch in diesem Jahr gemeinsam mit dem Bundesverband Deutscher Volks- und Betriebswirte den „Supermaster“. Jetzt bewerben!

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