6 Monate Frauenquote Frauen an der Spitze bleiben selten

Deutschlands 30 wichtigste Konzerne erfüllen knapp die gesetzlich verordnete Frauenquote in ihrem Aufsichtsrat. An der Spitze sieht es jedoch weiter dürftig aus.

Die bestbezahlten Aufsichtsräte Deutschlands
Platz 10 und 9: Werner Wenning (Bayer und Eon) Quelle: APN
Platz 8:  Manfred Bischoff (Daimler) Quelle: dpa
Platz 7: Manfred Schneider (RWE) Quelle: dpa
Platz 6: Gerd Krick (Fresenius) Quelle: imago
Platz 5: Jürgen Hambrecht (BASF) Quelle: dapd
Platz 4: Wolfgang Reitzle (Linde) Quelle: dpa
Platz 3: Simone Bagel-Trah (Henkel) Quelle: REUTERS
Platz 2: Gerhard Cromme (Siemens) Quelle: dpa
Platz 1:  Paul Achleitner (Deutsche Bank) Quelle: dpa


Es gibt immerhin eine gute Nachricht für alle Befürworter der gesetzlichen Frauenquote: Die Auflagen wurden erfüllt. Zumindest fast. Bald besetzen Frauen 74 der 260 Aufsichtsratspositionen auf der Arbeitgeberseite. Musterschüler im Erfüllen der Quote ist Dax-Neuling und Immobilienunternehmen Vonovia. Dort sitzen künftig sogar vier Frauen im Kontrollgremium.

Weitere 14 Dax-Konzerne kommen auf je drei Aufsichtsrätinnen. Nicht so gut sieht es hingegen bei HeidelbergCement und Infineon aus. Bei Infineon sitzen zwei Frauen im Aufsichtsrat, HeidelbergCement kann nur eine einzige Frau im Kontrollgremium vorweisen. Dem krisengebeutelten Autobauer VW kam ausgerechnet das männerdominierte Land Katar zu Hilfe. Künftig wird die Ingenieurin Hessa Al-Jaber im VW-Aufsichtsrat sitzen.

Freiwillig geschah dieser Frauen-Schub nicht: Es sei offensichtlich, dass die Unternehmen nur ihrer gesetzlichen Pflicht nachkämen, so Christine Stimpel. Die Partnerin der US-Personalberatung Heidrick & Struggles sagt: „Ich sehe noch bei keinem Unternehmen den Willen, mehr zu tun als das vom Gesetzgeber geforderte Minimum an weiblichen Aufsichtsräten zu erfüllen.“ Geschweige denn, dass eine Frau der Aufstieg an die Spitze eines Aufsichtsrats gelänge – einzige Ausnahme: Der Chemiekonzern Henkel mit Simone Bagel-Trah.

So hoch ist der Frauenanteil in den Dax-Konzernen

Die Frauenquote von 30 Prozent gilt seit nunmehr einem halben Jahr für neu zu besetzende Aufsichtsratsposten in etwa 100 großen Unternehmen. Rund 3500 weitere Unternehmen sind verpflichtet, eigene Ziele für Aufsichtsrat, Vorstand und oberstes Management zu setzen. Das Gesetz soll den Anteil von Frauen in Führungspositionen deutlich verbessern.

Stimpel kritisiert die Unternehmen: Viel zu oft schielten die Entscheider beim Besetzen der Aufsichtsräte nur nach den Frauen, die schon andere Mandate oder bereits Vorstandserfahrung hätten. Um eben kein Risiko einzugehen. Außerhalb der Industrie zu suchen – das behage vielen nicht, so die Personalexpertin. Dabei könne man qualifizierte Kandidatinnen durchaus auch an Hochschulen, in großen Verbänden oder der Beratungsbranche finden.

Mehr als jede zweite GmbH hat keinen Aufsichtsrat

Doch es sind bei weitem nicht nur die 30 Dax-Unternehmen, die von der gesetzlichen Quote betroffen sind. Auch viele GmbHs müssen dieser Pflicht nachkommen. Doch das tun sie noch immer häufig nicht. Würden alle Unternehmen ihre Gesetzespflicht ordentlich erfüllen, stünden karrierewilligen Frauen laut Walter Bayer doppelt so viele Aufsichtsratsposten zur Verfügung. Bayer hat an der Universität Jena einen Lehrstuhl für Handels- und Gesellschaftsrecht inne. Er hat errechnet: Von den GmbHs, die gesetzlich verpflichtet sind, einen Aufsichtsrat zu installieren, kommen dieser Pflicht nicht einmal die Hälfte nach. 56 Prozent sparen sich den Aufsichtsrat samt Arbeitnehmermitbestimmung und Frauenbeteiligung.

Zehn Dinge, mit denen Frauen ihre Karriere riskieren

„Betriebsräte oder eine Gruppe von Arbeitnehmern können bei Gericht ein Statusverfahren auf Einrichtung oder korrekte Besetzung des Aufsichtsrats einleiten“, sagt Kristina Klaaßen, Gesellschaftsrechtlerin bei der Kanzlei Linklaters. Das gilt allerdings nur für Unternehmen mit mehr als 500 Mitarbeitern.

Doch auch mit den bestehenden Mandaten haben Experten so ihre Not. „Wenn Frauen in die Aufsichtsräte kommen, werden sie in der Praxis oft außen vor gehalten, indem sie beispielsweise nicht in wichtige Ausschüsse aufgenommen werden“, sagt Wirtschaftsstrafanwältin Simone Kämpfer aus der Düsseldorfer Kanzlei tdwe, die auch selbst als Aufsichtsrätin tätig ist. Es bleibt also trotz erfüllter Quote häufig alles beim Alten: Die wichtigen Entscheidungen fallen ohne die Frauen.

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